In Amerika entdeckt: Kabinettfoto von Berta und Flora Tucholsky

»Ich hatte sie sehr gern – sie waren so grundanständig« (Kurt Tucholsky über seine Tanten)1

Das Kabinettfoto, das Kurt Tucholskys Tanten Berta (rechts im Bild) (geboren am 8. Juni 1856 in Greifswald) und Flora (geboren am 14. September 1864 in Greifswald), die Schwestern seines Vaters Alex, zeigt, wurde um 1895 in Stanis­lawow/Ost-Galizien (damals Österreich-Ungarn) im Fotostudio Leo Rosenbach aufgenommen. Das Foto gelangte nun über 120 Jahre später auf abenteuerli­che Weise von Amerika nach Deutschland.

Verkauft wurde es 2016 auf einem amerikanischen Flohmarkt in Saint Louis im Bundesstaat Mis­souri. Die Käuferin bot das Foto zum Wiederverkauf im Inter­net an, woraufhin es die Autorin entdeckte, einen moderaten Preis dafür zahlte und das schöne und sehr seltene Kabinettfoto schließlich ca. zwei Wochen spä­ter in den Händen hielt. Die Freude war groß, als sie erkannte, um wen es sich auf dem Foto handelte.

Klar erkennbar sind die Namen der beiden Schwestern, erahnen kann man weiter noch: »Schwestern von Alex Tucholsky«. Gut möglich, dass sich die bis zu ihrem Tod unver­heirateten Tanten Tucholskys längere Zeit dort bei Verwand­ten aufhielten. »Frau Flora Tucholsky, Sta­nis­lau« konnte man z.B. im selben Jahr auf einer Liste (Jg. 4 (1895) Nr. 10, S. 381–383) der Öster­­rei­chi­schen Gesell­schaft der Friedens­freunde lesen. Die Lehrerin Flora Tucholsky hatte zwei Kro­nen als Mitgliedsbeitrag oder Spende bezahlt. Am Untertitel Die Waffen nie­der! lässt sich eine gewisse Geistes­verwandtschaft zu Kurt erkennen, der später ein­mal »Soldaten sind Mör­der« schreiben sollte. Dass es in Stanislawow (bzw. Sta­nislau) eine Familie Tu­chols­ky gegeben haben muss, beweist auch der Eintrag im Pester Lloyd vom 15.7.1891 auf S. 6. Damals stieg dort – laut »Frem­den­liste des ›Grand Hotel Hungaria‹« in Budapest – »F. Tu­cholsky s.[amt] Töchter, Sta­nislau« ab. Die genaue Identität dieser Familie konnte derzeit nicht ermittelt werden und muss an dieser Stelle zunächst offen bleiben.

Im Jahr 1899 ließ sich Berta in Wien in der Lutherischen Stadtkirche taufen. Ihre genauen Lebensstationen können dort nicht vollständig rekonstruiert werden, weil die hi­sto­ri­schen Wiener Meldeunterlagen lückenhaft sind. Um diese Zeit wohnte sie im Leh­re­rinnenheim der Stadt in der Wipplingerstraße 8. Unter die­ser Adresse hatte sie ein Jahr zuvor einen Brief an Samuel L. Clemens in Ameri­ka geschrieben2. Dahinter ver­barg sich der von Berta hoch verehrte Schriftstel­ler Mark Twain, dessen Werke sie gerne ins Deutsche übersetzt hätte.

Das Kabinettfoto dient auch als Beweis, dass schon früh ein Kontakt zwischen den preußischen Tucholskys und ihrer amerikanischen Verwandtschaft in Saint Louis bestand, einer Verwandtschaft, die vereinzelt aus der Kurt Tucholsky-Ge­samtausgabe hervorgeht.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der preußische Lehrer Neumann Tucholsky mit seiner Ehefrau Johanna geb. Arnfeld und den gemeinsamen fünf Kindern nach Amerika ausgewandert und hatte sich in Saint Louis nieder­ge­lassen, wo er vier Jahre nach seiner Einbürgerung (die Einbürge­rungsurkunde datiert vom 19. April 1886) im Jahr 1890 verstarb

Seine Enkelin, Rose Tuholske, hatte Kontakt zu Kurt Tucholsky, was durch Briefe in der Tucholsky-Gesamtausgabe be­legt ist. Kurts Bruder Fritz half sie mit einem affidavit (einer Art Bürgschafts­erklärung von Verwandten oder Freunden wäh­rend der NS-Zeit, damit Verfolgte aus Deutschland in die USA einreisen konn­ten), schnell in Amerika unterzukommen, weil die Situation in Deutschland für ihn immer bedrohlicher wurde. Seines Amtes bei der Berliner Stadtverwaltung enthoben, gelang ihm über Prag die Flucht nach Amerika, wo er jedoch bereits 1936 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Im Jahr 1899 kam es zu der einzigen persönlichen Begegnung zwischen Rose und dem damals neunjährigen Kurt, als ihr Vater sie auf einer längeren Euro­pareise mitnahm, die sie auch nach Berlin führte.

»Und Sie wollen mich nicht heiraten? Sie bleiben dabei3

Wie ihre Cousine Doris Tucholski, der Mutter Kurts, wird Berta ihre Lehrerin­nen-Ausbildung am Königlichen Lehrerinnen-Seminar in Berlin absolviert ha­ben. Ihren Lebens­­unterhalt verdiente sie sich als Erzieherin und Leh­rerin, gele­gentlich aber auch als Schrift­stellerin und Über­setzerin.

So veröffentlichte sie z.B. einige Feuille­ton­­­­­artikel im Pester Lloyd. Ihre gelungene Übersetzung des englischsprachigen Romans Jane Eyre erschien 1927. Die nordenglische Pfarrerstochter Charlotte Brontё hatte ihn im Jahr 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlicht, wohl in der voraus­­schauenden Angst vor Ablehnung des Romans aufgrund ihres Geschlechts. Es sollte noch eine lange Zeit ver­gehen, bevor auch weibliche Autoren in der Gesellschaft ak­zeptiert werden würden, eine Erfahrung, die Berta vermutlich als alleinstehen­de Frau auch nicht unbekannt war.

Kurt mochte seine Tante Berta sehr, das unsichtbare Familienband zwischen ih­nen war sehr eng. Als Tu­cholsky sich 1928 wegen eines Zahn­ge­schwürs operie­ren lassen musste und sich vorübergehend deformiert so auf keinen Fall der Öf­fentlichkeit prä­sentieren wollte, hatte er nur Tante Berta eingeweiht:

Ich sage überall, daß ich »bei Ver­wand­t­en« wohne, ohne Telefon, u. der Tante Berta habe ich gesagt, was los ist. Adresse gibt’s nicht. Kopf ist noch dick.4

An Berta war auch bereits 1908 die berühmte Widmung auf der Rückseite mit dem Foto Tucholskys gerichtet, in der er ihr ohne Scheu anvertraute:

Außen jüdisch und genialisch, innen etwas unmora­lisch, nie alleine, stets à deux: – der neveu!

Berta kehrte später wieder nach Berlin zurück. Die Tatsache, dass sie sich Jahre vorher in Wien hatte evangelisch taufen lassen, war keine Garantie dafür, dass sie den national­sozialistischen Schikanen entgehen konnte. Von der »Judenver­mögensabgabe« wurde sie nicht befreit, 1938 musste sie daher »auf Grund der Durch­führungsverordnung über die Sühneleistung der Juden vom 21. Novem­ber 1938 (Reichsgesetzblatt I S. 1638)« die für sie festgelegte Abgabe von 1.400 Reichs­mark zahlen, was »20 von hundert des angemeldeten Vermögen« ent­sprach. Ab­zuleisten war die Zahlung in Teilbeträgen von 350 Reichsmark. Bei nicht rechtzeitiger Zah­lung drohte ein Säumniszuschlag von zwei von hundert des rückständigen Be­trages. Bei nicht erfolgter Zahlung erfolgte die Zwangsvoll­streckung5.

Berta Tucholsky wurde am 29.8.1942 in The­re­sien­stadt ermordet, sie wurde 83 Jahre alt. Als Todesursache nannte ihre Todesfallanzeige: »Erschöpfung der Herz­kraft«. Ihr Name ist auf dem Grabstein ihrer Schwester Flora, die bereits am 20. Au­gust 1929 in Berlin gestorben war, auf dem jüdischen Friedhof Wei­ßensee in Berlin verewigt (Feld A 7).

Bettina Müller

Die Autorin steht kurz vor der Vollendung eines 35seitigen Aufsatzes mit weiteren neuen Erkennt­nissen über die Familie Tucholsky, u.a. über ihre ame­ri­kanische Verwandtschaft (Veröffentlichungs­ort und -termin stehen noch nicht fest); Kontakt: b-mueller-koeln@nullt-online.de)

1 Bemmann, Helga: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild. Berlin 1990. S. 55.

2 vgl. Brief Berta Tucholsky an Mark Twain (Samuel L. Clemens) v. 2.3.1898, Wien, in: Mark Twain Project and papers, University of Berkeley, California, Signatur UCLC 46196

3 Currer Bell (= Charlotte Brontё): Jane Eyre. 1927, S. 335

4 aus einem Brief an seine zweite Ehefrau Mary Tucholsky, Berlin, v. 18.1.1928, in: Kurt Tucholsky Ge­samt­ausgabe 19, S. 9

5 vgl. Bescheid über die Juden­­vermögensabgabe v. 6.12.1938 an Berta Tucholsky, Berlin, in: Akademie der Künste, Literaturarchiv, Tucholsky 197; 03 Per­sönliche Do­kumente

Anmerkung: Eine leicht veränderte Version dieses Beitrags erschien am 28. Dezember 2017 im Neuen Deutschland.

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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