Deniz Yücel: “Wer ist bloß diese Satire, die angeblich immer alles darf?”

Deniz’ hervorragende “Überlegungen aus aktuellem Anlass” vom 27. Juni 2020, die an Tucholskys Satireverständnis anknüpfen, dürfen wir mit freundlicher Genehmigung der Zeitung “DIE WELT” auf unserer Homepage veröffentlichen:

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“, beginnt ein unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel veröffentlichter Text von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1919.  Ein Jahrhundert,  eine „taz“-Kolumne“ und ein Horst Seehofer später ließe sich feststellen: An Tucholskys Befund hat sich nichts geändert. Und er gilt auch für nicht ganz so gute politische Witze. Nun, wo der Bundesinnenminister nicht völlig überraschend, aber auch nicht ganz freiwillig Abstand von seiner bescheuerten wie gefährlichen Idee genommen hat, Strafanzeige gegen die „taz“-Autorin Hengameh Yaghoobifarah zu erstatten und so ziemlich jede und jeder seine zwei Cents dazugegeben hat (na klar, ich auch), dürfte der Müll-Streit allmählich ausklingen. Doch die Themen, die er berührte, werden bleiben. Über einige da- von (Wie tickt die Polizei?) ist bis zum Mord an George Floyd zu wenig gesprochen worden, andere kehren regelmäßig wieder. Zu diesen Evergreens zählt die Frage, die im Titel  des  eingangs  zitierten  Aufsatzes steht:

„Was darf die Satire?“ Tucholsky Antwort kennt heute jedes Kind: Juhu, alles! Zuletzt waren es die Fürsprecher von Yaghoobifarah, die mal mehr, mal weniger gekonnt versuchten, den fraglichen Text in der „taz“ zu einer Satire zu erklären. Doch auch AfD-Politiker und andere Rechtsradikale, die keine sein wollen, wissen: Wenn ihnen gar nichts mehr zur Verteidigung eines rassistischen oder antisemitischen Auswurfs einfällt, können sie immer noch „War nur Satire!“ rufen. Dafür muss man Tucholsky nicht zitieren; das Attribut „Darf alles“ ist inzwi- schen so untrennbar mit „Satire“ verbunden wie „Erwachsenen ebenso“ mit Haribo – aber außerdem unumstritten. Niemand, keine Annegret Kramp-Karrenbauer und keine Saskia Esken, kein Ring Deutscher Makler und keine Autonome Antifa, würde dem Diktum widersprechen. Wer dennoch gegen eine Satire protestieren will, kommt an einem Bekenntnis nicht vorbei: „Natürlich darf Satire alles, aber …“ – welch posthume Karriere eines brillanten Publizis- ten, der 1935 im schwedischen Exil verarmt und einsam verstarb. (Ein anderer Drei- Worte-Satz aus seiner Feder, nämlich „Soldaten sind Mörder“, sorgte hingegen noch bis Mitte der Neunzigerjahre für strafrechtliche Verfolgung, wobei man fragen darf, ob Tucholsky, ein Protestant jüdischer Herkunft und Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, sein Diktum nach Auschwitz nicht relativiert hätte.)

Umso fester steht das Satire-Diktum. Doch hier ist nicht nur entscheidend, was hinten rauskommt. Ehe Tucholsky am Ende seines Manifests der Satire bescheinigt, alles zu dürfen, definiert er in wenigen Zeilen, was das ist. Wer sich explizit oder implizit auf ihn beruft, sollte diese Definition kennen. Und wer sie kennt, der ahnt, dass zwar manche, aber eben nicht jede Unflätigkeit als Satire durchgehen kann. Und er weiß: Das entwertende (und entschuldigende) Wörtchen „nur“ ist im Zusammenhang mit dieser Kunstform fehl am Platz. Denn die Satire dient nicht der Unterhaltung, sondern der Kritik. Ihr Ziel ist nicht das Amüsement, sondern die Aufklärung. (Als jemand 2011 auf die lustige Idee kam, mir den Kurt-Tucholsky-Preis zu verleihen, habe ich das schon mal gesagt, man möge mir das Selbstzitat nachsehen.) Dieser Anspruch jedenfalls unterscheidet die Satire von Klamauk und Witzischkeit und macht sie zu einer Verwandten der Polemik, über die der große, im Dezember vorigen Jahres verstorbene Hermann L. Gremliza mal schrieb: „Die Polemik ist ein Stilmittel der Aufklärung und deshalb unter den Deutschen so unbeliebt wie diese“ – ein Satz, der beiläufig den Unterschied zwi- schen Satire und Polemik illustriert.

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist“, schreibt Tucholsky. „Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Dabei muss die Satire nicht benennen, wie man die Dinge besser machen könnte, sie muss nicht konstruktiv sein, und wo sie dies versucht, geht’s schief. Die Satire richtet sich nicht gegen Einzelne, sondern gegen Institutionen, nicht gegen die Schwachen, sondern gegen die Mächtigen – wobei sich die Kategorie auch Milieus und Peergroups einschließt, die nicht halb so ausgegrenzt und schwach sind, wie sie gerne für das Gedeihen ihrer individuellen Karrieren behaupten. Und die Satire richtet sich gegen alle, die „das Schlechte“ repräsentieren. Nicht individuell gegen die „Darstellenden“, wie es bei Tucholsky heißt, sondern gegen das „Dargestellte“. „Satire scheint eine durchaus negative Sache“, schreibt er. „Sie sagt: ‚Nein!‘ Eine Sati- re, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine.“ Er hätte auch sagen können: Eine Satire von rechts ist keine –  was wiederum zu der interessanten Beob- achtung führt, dass die Satire fast immer und fast zwingend von links kommt, Linke aber   in der Regel sehr viel schneller als Liberale und Konservative beleidigt aufschreien,  wenn eine Satire nicht exakt ihr Weltbild be- stätigt oder sie gar selber zum Gegenstand von Spott werden, woran wiederum der Sati- riker leidet. Es tue weh, hat der ebenfalls im vergangenen Jahr verstorbene Satiriker Wiglaf Droste einmal sinngemäß geschrieben, mitansehen zu müssen, wie eine Sache, der man selber anhänge, von lauter unfähigen Idioten vertreten werde.

Erst vor diesem Hintergrund kommen die Mittel der Satire zum Einsatz: Der Humor in all seinen Facetten, von derb oder albern über parodierend und uneigentlich sprechend bis grotesk, subtil oder feingeistig. „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ Ob man zum Florett oder zur Streitaxt greift, mag vom Gegenstand abhängen, der Zweck lautet: Lacht kaputt, was euch kaputtmacht. Noch einen apodiktischen Satz über den Satiriker hat Tucholsky bereit: „Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.“ Ein Satiri- ker, der ausblendet, dass er als Angehöriger des kulturellen Establishments, der er für gewöhnlich ist, Teil jener Verhältnisse ist, gegen die er anrennt, ist ein „gewissenloser Hanswurst“. Freilich räumt der Satiriker dies nicht als Selbstgeißelung ein, sondern mit ureigenen Mitteln. Ein Satiriker, der ohne Selbstironie auskommt, macht etwas falsch und im Zweifel etwas ganz anderes, komödiantischen Agitprop vielleicht. Dass in diesem Text die weibliche Entsprechung „Die Satirikerin“ fehlt, ist dem Original geschuldet. Die Singularform aber ist kein Zufall. So, wie Tucholsky Partei ergriffen hat und dabei das Gegenteil des Parteisoldaten war, sind der Satiriker – und die Satirikerin – Individualisten. Das schließt Freundschaft, Kollegialität und kollektives Arbeiten nicht aus. Aber der Satiriker und die Satirikerin ar- beiten nicht im „Wir“, sondern im „Ich“.

Um doch einmal auf Yaghoobifarah zu sprechen zu kommen: Das Schreiben und die Selbstinszenierung ihrer (vermeintlich) antirassistischen und queerfeministischen Peergroup durchzieht ein Wir und Die: Wir, die People of Color und ihre Verbündeten sind gut (weil unterprivilegiert), die Weißen,  die „Almans“ oder die „Kartoffeln“ sind schlecht (weil privilegiert). Dabei wäre gegen „Kartoffeln“ gar nichts einzuwenden, wenn dem nicht eine unfreiwillig komische Überachtsamkeit für einen nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch gegenüberstünde. Das ist  das Gegenteil von dem, wofür linke Antirassisten   einst   antraten.   Kanak   Attak   etwa (nicht zu verwechseln mit dem gleich klingenden Kinofilm, der nach der Auflösung des Netzwerks den Namen vereinnahmte), die 1998 in ihrem Gründungsmanifest formulierten: „Kanak Attak will die Zuweisung von ethnischen Identitäten und Rollen, das ‚Wir‘ und ‚Die‘ durchbrechen.“ Es lohnt sich, diesen Text vor dem Hintergrund der heute tonangebenden linksidentitären Debatte noch einmal zu lesen (und vor lauter Staunen das selbstironische Logo – eine umgewandelte Aldi-Tüte – nicht zu übersehen).

Zurück und abschließend: Auch eine Satire, die sich gegen die Mächtigen und das Schlechte wendet und aufklärerisch und selbstironisch ist, kann danebengehen. Denn die Satire muss provozieren, und wer provo- ziert, der riskiert – und kann scheitern. Ein Text oder ein Wort mag in aufklärerischer Absicht und in uneigentlicher Weise benutzt und trotzdem als geschmacklos, gar menschenverachtend empfunden werden. Im Streitfall muss das ausgehandelt werden, zur Not vor Gericht. Und selbst wenn es Grenzfälle gibt, über die man diskutieren kann, ist eine misslungene Satire kategorial von einer Nicht-Satire unterscheidbar. Die eine darf alles, die andere fast.

Hier noch der Link zum Artikel im originalen Druckbild.

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