»Die Zeit schreit nach Satire« – Zum Mordanschlag auf die Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« in Paris

Die Würde muss es sich gefallen lassen, daß sie manchmal am Bart gezupft wird.

schrieb Kurt Tucholsky, dessen 125. Geburtstag wir dieser Tage begehen, im Jahr 1924. Die Festveranstaltungen zu diesem Anlass sind überschattet von der Anschlagserie in Frankreich, die mit dem feigen und hinterhältigen Mordanschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris begann.

Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen, Freunden und Trauernden.

Dieser Anschlag berührt uns in besonderer Weise. Kurt Tucholsky war und ist einer der wichtigsten und bedeutendsten Satiriker deutscher Sprache. Sein Diktum Was darf Satire? Alles! wurde nicht zufällig in den letzten Tagen besonders häufig zitiert.

Tucholsky lebte viele Jahre als Korrespondent in Paris, hier ruhte er von seinem Vaterlande aus. Seine Pariser Zeit gehört zu seinen wichtigsten Schaffensperioden, zu Frankreich hatte er stets eine besondere Verbindung. Und schließlich hat auch die Kurt Tucholsky-Gesellschaft selbst Mitglieder in Frankreich und tagte zum 20jährigen Jubiläum 2008 in Paris.

Wir können und wollen also zu diesem infamen Anschlag, der nicht allein einer Zeitschrift, sondern der Idee der Meinungsfreiheit selbst gilt, nicht schweigen.

Die Möglichkeit, ungehindert und offen gesellschaftliche Zustände karikieren zu können, ist ein wesentliches Merkmal einer offenen, einer freien Gesellschaft. Der Spielraum, den Satire dabei hat, kann geradezu als Indikator dafür gelten, wie frei und offen eine Gesellschaft ist.

Eine freie und offene Gesellschaft aber ist naturgemäß verletzlich. Sie ist es jedoch weit weniger durch fanatisierte Kämpfer für eine Ideologie jeglicher Couleur, sie ist es weit mehr durch Angst.

Es ist die Angst, die montags Menschen auf die Straßen treibt, um gegen ein Phantom zu demonstrieren. Es ist die Angst, die die Politiker jetzt zusammeneilen lässt, um Maßnahmen zu ergreifen. Es ist die Angst, die dazu führt, dass im Namen der Freiheit die Freiheit erwürgt wird.

Lassen wir uns nicht von der Angst überwältigen, begegnen wir dem Terror so, wie er es verdient hat: Lachen wir ihm ins Gesicht. Genau so, wie es Satiriker und Karikaturisten aus der ganzen Welt in den letzten Tagen eindrucksvoll gezeigt haben. Nur, wenn wir es zulassen, dass wir aus Angst zu einer unfreien, verschlossenen Gesellschaft werden, nur dann wird der Terror gewinnen. Ursache für diesen Terror sind nicht Karikaturen und ist nicht der Glaube an Allah (was sich schon allein daran zeigt, dass es ein Polizist muslimischen Glaubens war, der sich den Attentätern entgegenstellte und dafür mit dem Leben bezahlte).

Es hört sich gewiss ein wenig schwülstig an, aber ich bevorzuge stehend zu sterben, anstatt auf Knien zu leben. (Stéphane Charbonnier)
Wenn wir als Gesellschaft unsere Solidarität mit den Opfern ernst meinen, dann sollten wir nicht nur Charbs Mut bewundern und unsere Profilbilder in sämtlichen sozialen Medien ändern, dann müssen wir jetzt, hier und heute aufstehen und uns den Feinden einer offenen und freien Gesell-schaft entgegenstellen, mögen sie kommen, woher sie wollen.

Und dafür gibt es nur eine wirksame Waffe: Gelassenheit. Wer jetzt mit Panik reagiert, wer jetzt Bürgerfreiheiten einschränkt, wer jetzt meint, Flüchtlingen ihre Menschenrechte abzuerkennen, würde unsere Probleme lösen, der spielt das Spiel des Terrors mit. Der schaufelt das Grab der Offenheit, der Freiheit, der Demokratie. Lassen wir das nicht zu.

Der Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft.

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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