Das 1. Tucholsky-Literaturfestival findet vom 18. bis 20.09.2026 in Rheinsberg statt ( https://www.tucholsky-literaturfestival.de/ ). Anna Thalbach und Robert Stadlober eröffnen das Festival am Freitagabend (18.09.) mit einer Tucholsky-Gala im Rheinsberger Schlosstheater.
Am Samstag (19.09.) wird es in Rheinsberg ganztägig, bis in den Abend hinein, zahlreiche Lesungen und Veranstaltungen an verschiedenen Veranstaltungsorten geben. Der Schauspieler Peter Miklusz zeigt mit „Feldgrauer Kongress“ ein von Tucholsky-Texten inspiriertes Theaterstück gegen den Krieg.
Im Rahmen des Festivals präsentiert die Kurt Tucholsky-Gesellschaft Kabarettexte und Chansons von Tucholsky am Samstagabend in der Musikbrennerei Rheinsberg.
Auf Anhieb erscheint es vielleicht falsch, die neue Weltbühne an ihrem Vorgänger zu messen. Womit ich nicht das schlecht geratene Blatt von Hermann Budzislawski meine, das in der DDR schnell in SED-verquickte Fahrwasser geriet, sondern die großväterliche Zeitschrift, dessen Gründer – ein gewisser Siegfried Jacobsohn – auf dem Titelseite der Neugeborenen prangt. Schließlich leben wir heute in anderen Zeiten, die sich durch andere Ängste, Debatten, Werte auszeichnen, als die die unseren Namensgeber, den schillerndsten journalistischen Zögling von S.J., beschäftigten.
Wenn nur das mit der Aufmachung nicht wäre. Wer sich mit Jacobsohn schmückt, erhebt einen Anspruch auf redaktionelles Fingergefühl und furchteinflößende Präzision; wer den klingenden Namen Weltbühne in der bekannten alten Schrift auf besagter Titelseite aufführt, will ehrfurchtgebietende Assoziationen mit einem in unser Zeitalter hineinragenden Ahne erwecken; wer sich selbst unverhohlen als „DER SCHAUBÜHNE CXXII JAHR“ bezeichnet, reiht sich ganz bewusst in eine Tradition ein, deren Hauptmerkmal eine unbestechliche Zeitkritik war, die zum Lachen, Weinen, Nachdenken und Sich-Empören gleichermaßen anregen konnte.
Alles kein Problem, wenn die dadurch angestachelten Erwartungen erfüllt werden. Beim Lesen der neuen Weltbühne beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass es dem zwielichtigen Verleger Holger Friedrich nicht einmal bewusst ist, worauf er sich mit seiner rechtlich umstrittenen Aneignung der Marke Weltbühne eingelassen hat. Ich wiederum habe eine Monografie zur inzwischen ‚ersten‘ Weltbühne verfasst, woraus ich mir das Recht ableite, die neueste Inkarnation nach deren Maßstäben zu beurteilen. So viel gleich vorweg: wir haben es hier mit keiner Wiederauferstehung zu tun.
Als Die Weltbühne 3.0 im Mai letzten Jahres lanciert wurde, fiel die Reaktion eher gedämpft aus. Der einzige Aufreger, der die auf der Webseite zu findende Behauptung stützt, die Neuauflage hätte für einen medialen „Furor“ gesorgt, war der Beitrag von Deborah Feldman. Darin warf sie dem Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vor, sein Judentum lediglich vorgetäuscht zu haben, und nahm anschließend die deutsche Mehrheitsgesellschaft ins Visier, die aus einer Art Selbstbezichtigungslust allzu gutgläubig auf solche vermeintlichen Manöver hereinfalle, um die Sünden ihrer Väter zu sühnen. Diese mögliche Verleumdung hat tatsächlich in der deutschen Medienlandschaft Wellen geschlagen, die aber dann ziemlich schnell nachgelassen haben.
Seitdem ist es um das Blatt ziemlich still geworden. Höchstens mit der Personalpolitik konnte diese Weltbühne Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So verkündete der dem Rassenkampf verpflichtete Herausgeber Behzad Karim Khani schon in der September-Ausgabe, dass der Historiker Per Leo den ehemaligen Russia Today-Moderator und bis vor Kurzem als Mitherausgeber fungierende Thomas Fasbender abgelöst hatte. Der Versuch, „ein Niemandsland, frei von der Giftigkeit des deutschen Diskurses“ zu entdecken, war offenbar an der Unüberbrückbarkeit ihrer politischen Stellungen gescheitert. Die Weltbühne war nicht dazu da, so Khani weiter, „Behauptungen aufzustellen. Namen zu verunglimpfen.“
Spätestens an dieser Stelle habe ich aufgehorcht. Denn diese dem dubiosen Fasbender hinterhergeworfene Spitze verrät zwar das Selbstverständnis dieser Zeitschrift. Gleichzeitig aber zeigt der Satz einen auffälligen Mangel an Selbstkenntnis. Karim Khanis Weltbühne trägt ihre Unverwundbarkeit stolz zur Schau, pocht auf ihren Wunsch, die angeblich erstarrte deutsche Debattenkultur aufzumischen, und beansprucht für sich unermüdlich – wenn auch indirekt – eine dicke Haut. Dieser Souveränitätshabitus kann jedoch über die Empfindlichkeit der Herausgeber nicht hinwegtäuschen, die sich lieber in Verunglimpfungen und billige Angriffe retten, als sich sachliche Auseinandersetzungen zu liefern, die die Gefahr einer Niederlage in sich bergen dürften. Mit anderen Worten: die Leitartikel in dieser Zeitschrift arbeiten häufig mit nichts anderem als Verunglimpfungen.
Das bis dato sprechendste Beispiel für diese Unsicherheit war in derselben Ausgabe zu finden, in der Karim Khani sich und sein Blatt von persönlichen Attacken distanzierte. Karim Khani leitete seinen Artikel ‚Männer, die auf Baustellen starren‘ mit einer überlegenen Abfertigung der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ein, der die Autoren der Weltbühne als „Schwurbler“ bezeichnet hatte. Den Namen Kowalczuk habe Karim Khani googeln müssen, was für ihn anscheinend einem Totschlagargument gleichkommt. Trotzdem lässt er sich dazu herab, sich ein paar Äußerungen Kowalczuks in den Sozialmedien anzuschauen. Sein Befund? „Ich ignoriere ihn, weil er mich zu sehr an die inselbegabten Verlierer erinnert, die es zum Lifestyle erklärt haben, auf X recht zu haben.“ Erwachsen diskutieren sieht freilich anders aus. Dafür können wir jetzt zu einem ergiebigeren Thema als diesem ins Leere greifenden Schlagabtausch übergehen, richtig?
Falsch. Karim Khani verwendet satte sieben Seiten darauf, diesen ihm angeblich so gleichgültigen Mann zu diskreditieren. Er versteigt sich sogar zum Totschlagargument schlechthin: Kowalczuk sei ein Verschwörungstheoretiker. Nun, die Kowalczuk zugeschriebenen Zitate, mit denen Karim Khani seinen Verriss spickt, machen ihn auch mir nicht sonderlich sympathisch; auch ich hatte seinen Namen nie gehört. Im Unterschied zu Behzad Karim Khani sehe ich aber ein Organ, das das Erbe von dem doch ziemlich geistreichen Satiriker Kurt Tucholsky zu pflegen vorgibt, als zu schade für kindische Bemerkungen wie die, dass der unliebsame Gegner angezogen sei „als wäre Sex eine Hypothese, die es zu widerlegen gilt.“ Als wäre damit nicht genug, wird der Leser informiert, dass Kowalczuks Figur „schreit: ‚Sport kenn ich. Hatten wir in der Schule!‘“ Zur Erinnerung: das erscheint in einer Publikation, die sich auf der eigenen Webseite „einem zwar leidenschaftlichen, aber doch respektvollen Austausch von Positionen“ verschreibt.
So viel zum geistigen Niveau des bis zum Neujahr federführenden Herausgebers. Siegfried Jacobsohn würde sich auch beim Anblick des Schreibstils im Grab umdrehen. Eine Blütenlese, angefangen mit dem Leitartikel vom letzten Juli, der einem nationalen Lagebericht ähnelt:
Ein Land, das eine Erzählung zu suchen vorgibt, sie aber nicht finden will. Der gesellschaftliche Hormonhaushalt fährt Achterbahn. Das Land reagiert provinziell verpickelt und urban verschwitzt. Verspätete Pubertät oder verfrühte Wechseljahre? Man spricht von Zeitenwende, aber die Worte verraten den Stimmbruch.
Hier darf auch der geduldigste Leser fragen: Bitte, was? Schlug man seinerzeit Jacobsohns Weltbühne auf, las man Zeitung. Taucht man in Karim Khanis ein, betreibt man Hermeneutik. Auch das langwierige Manifest, mit dem Per Leo im Oktober seine Mitarbeit einläutete, weist Köstlichkeiten auf, die der obigen in Nichts nachstehen. Nach einem ausladenden Exkurs in die Geschichte des New Yorker Nachtlebens, die Leo im Klub „Studio 54“ und seiner selektiven Einlasspolitik verkörpert sieht, schlägt er eine Brücke zu den Kriterien, die Aufnahme in die neue Weltbühne bedingen:
Die Kunst wird also darin bestehen, die Fugen unseres Blatts gegen all die Tsunamis aus Dreck und Scheiße abzudichten, um dafür unter der Erde und hoch im Himmel die Pole der Spannung zu identifizieren, die im Innenraum unsere „Weltbühne“ zum Leuchten bringen.
Schade eigentlich um die deutsche Sprache, die ich nicht zuletzt an Jacobsohns Weltbühne zu schätzen gelernt habe: sie ächzt förmlich unter dem Joch der gezwungenen Metapher. Und weil mir nicht nach Nachsicht zumute ist, muss ich Folgendes zu Protokoll geben. S.J. war dafür bekannt, dass er keinen Artikel aus der Hand gab, bis er sprachlich und rhetorisch wasserdicht war. Das Blatt, das sich heute mit dessen Name drapiert, wimmelt von orthographischen Fehlern, die Tucholskys publizistischem Ziehvater unmöglich entgangen wären.
Alles Geschmacksache, könnte man meinen. Von der Form könne man nicht auf den Inhalt schließen. Immerhin: mal abgesehen davon, dass diese Faustregel auf das Schreiben kaum zutrifft, bietet die neue Weltbühne karge Kost. Die politischen Lehren, die aus Tucholskys Weltbühne gezogen werden, sind auch mitunter verzerrend. „Soldaten sind Mörder“ brüllte die erste Nummer, um dann den sofortigen Stopp aller damals tobenden Kriege zu fordern. Bedingungsloser Pazifismus war also der Leitspruch, mit dem sich der Neuling Gehör verschaffen wollte. Dass eine Niederlegung der Waffen von seiten der Ukrainer mit einer Kapitulation an den nicht gerade verhandlungsfreudigen Putin gleichbedeutend wäre, schien dabei niemanden groß zu kümmern. Und damit sind wir – nicht zum ersten Mal in unserer Vereinsgeschichte – beim Thema „Tucholsky und Pazifismus“ angelangt. Denn Tucholsky, auf den sich Karim Khani und Co. in dieser Sache so gerne berufen, hat in der Tat sehr ergreifende Antikriegstexte geschrieben. Man denke nur an ‚Märtyrer‘, aus dem Jahre 1925, in dem er einen Besuch in einer französischen Gedenkstätte für die Opfer der revolutionären Schreckensherrschaft zum Anlass nimmt, den seit Menschengedenken von Kriegsdenkmälern begünstigten Revanchismus zu beklagen. Vom anderen Ende dieses weiten Feldes winkt jedoch ein anderer Halbsatz herüber, den derselbe Tucholsky im Jahr darauf im sonst brav pazifistischen Beitrag ‚Wo waren Sie im Kriege, Herr – ?‘ geschrieben hat: „ Wir erkennen die Pflichten nicht an, die Ihr uns auflegt – möglich, daß es Gebote gibt, die unser Blut und das unsrer Kinde fordern: der Patriotismus, der Kampf für diesen Staat gehören nicht dazu.“ Nun, auch Patriotismus ist bei Tucholsky ein dehnbarer Begriff, aber das gehört nicht hierher. Was aber sehr wohl hierher gehört, ist die Überlegung, dass die Verteidigung der westlichen Demokratie gegen eine räuberische Besatzungsmacht für Tucholsky sehr wahrscheinlich ein würdiges Gebot dargestellt hätte, um dessentwillen er die Anwendung von Gewalt gutgeheißen hätte.
Ein erwartbarer Einwand wäre: Halb so schlimm. Wenn man sich politisch durchsetzen will, darf man es mit der Exegese nicht so genau nehmen. Mag schon in einigen Fällen stimmen, in diesem aber nicht. Wenn man faktisch einem Diktator Tür und Tor öffnen will, wiegt so eine tendenziöse Vereinnahmung schwer. Und es kommt noch gravierender: diese Weltbühne ist langweilig. Nun, auch die entschiedensten Gegner des Weimarer Blatts hätten es nicht über sich gebracht, ihm Langeweile zu unterstellen. Im Gegenteil: die Weltbühne von damals vermochte es immer, seine Leser in einen Sturm der Entrüstung gegen etwas aufzubringen, sei es gegen herrschende Missstände oder das Blatt selbst. Nicht zum Zeitvertreib hat Carl von Ossietzky zwei Prozesse durchmachen müssen; nicht von ungefähr hat die verzweifelte Kampagne, ihm den Friedensnobelpreis sichern zu lassen, unter internationalen Kollegen auf so einen fruchtbaren Boden gefallen.
Was für Themen hat also Karim Khanis Weltbühne, die einem Vergleich mit Tucholskys Breitseiten gegen Klassenjustiz oder Carl Mertens‘ Aufdeckungen über die von der Schwarzen Reichswehr begangenen Fememorde standhalten? „Jede Menge zu den israelischen Gräueltaten im Gazastreifen.“ Gut, darf man nicht verschweigen. Was sonst? Verlegene Stille. „Ja, wir bringen Slavoj Žižek.“ Stark. Und was schreibt er da? „Etwas über die Umwelt und noch etwas anderes über das Böse überhaupt.“ Genauer? „Ja, was willste? Er darf wirres Zeug schreiben, solange er unseren Ruf als seriöses Blatt aufpoliert.“ Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.
Freilich, auch diese Weltbühne will eine Gegenfront bilden. Nur gegen was lässt sich nicht so richtig sagen. Da kam ein Artikel von Dietrich Brüggemann im letzten Sommer mit dem vielversprechenden Titel ‚Anleitung zum Dagegensein‘ wie gerufen. Also, Herr Brüggemann, wo steht der Feind? Fazit: irgendwo da oben. Eigentlich hätte man damit rechnen müssen. Diese Anleitung ist eine einzige Suada gegen die allgegenwärtige Zensur, die uns vom „Staat“ auferlegt werde. Der arme Autor hat eben so wenig Luft zum Atmen, dass er mickerige vier Seiten Platz hat, auf denen er seine Weltanschauung entfalten darf. Und weil es nun mal ist, geht es natürlich nicht ohne ein unpassendes Gleichnis, das ich Ihnen, verehrtem Leser, lieber ersparen würde. Klar, Fußball muss dafür herhalten, denn so beweist der Autor, dass er ein Mann des Volkes ist. Und da Brüggemann mit dem Nationalsport angefangen hat, kommt er unweigerlich darauf zurück. Redefreiheit existiere praktisch nicht mehr. Was tun?
Ganz einfach: Wir erkennen an, dass das Spiel namens ‚öffentliche Kommunikation‘, das wir bisher gespielt haben, mit dieser Regeländerung schlagartig vorbei ist und ein anderes Spiel angefangen hat. Und weil das nun ein neues Spiel ist, können wir die Regel selbst bestimmen. Das können durchaus die Regeln sein, die sonst in der Kunst Anwendung finden: Ich sage das Gegenteil von dem, was ich meine, oder etwas ganz anderes, und wenn ich will, dann schieße ich aufs eigene Tor.
Dieses “szenisch-musikalische Portrait“ über unseren Namensgeber gehört seit gut einem Jahr zum Repertoire im Berliner Theater im Palais (TiP). Die nächsten Vorstellungen sind am 6.9.2025, am 3.10.2025 und am 15.11.2025 jeweils um 19.30Uhr
Im Stück werden Szenen dargestellt und Briefe und Zeitungstexte verlesen. Und, wie angekündigt, spielt die Musik eine große Rolle. Jürgen Beyer, Pianist und musikalischer Leiter, gestaltet Übergänge, etwa, vom Text zum nächsten Lied, vom Lied zur nächsten Szene. Manchmal erzeugt er durch die Musik eine spezifische Atmosphäre, einige Vorgänge und Ereignisse werden deutlich betont.
Darüber hinaus begleitet er zahlreiche, von Stefanie Dietrich und Carl Martin Spengler gesungene Tucholsky-Chansons. Drei Liedkompositionen trug er selbst bei. Bei so viel Musik verwundert es nicht, wenn man mehr wissen möchte, z. B. über die Lieder. Wie sind sie entstanden und wer sind ihre Komponisten?
Die meisten Lied-Texte dieses Programms stammen aus den Jahren zwischen 1919 – 1931. Ein Teil von ihnen wurde unter direkter Mitwirkung von Tucholsky zu Chansons, denn er arbeitete eng mit den Musikern und Diseusen verschiedener Kleinkunstbühnen zusammen, u.a. mit Gussy Holl, Trude Hesterberg, Claire Waldorf, Kate Kühl und Rosa Valetti.
Viele Texte von Tucholsky wurden jedoch sehr viel später, lange nach seinem Tod vertont. Immer wieder gab und gibt es Musiker, die sich mit seinen Gedichten beschäftig(t)en und sie zu Liedern komponier(t)en.
Eine Auswahl der Chansons aus dem Programm „Gegen einen Ozean pfeift man nicht an“ mit einigen Hintergrundinformationen:
„Stoßseufzer einer Dame in bewegter Nacht“
Besagte Dame verbringt schlaflose Stunden neben ihrem Mann, den sie als “alten Affen“ tituliert. Im Gegensatz zu ihr schläft der Alte „immer gleich“ ein. In ihren einstigen Erwartungen enttäuscht, stellt sie fest, dass sich im Laufe der Jahre die Machtansprüche im gemeinsamen Bett eindeutig zu ihren Ungunsten verschoben haben. Er beansprucht alles für sich, den Platz, die Bettdecke, usw. Mit den Beinen kommen sie sich auch ständig ins Gehege. Das wird im Lied durch den gesprochenen Refrain ausgedrückt. „Sind das meine Beine oder sind das deine Beine oder …“
Tucholsky war selbst ein guter Klavierspieler. So manches Chanson entstand, indem er am Klavier Texte und musikalische Einfälle zusammenfügte. Bei diesem Lied schuf er den Text und die Melodie, zumindest ist in dem von Mary Gerold-Tucholsky und Hans Georg Heepe herausgegebenen Kurt-Tucholsky-Chanson-Buch (1983) Theobald Tiger als Liedkomponist angegeben. Dennoch erscheinen die Angaben über die Entstehungsgeschichte dieses Liedes etwas widersprüchlich. Einerseits soll es entstanden sein, als Tucholsky noch mit Lisa Mathias liiert war – sie trennten sich1931. In der Gesamtausgabe erscheint es erst später, nämlich 1932/33. Etwas irritierend ist auch, dass bei Wikipedia Friedrich Hollaender als Komponist angegeben wird. Ob er derjenige war, der die Klavierbegleitung dazu geschrieben hat?
„Wenn der alte Motor wieder tackt“
In diesem Stück wird vom Leben in den unsicheren, schwierigen Zeiten der Nachkriegswirren erzählt, sowie von denen, die Profiteure oder Verlierer nach dem1.Weltkrieg waren. Trotzdem wird im Lied vermittelt, dass die Menschen nicht die Zuversicht verlieren sollten.
Friedrich Hollaender war der Komponist dieses Chansons. Es entstand aus Anlass der Wieder- Eröffnung der von Max Reinhardt initiierten Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“ im Dez.1919, also nur kurz nach Ende des ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches. Der Berliner Schauspieler und Komiker Paul Graetz trug das Chanson in dem für ihn sehr typischen, rhythmischen Sprechgesang vor. Bei seiner Vortragsweise war die Melodie des Chansons „nur“ aus der Begleitmusik herauszuhören. Bereits in einer Schallplatten- Aufnahme von 1920 bei Odeon ist das von Paul Graetz vorwiegend gesprochene Lied zu hören.
Im „Theater im Palais“ wurde die uns vertraute Vortragsweise, Gesang (C. M. Spengler) mit Klavierbegleitung, verwendet mit deutlich erkennbarer Melodie. Friedrich Hollaender war ein Pianist und Komponist, mit dem Tucholsky besonders gern zusammenarbeitet haben soll.
“ Fang nie was mit Verwandtschaft an“ aus der Revue „Bitte zahlen“ von 1921
Dieser Schlager mit Kultstatus beschreibt die Gesetzmäßigkeiten, denen jedes Familienmitglied unentrinnbar ausgesetzt ist. Dasselbe trifft auf die Mitglieder der erweiterten Familie zu, die sich dann „Verwandtschaft“ nennt. Tucholsky spottete auch über seine eigene Familie, in dem er über das Chanson schrieb: „Zur Erinnerung an die Sonntage meiner Jugend“ Die Musik komponierte Rudolf Nelson, Pianist, Komponist und Intendant in einer Person. Tucholsky gehörte zu denen, die Rudolf Nelson für seine graziösen Klavierbegleitungen bewundert haben sollen.
Lucindy – Lied fürs Grammophon- von Januar 1929
Ein Mann besingt seine ferne Geliebte mit träumerischen, aber gleichzeitig melancholischen Gefühlen. Er kommt zu dem Schluss, es lieber bei dem Flirt zu belassen und weiter zu träumen. „Vielleicht ist das das Glück.“
„O, Lucindy“ war ursprünglich auf einer Schlagerplatte von den Revellers, einer amerikanischen Gesangsgruppe, zu hören. Es war der neue, rhythmische Gesangsstil, weshalb diese Gruppe zur damaligen Zeit so besonders war und vermutlich auch Tucholsky begeisterte. Dies veranlasste ihn, 1929 einen neuen Text: „ Lucindy, Lied fürs Grammophon“ in der Weltbühne zu veröffentlichen. Der Musiker Allan Gray, der bereits als Filmkomponist in Berlin bekannt war, fand Gefallen an dem Text und machte einen swingenden Song daraus. Er merkte dazu an: „Das Stück ist etwa im Stil der Revellerplatte vorzutragen, rhythmisch sehr elastisch, ziemlich ironisch im Ausdruck“. Nebenbei waren die Revellers das musikalische Vorbild für die berühmten Comedian Harmonists.
Das Lied „Lucindy, Lied fürs Grammophon“ erschien wenige Jahre später im Musikverlag „City“ in Leipzig. Es wurde aufgenommen von der Deutschen Grammophon Gesellschaft (DGG) mit dem Schauspieler Curt Bois.
In dem Tucholsky-Programm im TiP wird dieses Lied zweimal gebracht, einmal im Stück und später als schwungvolle Zugabe oder als freundlicher Rausschmeißer.
Parc Monceau (Text von 1924 /Musik von Jürgen Beyer)
Der Text zum Lied „Parc Monceau“ entstand, als Tucholsky 1924 Korrespondent für die Weltbühne in Paris geworden war. Es werden beschauliche, fast belanglose Szenen, die sich im Parc Monceau abspielen, beschrieben. Tucholsky lässt sie unbeschwert auf sich einwirken, hier kann er sich endlich „von seinem Vaterlande ausruhen.“ In diesem Theaterstück hat Jürgen Beyer, der musikalische Leiter, die Musik zu „Parc Monceau“ geschrieben. Im Gespräch machte Beyer deutlich, dass eine Liedkomposition seiner Meinung nach ein Ausbalancieren von Text und Musik ist und dass die Musik eine Entsprechung zum Text ausdrücken sollte. Im Fall von „Parc Monceau“ war es ihm wichtig, dem Lied etwas „Pariser Flair“ zu verleihen.
Das kongeniale Duo Hanns Eisler und Ernst Busch
In den späten zwanziger Jahren entstanden einige Tucholsky-Vertonungen von Hanns Eisler. Ob sich der Text-Autor und der Komponist persönlich begegnet sind, ist sehr fraglich, denn Eisler lebte erst seit Ende 1925 in Berlin. In dieser Zeit kam Tucholsky nur noch sporadisch in seine Geburtsstadt.
1928 entstand das erste von Eisler komponierte Tucholsky-Lied (Bürgerliche Wohltat). In ihm klangen bereits Stilelemente des Kampfliedes an. Entscheidenden Einfluss auf weitere Vertonungen unseres Namensgebers hatte der Sänger und Schauspieler Ernst Busch.
Vieles ist über die Persönlichkeiten Ernst Busch und Hanns Eisler, über ihren Umgang und ihre Freundschaft bekannt geworden. Einige Liedkompositionen entstanden in direkter Zusammenarbeit, wie Ernst Busch es auf humorvolle Weise, z.B. bei dem Anna-Louise-Lied („Wenn die Igel in der Abendstunde“) beschrieben hat. „Ich brauchte ein neues Lied für das Kabarett. Und ich hatte das Anna-Louise-Lied von Tucholsky gehört. Eine Frau sang damals eine ziemlich triste Melodie. Ich war der Meinung, das ist kein Lied für eine Frau, das muss ein Mann singen. Ich gehe also mit dem Text zu Eisler und bitte ihn um eine neue Melodie. ‚ Nein, das mache ich nicht! Ich mache nur seriöse Sachen.‘ (…) Aber ich brauchte unbedingt ein neues Lied und legte ihm 50 Mark auf den Tisch. ‚Wie willst du es denn haben?‘ fragte er. Ich sprach ihm vor, und da saß er schon am Klavier und spielte weiter.“ (zitiert nach Hoffmann /Siebert, Ernst Busch). Es muss etwa im Jahr 1930 gewesen sein, dass er in Werner Fincks „Katakombe“ sang und dort auch von Eisler auf dem Klavier begleitet wurde.
Wie von dem Schriftsteller Stephan Hermlin im Nachhinein beschrieben, traten die beiden ebenso auf politischen Veranstaltungen auf, wo sie Lieder von Brecht und Weinert vortrugen, aber auch das Lied von der Wohltätigkeit von Tucholsky. Dabei feuerte die klassenbewusste Arbeiterschaft das Busch-Eisler-Duo an, indem auf Zuruf gefordert wurde, welches Lied die beiden als nächstes vorzutragen hätten. Hierzu schrieb Stephan Hermlin (erstmals) abgedruckt in einem Nachwort in Hans Bunge, Fragen Sie mehr über Brecht. Im Gespräch mit Hanns Eisler, München 1970): „Ich weiß noch, dass ich mit einer Art von Entsetzen bemerkte, dass Eisler manchmal mit der geballten Faust auf die Tasten schlug. Zugleich belustigte mich meine eigene Empörung. Ich klatschte und schrie genauso wie die anderen Zuhörer, obwohl ich es bis dahin nicht für möglich gehalten hatte, dass man auf diese Weise Klavier spielen konnte.“
Es gibt vier frühe Liedkompositionen von Hanns Eisler, die in den Jahren (1928 – ca 1931) entstanden sind. Das Gros, 37 Lieder, vertonte Eisler erst in den Jahren zwischen 1956 und 1961. Ernst Busch war es, der Eisler immer wieder zu neuen Liedkompositionen anregte und sie dann auf Schallplatte brachte.
Im Theater-Stück im TiP sind fünf Lieder von Eisler zu hören: „Der Graben“, „Wenn die Igel in der Abendstunde“, „Das Lied vom Kompromiss“ und „Ideal und Wirklichkeit“, nach Texten von Theobald Tiger und „Rosen auf den Weg gestreut“, nach einem Text von Ignatz Wrobel.
Weitere Komponisten von Tucholsky-Texten
Auch andere, später entstandene Tucholsky-Lieder kommen im Programm vor, deren Komponisten in der Nachkriegszeit und zu Zeiten der deutschen Teilung ihre Haupt- Schaffenszeit hatten, u.a. Hans Herbert Winkel, Bernhard Eichhorn und Olaf Bienert. Sie waren Dirigenten, Pianisten und Komponisten an Theatern und/oder an verschiedenen Rundfunkanstalten. Sie komponierten Bühnen- und Filmmusiken, und arbeiteten für den Hörfunk und/oder für Fernseh-Kabaretts. Außerdem vertonten sie Gedichte von Kästner, Ringelnatz, Brecht, Tucholsky und anderen.
Einer von ihnen war Henry Krtschil (1932 – 2020), der die Musik schrieb zum Lied: „Wenn eener dot is, kriste n Schreck. Denn denkste: Ick bin da, un der is weg.“, auch im TiP-Programm zu hören. Henry Krtschil war an verschiedenen Theatern als Musiker beschäftigt, u.a. am Berliner Ensemble und an der Volksbühne. Er arbeitete lange mit der Schauspielerin Gisela May zusammen und war Mitbegründer des Theaters i. Palais (1991). Gisela May war langjähriges Mitglied der KT-G und Ehrenmitglied.
Christiane Nerger-Rausch
Bildquellen: Plakat zur Revue „Bitte Zahlen“ aus: Kurt Tucholsky Chanson Buch, Hrsg: Mary Gerlod-Tucholsky, Hans Georg Heepe, Rowohlt-Verlag 1983, Seite 63 Zeichnung von Emil Stumpp „Ernst Busch in der Katakombe….“ aus: Kurt Tucholsky Chanson Buch, Hrsg: Mary Gerlod-Tucholsky, Hans Georg Heepe, Rowohlt-Verlag 1983, Seite 347 Zeichnung von Gustav Seitz, Hanns Eisler am Klavier, aus: Eisler – Eine Biographie in Texten, Bildern und Dokumenten, Jürgen Schebera, Schott-Verlag, 1998, Seite 69
Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-King-Schule Herne und der Willy-Brandt Gesamtschule in Marl haben im Oberstufenkurs Musik unter der Leitung von Katrin Block-Koloß Tucholsky-Texte ausgewählt, zu einer Theater-Revue zusammengestellt und drei Monate geprobt. Katrin Block-Koloß vertonte dafür eigens das „Abendlied“ von Tucholsky neu.
Die Schülergruppe präsentierte die Revue unter dem Motto „Ein Date mit Tucholsky – Sie sehen heute wieder glänzend aus“ am 29.11.2024 in Herne und am 3.12.2024 in Marl. Die beiden fulminanten Auftritte sorgten für Begeisterung im Publikum. Ein besonderes Highlight war die bewegende Rezitation des pazifistischen Tucholsky-Gedichtes „Drei Minuten Gehör“. Applaus, also das „Brot des Künstlers“ gab es reichlich.
Joe Fass vom Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft orientierte sich in seinem launigen einleitenden Vortrag am Titel der Veranstaltung und belegte mit kleinen Texten die Aktualität und Zeitlosigkeit Tucholskys.
Zum Schluss zitierte er aus einer Internetrecherche mit Hilfe von ChatGPT: „In einer Zeit, in der Populismus und autoritäre Tendenzen wieder zunehmen… (bleiben) seine Texte eine Mahnung, sich für die Werte von Demokratie und Freiheit einzusetzen und sich gegen Ungerechtigkeiten zu erheben.“ Die sehr gelungene Veranstaltungsreihe hatte das KTG-Mitglied Heinz Drenseck aus Herne mit Unterstützung der Volkshochschule Herne und der AWO Herne initiiert.
Der in der Mitgliederversammlung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft in Gripsholm 1994 beschlossene Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik, wird von der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, mit Sitz in Berlin, verliehen und getragen. Der Preis wird im Zweijahresabstand verliehen.
Die Ehrung erfolgt für politisch engagierte und sprachlich prägnante Werke der literarischen Publizistik, die sich im Sinne des Namensgebers kreativ und kritisch mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen und Vorgängen auseinandersetzen und Realitäten hinter vorgeschobenen Fassaden erhellen sowie für nachhaltige künstlerische Interpretationen von Texten Tucholskys. Der Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik kann für journalistische und literarische Werke verliehen werden, wobei ein besonderer Fokus auf die »kleinen Formen« gelegt werden soll. Die Begutachtung soll sich auf bisher unveröffentlichte oder innerhalb der letzten fünf Jahre veröffentlichte Publikationen beziehen. Möglich ist auch die Auszeichnung eines Lebenswerkes. Die Preissumme beträgt 5.000 €
Die Jury
Die Jury wird vom Vorstand der KTG für drei Preisvergaben berufen und sollte sich aus ausgewiesenen Fachleuten unterschiedlicher Bereiche zusammensetzen. Sie sollte sich nach Möglichkeit aus je einem Mitglied der vorschlagsberechtigten Personenkreise (KT-G, Preisträger: innen, Hochschulen, Verlage, Journalist: innen) zusammensetzen. Eine Wiederberufung ist möglich. Die Jury wählt aus ihrer Mitte eine: n Sprecher: in. Ist noch kein / keine Sprecher: in gewählt, beruft der Vorstand der KTG eine: n kommissarische: n Sprecher: in bis zur Wahl des/der reguläre: n Sprechers: in im Amt bleibt.
Die Jurymitglieder arbeiten ehrenamtlich und entscheiden unabhängig. Kosten für Kommunikation, Fahrten etc. können nach Absprache mit der KT – G durch diese erstattet werden.
Die Jury nominiert vor der Preiszuerkennung fünf Kandidat: innen aus den eingereichten Vorschlägen (Shortlist). Die Jury wählt den oder die Preisträger: in durch Stimmenmehrheit. Sie kann eine Preiszuerkennung aus inhaltlichen oder formalen Gründen ablehnen. Sie kann für nicht ausgezeichnete Vorschläge ehrende Würdigungen aussprechen.
Einreichung von Vorschlägen
Die Ausschreibungsfrist beginnt am 9. Januar des Preisjahres durch Bekanntmachung. Die Vorschläge sind bis zum 31. März des Preisjahres per E-Mail an das koordinierende Mitglied des Vorstandes der KT- G zu richten.
Vorschlagsberechtigt für die Würdigung durch den Preis sind die Mitglieder der KT-G, frühere Preisträger: innen, ordentliche Mitglieder geistes- und sozialwissenschaftlicher Fachbereiche von Universitäten und Hochschulen, deutschsprachige Verlage und Bibliotheken sowie verantwortliche Redakteur: innen journalistischer Medien.
Mitglieder der Jury sind nicht vorschlagsberechtigt. Eigenbewerbungen sind nicht zulässig.
Die vorgeschlagenen Arbeiten – in Betracht kommen Manuskripte, Bücher, Artikel, Internetbeiträge und audiovisuelle Beiträge – sollen digital eingereicht werden. Beizulegen ist ein kurzer Lebenslauf des/der Vorgeschlagenen und eine kurze Begründung des Vorschlages.
Die Arbeiten der Preisbewerber: innen müssen in deutscher Sprache verfasst sein. Die Entscheidung über den oder die Preisträger: in erfolgt bis zum 15. September des Preisjahres.
Die Annahme des Preises verpflichtet den oder die Preisträger: in zu einem öffentlichen Vortrag im Rahmen der Verleihungsfeierlichkeiten. Die KT- G darf den Text des Vortrages honorarfrei veröffentlichen.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Beschlossen durch den Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft in Berlin im August 2022, aktualisiert in Bezug auf die Schreibweise im Herbst 2024.
Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft trauert um ihren langjährigen Vorsitzenden und Ehrenvorsitzenden Ian King
In memoriam Dr. Ian King (1949-2023)
Obwohl wir schon lange von Ian Kings Krebserkrankung wussten, waren wir doch sehr erschüttert, als uns sein langjähriger Freund und Kollege Stuart Parkes die Nachricht zukommen ließ, dass unser Ehrenvorsitzender am Dienstag, dem 19. September, erlöst wurde. Bis zuletzt waren Tucholsky-Freunde und auch ich persönlich mit ihm in London durch Telefon und die digitalen Medien in Kontakt. Er war immer zuversichtlich, was sich erst wenige Tage vor dem Tod änderte. Dann hatte er erkannt, dass ihm nur blieb, loslassen zu können. Ian (der eigentlich William hieß und schottischer Eisenbahnersohn war) hatte davon geträumt, die Fußball-EM im kommenden Sommer noch zu verfolgen, oder zumindest bei unserer Jahrestagung im Oktober, für deren Thema „Ist Tucholskys Verständnis von Pazifismus heute noch aktuell?!“ er intensiv geworben hatte, mitzuerleben. Letztlich war er aber doch erleichtert, dass er mir seinen Vortragstext für die Jahrestagung im Oktober geschickt hatte. Er war sich nicht mehr sicher, ob er ihn (zugeschaltet aus London) hätte halten können.
Ian King gehörte als britischer Germanist vor 35 Jahren zu den Gründungsmitgliedern der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, und er war einer der letzten in unserem Kreis, der auch Mary Gerold-Tucholsky noch kennengelernt hatte. Er leistete lange Jahre Vorstandsarbeit und war unser geschätzter und fachlich anerkannter Vorsitzender mit besonders langer Amtszeit, ehe er sich vor zwei Jahren mit 72 in die Ehrenmitgliedschaft verabschiedete. Auch dieses neue Amt nahm er ernst und mischte sich (nicht immer zur Freude aller Vorstandsmitglieder) streitbar ein. Nicht vergessen werden kann, dass er immer wieder für Vorträge über Tucholsky und sein literarisches und politisches Umfeld von London aus nach Deutschland reiste und besonders mit Jüngeren leidenschaftlich diskutierte.
Mir war Ian ein guter Freund, und ein Vorbild!
Frank-Burkhard Habel, Erster Vorsitzender
Ians Freunde haben eine Gedenkseite mit umfangreichen Würdigungen seines Lebens für ihn eingerichtet.
Nachdem sein Tod bekannt wurde durch einen Nachruf der Tageszeitung nd.der Tag (Neues Deutschland), für die er mehr als drei Jahrzehnte lang bis Anfang September 2023 meist ironisch gefärbte politische Berichte geliefert hatte, kamen erste Erinnerungen von Weggefährten aus der KTG, aus denen wir nachfolgend zitieren:
„Bei seinen Besuchen in Duisburg lernten wir Ian nicht nur als Tucholsky-Experten kennen. Wir entdeckten in ihm auch den Deutschlandkenner, der mehr von unserer Heimat erzählen konnte als mancher Einheimischer wusste. Wer kennt schon die preußische Schnellzuglok P8? Bei einem Besuch im Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen kam heraus, dass Ian auch Experte in historischen Eisenbahnen war. Ian war aber vor allem eines für uns: Ein guter Freund, der uns mit seinem Humor immer zum Lachen brachte, nicht sonderlich viel Wert auf Konventionen legte, sich aber im Einzelfall von unseren Damen in Fragen des Outfits final beraten ließ.“ Klaus Becker, Duisburg
„Ich bin Ian vor über 30 Jahren in der noch jungen KTG begegnet, Er war ein eifriger Mitschreiber und ich habe ihn in seiner Zweisprachigkeit, seinen Tucholsky-Kenntnissen, seiner Meinungs-Stärke sehr bewundert. Dass ich dem sparsamen Schotten später im gemeinsam agierenden Vorstand mit meinen Ideen in die Quere kam, hat unsere Freundschaft, die auf gegenseitiger Achtung basierte, keinen Abbruch getan. Gern hätte ich ihn noch einmal wieder gesehen. Das hat nicht sollen sein und auch das macht mich sehr traurig.“ Renate Boekenkamp, St. Georgen
„Er war ein Typ für sich, hatte viel Humor und Lebenslust und wollte noch so gerne HIER bleiben. Ja, Ian war auch für die Tuchogesellschaft wichtig, er hat uns Tucho nicht vergessen lassen, so auch Mary Tucho.“ Brigitte Kellner, München
„Das ist ein heftiger Schlag ins Kontor! Ich habe Ian zuletzt immer ermunternd geschrieben, seine Ironie überzeugte bestechend. Er war immer eine Freude, auch daß er manch anderen keine war. Wir wollen in seinem Sinne sein.“ Olaf Walther, Hamburg
Sein scharfer Verstand, seine Leidenschaft für Kurt Tucholsky und die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft werden uns fehlen.
Wir lassen ihn aber nicht ohne Tucholsky gehen: „Wie wird die schwarzgestrichne Kiste groß! Ich schweige tief. Und bin mich endlich los.“
Versöhnliche Schlussbemerkung von Ian King an Roland Voggenauer
Meine Antwort auf Ihren Versuch, den Witz zu Ende zu erzählen, ist im Ton etwas schroff ausgefallen. Das tut mir inzwischen leid und ich bitte um Entschuldigung, von einem Tucholsky-Verehrer zum anderen. Ihre Schlusspointe ist nicht schlecht!
In der Sache bleibe ich jedoch skeptisch, ob man heute Tucholskys Werke novellieren sollt. Schließlich hat KT gerade durch den nichterzählten Witz das Ehepaar und deren Verhältnis des Einander-Ins-Wort-Fallens und der daraus resultierenden Nicht-Kommunikation besser charakterisiert als mit jedem Witz, auch einem gelungenen wie dem Ihren. Vergleichen Sie das mit seinem Schnipsel: „Wie reden die Menschen? – Aneinander vorbei.“ Auch das Paket in Rheinsberg ist relevant, finde ich; es ist egal, was drin steckt. Ihnen ist es um den Witz gegangen, das ist eine berechtigte Sicht; mir geht es um die (tieferliegende?) Nicht-Kommunikation, was vielleicht etwas trauriger ausfällt.
Ein Wanderer verirrt sich im Gebirge und wird vom Gewitter überrascht.
Es wird dunkel, er irrt so durch die Nacht, und da sieht er plötzlich ein Licht, geht gerade drauf zu und kommt zu einer Hütte. Er klopft an, die Tür wird ihm geöffnet und er tritt triefend nass ein.
In der Hütte wohnt ein Bauer und eine Bauersfrau. Der Bauer ist alt, und sie ist jung und hübsch.
Der Wanderer hat Hunger, und der Bauer sagt, er könne etwas Käse und Milch haben. Sie hätten zwar auch noch eine Konservendose Rindfleisch, aber die bräuchten sie bis zum nächsten Markttag.
Also isst der Wanderer den Käse und trinkt die Milch, und der Bauer stellt die Konservendose wieder ins Regal.
Als er gegessen hat, sagt die junge Bauersfrau, das Gewitter ginge so schnell nicht vorüber, und dass er in der Hütte übernachten könne. Sie hätten zwar nur ein Bett, aber das könnten sie sich ausnahmsweise auch zu dritt teilen.
Der Alte willigt ein, besteht aber darauf, in der Mitte zu liegen.
In der Nacht tobt das Gewitter. Der Bauer wacht auf, stupst den Wanderer an und sagt, er liege außen, er solle aufstehen und draußen nachsehen, ob die Stalltür auch zu sei. Also steht der Wanderer auf, geht raus, überprüft die Stalltür, kommt zurück und legt sich wieder hin.
Das Gewitter wird schlimmer. Der Bauer wacht wieder auf, stupst diesmal seine Frau an. Sie liege außen, sie solle nach der Ziege schauen. Der Wanderer hätte sicher etwas falsch gemacht, und wenn die Ziege davon liefe, dann hätten sie morgen keine Milch. Also steht die Bäuerin auf, schaut nach der Ziege und kommt zurück. Die beiden Männer schlafen, und sie legt sich kurzerhand neben den jungen Wanderer.
Das Gewitter lässt nicht nach. Wieder wacht der Bauer auf, merkt, dass er jetzt außen liegt und steht auf, um nach der Ziege im Stall zu schauen.
Als er draußen ist, stupst die junge Frau den Wanderer an und sagt, jetzt wäre doch so eine Gelegenheit.
„Genau“, sagt der junge Mann, springt aus dem Bett, kommt kurz darauf zurück mit der Konservendose in der Hand und fragt die junge Bauersfrau: „Wo ist der Dosenöffner?“
Mit Verlaub: Der Witz dieses Tucholsky-Feuilletons besteht gerade darin, dass das Ehepaar nicht imstande ist, den Witz zu Ende zu erzählen, sondern sich dauernd ins Wort fällt und der anwesende Peter Panter damit nichts anfangen kann. Es geht vor allem um die Beziehung zwischen den Eheleuten, nicht um die Frage, wie die Geschichte ausgeht – sie geht eben nicht aus, und das ist die Pointe.
Schon 1912 benutzt Tucholsky am Schluss von Rheinsberg die gleiche Masche: Die Leser erfahren genauso wenig wie Claire, was in dem Paket drin ist. Und auch hier macht es uns nichts aus – oder sollte uns nichts ausmachen. Claire und Wölfchen sind verliebt und damit basta. Bei allem Respekt bin ich gegen Versuche, Tucholskys Werk zu “verbessern”.
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