Kommentar von Jack Arscott zur neuen Weltbühne
Auf Anhieb erscheint es vielleicht falsch, die neue Weltbühne an ihrem Vorgänger zu messen. Womit ich nicht das schlecht geratene Blatt von Hermann Budzislawski meine, das in der DDR schnell in SED-verquickte Fahrwasser geriet, sondern die großväterliche Zeitschrift, dessen Gründer – ein gewisser Siegfried Jacobsohn – auf dem Titelseite der Neugeborenen prangt. Schließlich leben wir heute in anderen Zeiten, die sich durch andere Ängste, Debatten, Werte auszeichnen, als die die unseren Namensgeber, den schillerndsten journalistischen Zögling von S.J., beschäftigten.
Wenn nur das mit der Aufmachung nicht wäre. Wer sich mit Jacobsohn schmückt, erhebt einen Anspruch auf redaktionelles Fingergefühl und furchteinflößende Präzision; wer den klingenden Namen Weltbühne in der bekannten alten Schrift auf besagter Titelseite aufführt, will ehrfurchtgebietende Assoziationen mit einem in unser Zeitalter hineinragenden Ahne erwecken; wer sich selbst unverhohlen als „DER SCHAUBÜHNE CXXII JAHR“ bezeichnet, reiht sich ganz bewusst in eine Tradition ein, deren Hauptmerkmal eine unbestechliche Zeitkritik war, die zum Lachen, Weinen, Nachdenken und Sich-Empören gleichermaßen anregen konnte.
Alles kein Problem, wenn die dadurch angestachelten Erwartungen erfüllt werden. Beim Lesen der neuen Weltbühne beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass es dem zwielichtigen Verleger Holger Friedrich nicht einmal bewusst ist, worauf er sich mit seiner rechtlich umstrittenen Aneignung der Marke Weltbühne eingelassen hat. Ich wiederum habe eine Monografie zur inzwischen ‚ersten‘ Weltbühne verfasst, woraus ich mir das Recht ableite, die neueste Inkarnation nach deren Maßstäben zu beurteilen. So viel gleich vorweg: wir haben es hier mit keiner Wiederauferstehung zu tun.
Als Die Weltbühne 3.0 im Mai letzten Jahres lanciert wurde, fiel die Reaktion eher gedämpft aus. Der einzige Aufreger, der die auf der Webseite zu findende Behauptung stützt, die Neuauflage hätte für einen medialen „Furor“ gesorgt, war der Beitrag von Deborah Feldman. Darin warf sie dem Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vor, sein Judentum lediglich vorgetäuscht zu haben, und nahm anschließend die deutsche Mehrheitsgesellschaft ins Visier, die aus einer Art Selbstbezichtigungslust allzu gutgläubig auf solche vermeintlichen Manöver hereinfalle, um die Sünden ihrer Väter zu sühnen. Diese mögliche Verleumdung hat tatsächlich in der deutschen Medienlandschaft Wellen geschlagen, die aber dann ziemlich schnell nachgelassen haben.
Seitdem ist es um das Blatt ziemlich still geworden. Höchstens mit der Personalpolitik konnte diese Weltbühne Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So verkündete der dem Rassenkampf verpflichtete Herausgeber Behzad Karim Khani schon in der September-Ausgabe, dass der Historiker Per Leo den ehemaligen Russia Today-Moderator und bis vor Kurzem als Mitherausgeber fungierende Thomas Fasbender abgelöst hatte. Der Versuch, „ein Niemandsland, frei von der Giftigkeit des deutschen Diskurses“ zu entdecken, war offenbar an der Unüberbrückbarkeit ihrer politischen Stellungen gescheitert. Die Weltbühne war nicht dazu da, so Khani weiter, „Behauptungen aufzustellen. Namen zu verunglimpfen.“
Spätestens an dieser Stelle habe ich aufgehorcht. Denn diese dem dubiosen Fasbender hinterhergeworfene Spitze verrät zwar das Selbstverständnis dieser Zeitschrift. Gleichzeitig aber zeigt der Satz einen auffälligen Mangel an Selbstkenntnis. Karim Khanis Weltbühne trägt ihre Unverwundbarkeit stolz zur Schau, pocht auf ihren Wunsch, die angeblich erstarrte deutsche Debattenkultur aufzumischen, und beansprucht für sich unermüdlich – wenn auch indirekt – eine dicke Haut. Dieser Souveränitätshabitus kann jedoch über die Empfindlichkeit der Herausgeber nicht hinwegtäuschen, die sich lieber in Verunglimpfungen und billige Angriffe retten, als sich sachliche Auseinandersetzungen zu liefern, die die Gefahr einer Niederlage in sich bergen dürften. Mit anderen Worten: die Leitartikel in dieser Zeitschrift arbeiten häufig mit nichts anderem als Verunglimpfungen.
Das bis dato sprechendste Beispiel für diese Unsicherheit war in derselben Ausgabe zu finden, in der Karim Khani sich und sein Blatt von persönlichen Attacken distanzierte. Karim Khani leitete seinen Artikel ‚Männer, die auf Baustellen starren‘ mit einer überlegenen Abfertigung der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ein, der die Autoren der Weltbühne als „Schwurbler“ bezeichnet hatte. Den Namen Kowalczuk habe Karim Khani googeln müssen, was für ihn anscheinend einem Totschlagargument gleichkommt. Trotzdem lässt er sich dazu herab, sich ein paar Äußerungen Kowalczuks in den Sozialmedien anzuschauen. Sein Befund? „Ich ignoriere ihn, weil er mich zu sehr an die inselbegabten Verlierer erinnert, die es zum Lifestyle erklärt haben, auf X recht zu haben.“ Erwachsen diskutieren sieht freilich anders aus. Dafür können wir jetzt zu einem ergiebigeren Thema als diesem ins Leere greifenden Schlagabtausch übergehen, richtig?
Falsch. Karim Khani verwendet satte sieben Seiten darauf, diesen ihm angeblich so gleichgültigen Mann zu diskreditieren. Er versteigt sich sogar zum Totschlagargument schlechthin: Kowalczuk sei ein Verschwörungstheoretiker. Nun, die Kowalczuk zugeschriebenen Zitate, mit denen Karim Khani seinen Verriss spickt, machen ihn auch mir nicht sonderlich sympathisch; auch ich hatte seinen Namen nie gehört. Im Unterschied zu Behzad Karim Khani sehe ich aber ein Organ, das das Erbe von dem doch ziemlich geistreichen Satiriker Kurt Tucholsky zu pflegen vorgibt, als zu schade für kindische Bemerkungen wie die, dass der unliebsame Gegner angezogen sei „als wäre Sex eine Hypothese, die es zu widerlegen gilt.“ Als wäre damit nicht genug, wird der Leser informiert, dass Kowalczuks Figur „schreit: ‚Sport kenn ich. Hatten wir in der Schule!‘“ Zur Erinnerung: das erscheint in einer Publikation, die sich auf der eigenen Webseite „einem zwar leidenschaftlichen, aber doch respektvollen Austausch von Positionen“ verschreibt.
So viel zum geistigen Niveau des bis zum Neujahr federführenden Herausgebers. Siegfried Jacobsohn würde sich auch beim Anblick des Schreibstils im Grab umdrehen. Eine Blütenlese, angefangen mit dem Leitartikel vom letzten Juli, der einem nationalen Lagebericht ähnelt:
Ein Land, das eine Erzählung zu suchen vorgibt, sie aber nicht finden will. Der gesellschaftliche Hormonhaushalt fährt Achterbahn. Das Land reagiert provinziell verpickelt und urban verschwitzt. Verspätete Pubertät oder verfrühte Wechseljahre? Man spricht von Zeitenwende, aber die Worte verraten den Stimmbruch.
Hier darf auch der geduldigste Leser fragen: Bitte, was? Schlug man seinerzeit Jacobsohns Weltbühne auf, las man Zeitung. Taucht man in Karim Khanis ein, betreibt man Hermeneutik. Auch das langwierige Manifest, mit dem Per Leo im Oktober seine Mitarbeit einläutete, weist Köstlichkeiten auf, die der obigen in Nichts nachstehen. Nach einem ausladenden Exkurs in die Geschichte des New Yorker Nachtlebens, die Leo im Klub „Studio 54“ und seiner selektiven Einlasspolitik verkörpert sieht, schlägt er eine Brücke zu den Kriterien, die Aufnahme in die neue Weltbühne bedingen:
Die Kunst wird also darin bestehen, die Fugen unseres Blatts gegen all die Tsunamis aus Dreck und Scheiße abzudichten, um dafür unter der Erde und hoch im Himmel die Pole der Spannung zu identifizieren, die im Innenraum unsere „Weltbühne“ zum Leuchten bringen.
Schade eigentlich um die deutsche Sprache, die ich nicht zuletzt an Jacobsohns Weltbühne zu schätzen gelernt habe: sie ächzt förmlich unter dem Joch der gezwungenen Metapher. Und weil mir nicht nach Nachsicht zumute ist, muss ich Folgendes zu Protokoll geben. S.J. war dafür bekannt, dass er keinen Artikel aus der Hand gab, bis er sprachlich und rhetorisch wasserdicht war. Das Blatt, das sich heute mit dessen Name drapiert, wimmelt von orthographischen Fehlern, die Tucholskys publizistischem Ziehvater unmöglich entgangen wären.
Alles Geschmacksache, könnte man meinen. Von der Form könne man nicht auf den Inhalt schließen. Immerhin: mal abgesehen davon, dass diese Faustregel auf das Schreiben kaum zutrifft, bietet die neue Weltbühne karge Kost. Die politischen Lehren, die aus Tucholskys Weltbühne gezogen werden, sind auch mitunter verzerrend. „Soldaten sind Mörder“ brüllte die erste Nummer, um dann den sofortigen Stopp aller damals tobenden Kriege zu fordern. Bedingungsloser Pazifismus war also der Leitspruch, mit dem sich der Neuling Gehör verschaffen wollte. Dass eine Niederlegung der Waffen von seiten der Ukrainer mit einer Kapitulation an den nicht gerade verhandlungsfreudigen Putin gleichbedeutend wäre, schien dabei niemanden groß zu kümmern. Und damit sind wir – nicht zum ersten Mal in unserer Vereinsgeschichte – beim Thema „Tucholsky und Pazifismus“ angelangt. Denn Tucholsky, auf den sich Karim Khani und Co. in dieser Sache so gerne berufen, hat in der Tat sehr ergreifende Antikriegstexte geschrieben. Man denke nur an ‚Märtyrer‘, aus dem Jahre 1925, in dem er einen Besuch in einer französischen Gedenkstätte für die Opfer der revolutionären Schreckensherrschaft zum Anlass nimmt, den seit Menschengedenken von Kriegsdenkmälern begünstigten Revanchismus zu beklagen. Vom anderen Ende dieses weiten Feldes winkt jedoch ein anderer Halbsatz herüber, den derselbe Tucholsky im Jahr darauf im sonst brav pazifistischen Beitrag ‚Wo waren Sie im Kriege, Herr – ?‘ geschrieben hat: „ Wir erkennen die Pflichten nicht an, die Ihr uns auflegt – möglich, daß es Gebote gibt, die unser Blut und das unsrer Kinde fordern: der Patriotismus, der Kampf für diesen Staat gehören nicht dazu.“ Nun, auch Patriotismus ist bei Tucholsky ein dehnbarer Begriff, aber das gehört nicht hierher. Was aber sehr wohl hierher gehört, ist die Überlegung, dass die Verteidigung der westlichen Demokratie gegen eine räuberische Besatzungsmacht für Tucholsky sehr wahrscheinlich ein würdiges Gebot dargestellt hätte, um dessentwillen er die Anwendung von Gewalt gutgeheißen hätte.
Ein erwartbarer Einwand wäre: Halb so schlimm. Wenn man sich politisch durchsetzen will, darf man es mit der Exegese nicht so genau nehmen. Mag schon in einigen Fällen stimmen, in diesem aber nicht. Wenn man faktisch einem Diktator Tür und Tor öffnen will, wiegt so eine tendenziöse Vereinnahmung schwer. Und es kommt noch gravierender: diese Weltbühne ist langweilig. Nun, auch die entschiedensten Gegner des Weimarer Blatts hätten es nicht über sich gebracht, ihm Langeweile zu unterstellen. Im Gegenteil: die Weltbühne von damals vermochte es immer, seine Leser in einen Sturm der Entrüstung gegen etwas aufzubringen, sei es gegen herrschende Missstände oder das Blatt selbst. Nicht zum Zeitvertreib hat Carl von Ossietzky zwei Prozesse durchmachen müssen; nicht von ungefähr hat die verzweifelte Kampagne, ihm den Friedensnobelpreis sichern zu lassen, unter internationalen Kollegen auf so einen fruchtbaren Boden gefallen.
Was für Themen hat also Karim Khanis Weltbühne, die einem Vergleich mit Tucholskys Breitseiten gegen Klassenjustiz oder Carl Mertens‘ Aufdeckungen über die von der Schwarzen Reichswehr begangenen Fememorde standhalten? „Jede Menge zu den israelischen Gräueltaten im Gazastreifen.“ Gut, darf man nicht verschweigen. Was sonst? Verlegene Stille. „Ja, wir bringen Slavoj Žižek.“ Stark. Und was schreibt er da? „Etwas über die Umwelt und noch etwas anderes über das Böse überhaupt.“ Genauer? „Ja, was willste? Er darf wirres Zeug schreiben, solange er unseren Ruf als seriöses Blatt aufpoliert.“ Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.
Freilich, auch diese Weltbühne will eine Gegenfront bilden. Nur gegen was lässt sich nicht so richtig sagen. Da kam ein Artikel von Dietrich Brüggemann im letzten Sommer mit dem vielversprechenden Titel ‚Anleitung zum Dagegensein‘ wie gerufen. Also, Herr Brüggemann, wo steht der Feind? Fazit: irgendwo da oben. Eigentlich hätte man damit rechnen müssen. Diese Anleitung ist eine einzige Suada gegen die allgegenwärtige Zensur, die uns vom „Staat“ auferlegt werde. Der arme Autor hat eben so wenig Luft zum Atmen, dass er mickerige vier Seiten Platz hat, auf denen er seine Weltanschauung entfalten darf. Und weil es nun mal ist, geht es natürlich nicht ohne ein unpassendes Gleichnis, das ich Ihnen, verehrtem Leser, lieber ersparen würde. Klar, Fußball muss dafür herhalten, denn so beweist der Autor, dass er ein Mann des Volkes ist. Und da Brüggemann mit dem Nationalsport angefangen hat, kommt er unweigerlich darauf zurück. Redefreiheit existiere praktisch nicht mehr. Was tun?
Ganz einfach: Wir erkennen an, dass das Spiel namens ‚öffentliche Kommunikation‘, das wir bisher gespielt haben, mit dieser Regeländerung schlagartig vorbei ist und ein anderes Spiel angefangen hat. Und weil das nun ein neues Spiel ist, können wir die Regel selbst bestimmen. Das können durchaus die Regeln sein, die sonst in der Kunst Anwendung finden: Ich sage das Gegenteil von dem, was ich meine, oder etwas ganz anderes, und wenn ich will, dann schieße ich aufs eigene Tor.
Was aber, wenn die Tribüne leer ist?
