[Rezension] Futura: Die Schrift

Es gibt verschiedene Wegmarken, die als Beginn der »Mo­derne« gelten. Die Futura von Paul Renner ist eine solche. Sie war die Schrift der neuen Gestaltung und der Bau­hausbewegung. Im München der späten Zwanzigerjahre wurde sie Zeitzeuge des Grabens, der sich zwischen dem weltoffen-liberalen Zeitgeist des Konstruktivismus und dem erstarkenden Faschismus auftat. Und weil eine Schrift sich nicht aussuchen kann, wer sie nutzt, diente sie beiden Seiten.

In Paris begann sie ihre internationale Karriere unter anderem Namen, im aufstrebenden New York wurde sie die Lieblingsschrift der Werbeagentu­ren und fand von dort in den Fünfziger- und Sechzigerjahren den Weg zu­rück in das Land ihrer Erfindung.

Was der Verlag Hermann Schmidt Mainz hier vorgelegt hat, ist nicht nur ein »Geburtstagsgeschenk«, es ist geradezu eine Liebeserklärung an eine der wirkmächtigsten Schriften des 20. Jahrhunderts.

Hochkarätig die Autor_innen des Buches: Isabel Naegele lehrt Typografie und Gestaltungsgrundlagen an der Hochschule Mainz, Petra Eisele De­signgeschichte und Designtheorie ebendort und die Kunsthistorikerin An­nette Ludwig ist Direktorin des Gutenberg-Museums. Die sorgfältige Ge­staltung und die üppige Ausstattung machen dieses Buch zu einem ästhe­tischen Genuss.

Aber eben nicht nur das: Es gelingt den Autor_innen eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts anhand der Wirkungs- und Verwendungsgeschichte dieser Schrift und ihrer Varianten. Ganz großartig und gerade in der Frühzeit ihrer Geschichte eröffnet sich so ein ganz bemerkenswerter Blick auf Geist und Kultur der Weimarer Republik, aus denen heraus sie ja er­schaffen wurde.

Die weite und stete Anwendung der »Futura« eröffnet einen ganz beson­deren Blick auf das an Verwerfungen nicht arme vorige Jahrhundert – und zeigt darüber hinaus, dass die Geschichte der »Futura« keineswegs Ver­gangenheit ist, sondern in die Zukunft weist: Als typographische Inkarna­tion der Moderne, sozusagen.

Steffen Ille

Petra Eisele, Annette Ludwig, Isabel Naegele: Futura. Die Schrift. Hermann Schmidt Mainz 2016. Fadengehefteter Festeinband mit Folienprägung und silbernem Kopfschnitt. 520 Seiten. 50,- € ISBN 978-3-87439-893-0

P.S. Als Referenz zum 90. Geburtstag wurde die Printausgabe dieses Rundbriefs in einer Futura-Variante gesetzt.

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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