[Rezension] Tucholsky – eine Revue – eine Hommage.

Neuer Triumph der Tucholsky-Bühne: Tucholsky – eine Revue – eine Hommage.

Nein, diesmal keine Premiere, die am 8. Januar in Minden aufgeführte Revue ist von den SchauspielerInnen der Kurt Tucholsky-Bühne unter Leitung von Eduard Schynol schon im September 2016 zum 20jährigen Jubiläum der Bühne uraufge­führt worden.
Also nur eine Wiederholung der beiden bisherigen Tucholsky-Biographicals dieses Ensembles? Mitnich­ten! Als erste Neuheit kündigte Moderator Bernd Brüntrup eine Weltpremiere an: Eine waschechte Tucholsky-Enkelin.

Die Abiturientin Maria Wrobel ist zwar mit Ignaz gleichen Namens weder versippt noch verschwägert, aber sie erwies sich als ausge­sprochen talentierte Sängerin. Ihre hauchende, wohl modulierte Stimme passte ideal zu den selbstkompo­nierten oder aus den USA stammenden Songs, dar­unter einer besonders schönen von Billie Holliday. Ein viel­versprechender erster Auftritt: Peter Panter, der Chanson-Abende rezensierte, hätte sich gefreut.

Dann die eigentliche Revue, mit in Minden wohlbekannten Darstellerinnen wie An­nette Duwenkamp-Bütow, Thea Luckfiel und der als furchterregenden Kriemhild in Erinnerung gebliebenen Antje Baumgart. Doch sollte an dieser Stelle eine zweite Neue herausgehoben werden. Susanne Spitzmüller übernahm es, mein Lieblings­lied Der Graben zu singen: Keine leichte Aufgabe, denn sie befand sich damit gewissermaßen in Idealkonkurrenz gegen die Aufnahmen von Ernst Busch und Gisela May. Doch ging sie mutig und entschlossen ans Werk, schuf eine gelungene Eigeninterpretation, riss das Publikum zu kurzem atemlosen Schweigen und dann zum begeisterten Beifall hin. Nach der Pause brillierte sie erneut als schüchternes Mädchen im Japan-Lied.

Der dritte Neue heißt Eduard Schynol. Ja doch, wir kennen ihn seit Jahren als be­gabten Regisseur, auch als Autor einiger Revue-Songs. Doch hier agierte der Mittel­feldregisseur nicht nur wie Günter Netzer aus der Tiefe des Raums, sondern glänz­te mit zwei Toren. Das erste, Ein älterer, aber leicht besoffener Herr, könnte sogar zum Tor des Monats werden, wobei die Besoffenheit des Wahlbeobachters nach reichli­chem Alk-Genuss bei jeder Wahlveranstaltung verständlich war. Hier galt der Ap­plaus nicht nur dem allseits beliebten und geachteten Ensemble-Chef, sondern vor allem diesem besonders gelungenen Auftritt, dem er als mit den Nerven fertige Ehefrau in Ein Glas klingt einen zweiten Erfolg, pardon, ein zweites Tor, folgen ließ.

Eine dritte Innovation: Die Verbindung des Gedichts Mutterns Hände mit der auf die Kanzlerin gemünzten Neuschöpfung »Muttis Hände«. Normalerweise vertrete ich bei Neuschreibungen von Tucholsky-Texten den Luther-Standpunkt: »Das Wort, ihr sollt es lassen stahn«. Doch hier muss zugegeben werden, dass das Originalgedicht leicht ins Kitschig-Sentimentale umkippen kann und meiner Ansicht nach nur durch den Gebrauch des Berliner Dialekts gerettet wird. (Empörte Zuschriften nehmen ich gern entgegen, beweisen sie doch, dass ihr diese Rezension tatsächlich bis hierher gelesen habt.) Zweitens finde ich die Parodie, wie Angie ihre männli­chen Konkurrenten in den Sack steckt (wegmerkelt?) so gelungen, dass sie vor den NRW- und Bundestagswahlen ein größeres Publikum verdiente. (Dabei deute ich nur meine sozialdemokratischen Sympathien an: In der Flüchtlingsfrage hat Frau Merkel sich tausendmal christlicher/menschlicher verhalten als die britischen Regierungspolitiker.)

Was sonst noch zu sagen wäre? Die Ensem­ble- bzw. von den Frauen vorgetragenen Stücke gut gelungen, obwohl es schwierig ist, gleichzeitig toll singen, gut tanzen und überzeugende Schauspielerinnen zu sein. (Weil ich in allen drei Disziplinen passen muss, will ich hier nicht als oberschlauer Kritiker gelten.) Die beiden Pianis­tinnen Anna Somogyi und Barbara Grote verdienen großes Lob. Ähnliches gilt meinem Kumpel, dem Moderator mit der Fliege, für seine klugen Überleitungen und Hin­weise auf politisch/menschliche Themen wie die Tausende 2016 im Mit­telmeer er­trunkenen Flüchtlinge sowie die allzu häufigen gegen Ausländer gerichte­ten Brand­anschläge.

Wie seine Witwe Mary oft betont hat, war Kurt Tucholsky nicht nur der beliebte Humorist, sondern auch der engagierte linke Humanist, der Deutschland und Europa noch heute manch guten Rat zu geben hätte. So gesehen, boten das für die »Nie-wieder-Krieg!«-Demonstrationen geschriebene Gedicht Drei Minuten Gehör! und die Anti-Nazi-Satire Rosen auf den Weg gestreut einen besonders gut gewählten Schlusspunkt.

Ian King

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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