Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hierAm 14. Februar 2018, genau ein Jahr nach der Verhaftung und kurz vor der un­erwarteten Freilassung Deniz Yücels feierte in Berlin der Freundeskreis das Er­scheinen eines neuen Buches, verbunden mit einem eindrucksvollen Autokorso für Deniz durch mehrerer Berliner Bezirke. Es folgte ein Lese-abend aus Yücels neuestem Buch unter Mitwirkung namhafter Persönlichkeiten u.a. Herbert Grö­nemeyer, Hanna Schygulla, Anne Will, Mark Waschke, Gustav Seibt, Aynur Doğan, Igor Levit, Thees Uhlmann unter der Veranstaltungsleitung von Doris Akrap (taz-Berlin). Sie war es, die in Absprache mit Deniz Yücel, 45 Zeitungsveröffentlichungen des Autors zusam-mengestellt und noch einmal veröffentlicht hat. Das Buch gliedert sich nach fünf inhaltlich zusammen-hängenden Themenbereichen, als da wären:

Scheißefinden und Besserwissen – Texte über Journa­lismus; Mathe für Ausländer – Texte über Deutsche und Ausländer; Biokoks und Vokalmangel – Über Dieses und Jenes; Ein irres Land – Über die Türkei; Korrespondent müsste man jetzt sein – Texte aus der Haft. In seinen Beiträgen bietet Deniz Yücel die Spannbreite eines objektiven bis ironisch –satirischen Journalismus für den er zu Recht im Jahre 2011 Preisträger der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft wurde. Eine Spannbreite, die auch der Na­mensgeber des Preises im Laufe seines viel zu kur­zen Lebens zeigte. Beispielge­bend sei auf zwei Artikel in Yücels Buch verwiesen, die aber keineswegs den Kauf des Bandes ersetzen können.

In seinem Beitrag „Super, Deutschland schafft sich ab“, in Anlehnung an einen ehemaligen Finanzsenator in Berlin, der bereits während seiner Senatorenzeit in einen Nationalismus übelster Sorte abgedriftet ist, macht sich Deniz Yücel

lustig über die Zukunft der Deutschen. Zitat: „Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaft­lich (so mit Zahlen und Daten) erwiesen: Deutschland schafft sich ab! Nur noch 16,5 Prozent der 81 Millionen Deutschen, so hat das Statistische Bundesamt er­mittelt, sind unter 18 Jahre alt, nirgends in Europa ist der Anteil der Minderjäh­rigen so niedrig. … Besonders erfreulich: Die Einwanderer, die jahrelang die Ge­burtenziffern künstlich hochgehalten haben, verweigern sich nicht länger der Integration und leisten ihren (allerdings noch steigerungs-fähigen) Beitrag zum Deutschensterben. Noch erfreulicher: Die Ossis schaffen sich als erste ab…“ (er­schienen am 4. 8.2011 in der taz)

An dieser Stelle bricht der Autor dieses Beitrages aus Rücksicht auf die ostdeut­schen Mitglieder der Gesellschaft lieber ab.

Wesentlich ernster ist Deniz Yücel in seinem Beitrag „Der Putschist“, indem er die Ereignisse und Zweifel der türkischen oppositionellen Bevölkerung an den wahren Urhebern des „Putsches“ von 2016 darstellt. War es wirklich das Militär unter Führung der „Gülenbewegung“, dann stellt sich die Frage, wieso ein gut ausgebildetes und mit westlicher Hilfe hervorragend ausgebildetes Heer nicht wissen sollte, dass Erdogan zu diesem Zeitpunkt in einem kaum bewachten Ho­tel Urlaub machte, und statt dessen das türkische Parlament bombardierte. Wieso verfügte Erdogan, der den „Putsch“ als „Geschenk Gottes“ bezeichnete, über eine Liste mit tausenden angeblicher beteiligter „Putschisten, die in den darauf folgenden Tagen verhaftet wurden?

Deniz Yücel erzählt in seinem Beitrag, der erstmals am 6.11.2016 in der „Welt am Sonntag“ erschien, sachkundig über die Ursachen der türkischen Rückent­wicklung unter Erdogan hin zu einem totalitären, kriegstreibenden Staat, wie er in den Anfangsjahren der „modernen“ Türkei unter seinem Staatsgründer Ke­mal Atatürk und seinen Nachfolgern bis hin in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bestanden hatte.

Der Abend für Deniz Yücel am 14.Februar 2018 endete ab 22 Uhr mit einer

Tanzparty, der ich mich aber erschöpfungshalber entzogen habe.

H. Jürgen Rausch

Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Doris Akrap. Hamburg 2018, Edition Nautilus, 224 S., 16 Euro, ISBN 978-3-96054-073-1
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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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