Kategorien
Uncategorized

Erbschleicher im DIN-A5-Format

Kommentar von Jack Arscott zur neuen Weltbühne

Auf Anhieb erscheint es vielleicht falsch, die neue Weltbühne an ihrem Vorgänger zu messen. Womit ich nicht das schlecht geratene Blatt von Hermann Budzislawski meine, das in der DDR schnell in SED-verquickte Fahrwasser geriet, sondern die großväterliche Zeitschrift, dessen Gründer – ein gewisser Siegfried Jacobsohn – auf dem Titelseite der Neugeborenen prangt. Schließlich leben wir heute in anderen Zeiten, die sich durch andere Ängste, Debatten, Werte auszeichnen, als die die unseren Namensgeber, den schillerndsten journalistischen Zögling von S.J., beschäftigten.

Wenn nur das mit der Aufmachung nicht wäre. Wer sich mit Jacobsohn schmückt, erhebt einen Anspruch auf redaktionelles Fingergefühl und furchteinflößende Präzision; wer den klingenden Namen Weltbühne in der bekannten alten Schrift auf besagter Titelseite aufführt, will ehrfurchtgebietende Assoziationen mit einem in unser Zeitalter hineinragenden Ahne erwecken; wer sich selbst unverhohlen als „DER SCHAUBÜHNE CXXII JAHR“ bezeichnet, reiht sich ganz bewusst in eine Tradition ein, deren Hauptmerkmal eine unbestechliche Zeitkritik war, die zum Lachen, Weinen, Nachdenken und Sich-Empören gleichermaßen anregen konnte.

Alles kein Problem, wenn die dadurch angestachelten Erwartungen erfüllt werden. Beim Lesen der neuen Weltbühne beschleicht einen allerdings das Gefühl, dass es dem zwielichtigen Verleger Holger Friedrich nicht einmal bewusst ist, worauf er sich mit seiner rechtlich umstrittenen Aneignung der Marke Weltbühne eingelassen hat. Ich wiederum habe eine Monografie zur inzwischen ‚ersten‘ Weltbühne verfasst, woraus ich mir das Recht ableite, die neueste Inkarnation nach deren Maßstäben zu beurteilen. So viel gleich vorweg: wir haben es hier mit keiner Wiederauferstehung zu tun.

Als Die Weltbühne 3.0 im Mai letzten Jahres lanciert wurde, fiel die Reaktion eher gedämpft aus. Der einzige Aufreger, der die auf der Webseite zu findende Behauptung stützt, die Neuauflage hätte für einen medialen „Furor“ gesorgt, war der Beitrag von Deborah Feldman. Darin warf sie dem Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen Zeitung vor, sein Judentum lediglich vorgetäuscht zu haben, und nahm anschließend die deutsche Mehrheitsgesellschaft ins Visier, die aus einer Art Selbstbezichtigungslust allzu gutgläubig auf solche vermeintlichen Manöver hereinfalle, um die Sünden ihrer Väter zu sühnen. Diese mögliche Verleumdung hat tatsächlich in der deutschen Medienlandschaft Wellen geschlagen, die aber dann ziemlich schnell nachgelassen haben.

Seitdem ist es um das Blatt ziemlich still geworden. Höchstens mit der Personalpolitik konnte diese Weltbühne Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So verkündete der dem Rassenkampf verpflichtete Herausgeber Behzad Karim Khani schon in der September-Ausgabe, dass der Historiker Per Leo den ehemaligen Russia Today-Moderator und bis vor Kurzem als Mitherausgeber fungierende Thomas Fasbender abgelöst hatte. Der Versuch, „ein Niemandsland, frei von der Giftigkeit des deutschen Diskurses“ zu entdecken, war offenbar an der Unüberbrückbarkeit ihrer politischen Stellungen gescheitert. Die Weltbühne war nicht dazu da, so Khani weiter, „Behauptungen aufzustellen. Namen zu verunglimpfen.“

Spätestens an dieser Stelle habe ich aufgehorcht. Denn diese dem dubiosen Fasbender hinterhergeworfene Spitze verrät zwar das Selbstverständnis dieser Zeitschrift. Gleichzeitig aber zeigt der Satz einen auffälligen Mangel an Selbstkenntnis. Karim Khanis Weltbühne trägt ihre Unverwundbarkeit stolz zur Schau, pocht auf ihren Wunsch, die angeblich erstarrte deutsche Debattenkultur aufzumischen, und beansprucht für sich unermüdlich – wenn auch indirekt – eine dicke Haut. Dieser Souveränitätshabitus kann jedoch über die Empfindlichkeit der Herausgeber nicht hinwegtäuschen, die sich lieber in Verunglimpfungen und billige Angriffe retten, als sich sachliche Auseinandersetzungen zu liefern, die die Gefahr einer Niederlage in sich bergen dürften. Mit anderen Worten: die Leitartikel in dieser Zeitschrift arbeiten häufig mit nichts anderem als Verunglimpfungen.

Das bis dato sprechendste Beispiel für diese Unsicherheit war in derselben Ausgabe zu finden, in der Karim Khani sich und sein Blatt von persönlichen Attacken distanzierte. Karim Khani leitete seinen Artikel ‚Männer, die auf Baustellen starren‘ mit einer überlegenen Abfertigung der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ein, der die Autoren der Weltbühne als „Schwurbler“ bezeichnet hatte. Den Namen Kowalczuk habe Karim Khani googeln müssen, was für ihn anscheinend einem Totschlagargument gleichkommt. Trotzdem lässt er sich dazu herab, sich ein paar Äußerungen Kowalczuks in den Sozialmedien anzuschauen. Sein Befund? „Ich ignoriere ihn, weil er mich zu sehr an die inselbegabten Verlierer erinnert, die es zum Lifestyle erklärt haben, auf X recht zu haben.“ Erwachsen diskutieren sieht freilich anders aus. Dafür können wir jetzt zu einem ergiebigeren Thema als diesem ins Leere greifenden Schlagabtausch übergehen, richtig?

Falsch. Karim Khani verwendet satte sieben Seiten darauf, diesen ihm angeblich so gleichgültigen Mann zu diskreditieren. Er versteigt sich sogar zum Totschlagargument schlechthin: Kowalczuk sei ein Verschwörungstheoretiker. Nun, die Kowalczuk zugeschriebenen Zitate, mit denen Karim Khani seinen Verriss spickt, machen ihn auch mir nicht sonderlich sympathisch; auch ich hatte seinen Namen nie gehört. Im Unterschied zu Behzad Karim Khani sehe ich aber ein Organ, das das Erbe von dem doch ziemlich geistreichen Satiriker Kurt Tucholsky zu pflegen vorgibt, als zu schade für kindische Bemerkungen wie die, dass der unliebsame Gegner angezogen sei „als wäre Sex eine Hypothese, die es zu widerlegen gilt.“ Als wäre damit nicht genug, wird der Leser informiert, dass Kowalczuks Figur „schreit: ‚Sport kenn ich. Hatten wir in der Schule!‘“ Zur Erinnerung: das erscheint in einer Publikation, die sich auf der eigenen Webseite „einem zwar leidenschaftlichen, aber doch respektvollen Austausch von Positionen“ verschreibt.

So viel zum geistigen Niveau des bis zum Neujahr federführenden Herausgebers. Siegfried Jacobsohn würde sich auch beim Anblick des Schreibstils im Grab umdrehen. Eine Blütenlese, angefangen mit dem Leitartikel vom letzten Juli, der einem nationalen Lagebericht ähnelt:

Ein Land, das eine Erzählung zu suchen vorgibt, sie aber nicht finden will. Der gesellschaftliche Hormonhaushalt fährt Achterbahn. Das Land reagiert provinziell verpickelt und urban verschwitzt. Verspätete Pubertät oder verfrühte Wechseljahre? Man spricht von Zeitenwende, aber die Worte verraten den Stimmbruch.

Hier darf auch der geduldigste Leser fragen: Bitte, was? Schlug man seinerzeit Jacobsohns Weltbühne auf, las man Zeitung. Taucht man in Karim Khanis ein, betreibt man Hermeneutik. Auch das langwierige Manifest, mit dem Per Leo im Oktober seine Mitarbeit einläutete, weist Köstlichkeiten auf, die der obigen in Nichts nachstehen. Nach einem ausladenden Exkurs in die Geschichte des New Yorker Nachtlebens, die Leo im Klub „Studio 54“ und seiner selektiven Einlasspolitik verkörpert sieht, schlägt er eine Brücke zu den Kriterien, die Aufnahme in die neue Weltbühne bedingen:

Die Kunst wird also darin bestehen, die Fugen unseres Blatts gegen all die Tsunamis aus Dreck und Scheiße abzudichten, um dafür unter der Erde und hoch im Himmel die Pole der Spannung zu identifizieren, die im Innenraum unsere „Weltbühne“ zum Leuchten bringen.

Schade eigentlich um die deutsche Sprache, die ich nicht zuletzt an Jacobsohns Weltbühne zu schätzen gelernt habe: sie ächzt förmlich unter dem Joch der gezwungenen Metapher. Und weil mir nicht nach Nachsicht zumute ist, muss ich Folgendes zu Protokoll geben. S.J. war dafür bekannt, dass er keinen Artikel aus der Hand gab, bis er sprachlich und rhetorisch wasserdicht war. Das Blatt, das sich heute mit dessen Name drapiert, wimmelt von orthographischen Fehlern, die Tucholskys publizistischem Ziehvater unmöglich entgangen wären.

Alles Geschmacksache, könnte man meinen. Von der Form könne man nicht auf den Inhalt schließen. Immerhin: mal abgesehen davon, dass diese Faustregel auf das Schreiben kaum zutrifft, bietet die neue Weltbühne karge Kost. Die politischen Lehren, die aus Tucholskys Weltbühne gezogen werden, sind auch mitunter verzerrend. „Soldaten sind Mörder“ brüllte die erste Nummer, um dann den sofortigen Stopp aller damals tobenden Kriege zu fordern. Bedingungsloser Pazifismus war also der Leitspruch, mit dem sich der Neuling Gehör verschaffen wollte. Dass eine Niederlegung der Waffen von seiten der Ukrainer mit einer Kapitulation an den nicht gerade verhandlungsfreudigen Putin gleichbedeutend wäre, schien dabei niemanden groß zu kümmern. Und damit sind wir – nicht zum ersten Mal in unserer Vereinsgeschichte – beim Thema „Tucholsky und Pazifismus“ angelangt. Denn Tucholsky, auf den sich Karim Khani und Co. in dieser Sache so gerne berufen, hat in der Tat sehr ergreifende Antikriegstexte geschrieben. Man denke nur an ‚Märtyrer‘, aus dem Jahre 1925, in dem er einen Besuch in einer französischen Gedenkstätte für die Opfer der revolutionären Schreckensherrschaft zum Anlass nimmt, den seit Menschengedenken von Kriegsdenkmälern begünstigten Revanchismus zu beklagen. Vom anderen Ende dieses weiten Feldes winkt jedoch ein anderer Halbsatz herüber, den derselbe Tucholsky im Jahr darauf im sonst brav pazifistischen Beitrag ‚Wo waren Sie im Kriege, Herr – ?‘ geschrieben hat: „ Wir erkennen die Pflichten nicht an, die Ihr uns auflegt – möglich, daß es Gebote gibt, die unser Blut und das unsrer Kinde fordern: der Patriotismus, der Kampf für diesen Staat gehören nicht dazu.“ Nun, auch Patriotismus ist bei Tucholsky ein dehnbarer Begriff, aber das gehört nicht hierher. Was aber sehr wohl hierher gehört, ist die Überlegung, dass die Verteidigung der westlichen Demokratie gegen eine räuberische Besatzungsmacht für Tucholsky sehr wahrscheinlich ein würdiges Gebot dargestellt hätte, um dessentwillen er die Anwendung von Gewalt gutgeheißen hätte.

Ein erwartbarer Einwand wäre: Halb so schlimm. Wenn man sich politisch durchsetzen will, darf man es mit der Exegese nicht so genau nehmen. Mag schon in einigen Fällen stimmen, in diesem aber nicht. Wenn man faktisch einem Diktator Tür und Tor öffnen will, wiegt so eine tendenziöse Vereinnahmung schwer. Und es kommt noch gravierender: diese Weltbühne ist langweilig. Nun, auch die entschiedensten Gegner des Weimarer Blatts hätten es nicht über sich gebracht, ihm Langeweile zu unterstellen. Im Gegenteil: die Weltbühne von damals vermochte es immer, seine Leser in einen Sturm der Entrüstung gegen etwas aufzubringen, sei es gegen herrschende Missstände oder das Blatt selbst. Nicht zum Zeitvertreib hat Carl von Ossietzky zwei Prozesse durchmachen müssen; nicht von ungefähr hat die verzweifelte Kampagne, ihm den Friedensnobelpreis sichern zu lassen, unter internationalen Kollegen auf so einen fruchtbaren Boden gefallen.

Was für Themen hat also Karim Khanis Weltbühne, die einem Vergleich mit Tucholskys Breitseiten gegen Klassenjustiz oder Carl Mertens‘ Aufdeckungen über die von der Schwarzen Reichswehr begangenen Fememorde standhalten? „Jede Menge zu den israelischen Gräueltaten im Gazastreifen.“ Gut, darf man nicht verschweigen. Was sonst? Verlegene Stille. „Ja, wir bringen Slavoj Žižek.“ Stark. Und was schreibt er da? „Etwas über die Umwelt und noch etwas anderes über das Böse überhaupt.“ Genauer? „Ja, was willste? Er darf wirres Zeug schreiben, solange er unseren Ruf als seriöses Blatt aufpoliert.“ Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. 

Freilich, auch diese Weltbühne will eine Gegenfront bilden. Nur gegen was lässt sich nicht so richtig sagen. Da kam ein Artikel von Dietrich Brüggemann im letzten Sommer mit dem vielversprechenden Titel ‚Anleitung zum Dagegensein‘ wie gerufen. Also, Herr Brüggemann, wo steht der Feind? Fazit: irgendwo da oben. Eigentlich hätte man damit rechnen müssen. Diese Anleitung ist eine einzige Suada gegen die allgegenwärtige Zensur, die uns vom „Staat“ auferlegt werde. Der arme Autor hat eben so wenig Luft zum Atmen, dass er mickerige vier Seiten Platz hat, auf denen er seine Weltanschauung entfalten darf. Und weil es nun mal  ist, geht es natürlich nicht ohne ein unpassendes Gleichnis, das ich Ihnen, verehrtem Leser, lieber ersparen würde. Klar, Fußball muss dafür herhalten, denn so beweist der Autor, dass er ein Mann des Volkes ist. Und da Brüggemann mit dem Nationalsport angefangen hat, kommt er unweigerlich darauf zurück. Redefreiheit existiere praktisch nicht mehr. Was tun?

Ganz einfach: Wir erkennen an, dass das Spiel namens ‚öffentliche Kommunikation‘, das wir bisher gespielt haben, mit dieser Regeländerung schlagartig vorbei ist und ein anderes Spiel angefangen hat. Und weil das nun ein neues Spiel ist, können wir die Regel selbst bestimmen. Das können durchaus die Regeln sein, die sonst in der Kunst Anwendung finden: Ich sage das Gegenteil von dem, was ich meine, oder etwas ganz anderes, und wenn ich will, dann schieße ich aufs eigene Tor.

Was aber, wenn die Tribüne leer ist?

Kategorien
Originaltexte Tucholsky: Zum Werk

Ignaz Wrobel: Berlin! Berlin!

Berlin hat keine sehr gute Presse im Reich; voller Haß wird diese Stadt kopiert. Was geht da vor?
Einer der Oberschreier im Kampf der Wagen und Gesänge ist Hugenberg. Der hat sich aus den übelduftenden Restbeständen der schmutzigen wiener ›Stunde‹ ein paar Schaufensterdekorateure herangeholt, die, Bonifacio Kiesewettern gleich, die Mauern mit merkwürdigem Farbstoff beklecksen und ihr ottakringer ›Hoppauf!‹ in das gute ›Gib ihm Saures!‹ täppisch zu übertragen versuchen. Wie da Hunderttausende von Lesern sich selbst ausnehmen, wenn Berlin als radikale Lasterhöhle beschimpft wird, wie gleichzeitig der schlecht gelüftete Amtsgerichtsrat in der Provinz sein Germanentum attestiert bekommt und Berlin als bolschewistisches Judennest angeprangert wird – immer mit Ausnahme der geehrten Abonnenten, die wir besonders auf unsern Anzeigenteil verweisen –: das wäre zum Entzücken gar, wenn das Blatt nun auch noch auf Rollen gedruckt wäre. Nur Wilhelm der Zweite las dieses Papier in unzerschnittnem Zustande.
So weit Hugenberg, der ja wissen muß, wie er mit diesem ungeschickten Geschrei von der ›roten berliner Rotte‹ so ganz nebenbei die Geschäfte seiner Leute stört. Während die Stadt auf der einen Seite etwas komisch anmutende Versuche macht, einen ›Fremdenverkehr‹ zu organisieren, dabei außer acht lassend, daß sich kein Mensch auf dieser Welt für Geld gern unhöflich behandeln läßt (›vorbestraft‹ und ›Ausländer‹ sind für viele Polizeibüros Synonyme) – während Messeamt und Oberbürgermeister miteinander wetteifern, besudelt auf der andern Seite der tüchtige Hugenberg die eigne Stadt und das eigne Eiernest.
Die Provinz hat andre Motive.
Da erscheint vor allem der Gedanke unerträglich, daß ›die Leute in Berlin‹ alles besser wissen wollen, und Lokaldünkel, Unfähigkeit, weiter als bis zum nächsten Kirchenturm zu denken, und Ämterehrgeiz werden gern als ›kulturbedingte Interessen des Föderalismus‹ plakatiert. Berlin, Berlin!
Nun hats Preußen den Leuten in der Provinz nicht leicht gemacht. Dieser berliner Überlegenheitston, der die andern wie verständlich so maßlos reizt, diese törichte Attitüde, die sich aus Herrschergelüste, Überlegenheitsfimmel und Postenjägerei zusammensetzt, hat unendlich geschadet. Die Vormachtstellung Preußens muß fallen, auch, wenn seine Regierung uns heute besser zusammengesetzt scheint als die des Reiches. Hier allerdings liegt der seltene Fall vor, wo ein Land bedingungslos vor dem Reich kuscht, kapituliert, sich nicht mehr rührt – man stelle sich dasselbe etwa von Bayern vor, das ja in Wahrheit dem Reich nur lose angegliedert ist. Die Vormachtstellung Preußens muß fallen, wie die der Bundesstaaten, lächerliche Überbleibsel dynastischer Schachereien, fast ohne Kulturinhalt; denn es wird uns wohl kein Mensch im Ernst einreden wollen, daß die Grenzen der wahren Kulturkreise in Deutschland mit denen zusammenfallen, so durch Prinzessinnen-Prostitution und Landkauf festgesetzt worden sind.
Mein München lob ich mir; es ist ein Klein-Berlin und bildet seine Leute! Die Anti-Berliner, die am liebsten in der Landestracht ins Bett kriechen würden, die sich mit der Betonung der partikularistischen Eigenart gar nicht genug tun können, putzen sich nämlich brav den Mund mit Kaliklora, gurgeln mit Odol, benutzen das Reklame-Vaseline ihrer Zeitschrift, unterliegen denselben Einwirkungen der deutschen Allerweltsreklame … Denn die Wirtschaft läßt sich nichts vormachen, und da hören die heimischen Belange (sprich aus wie: Melange) lauf.
Im übrigen kopiert das Berlin, wo es nur kann. Nicht etwa, weil Berlin gar so schön und nachahmenswert sei. Aber es muß doch dem deutschen Volkscharakter sehr weit entgegenkommen … Die Diele und die Bar, die illustrierte Zeitung und die Verkehrsampel, Mode und Theater, Klamauk und Kunst: es gibt kaum eine Sache, mag sie noch so verdienstvoll oder noch so dämlich sein, die in der Provinz nicht ihren Nachahmer fände. Was die Herrschaften nicht hindert, voll heimlichen Gruselns und auf das Dümmste gegen Berlin, den verruchten Herd des Umsturzes, zu wettern. Oh, wäre es das –!
»Ich verstehe nicht, wie man in seinem Alter noch so radikal sein kann!« sagte einst Goethe, grade als er wieder einmal den Ernst Ritter von Possart spielte. Es goethelt sich da etwas zurecht in deutschen Landen. Bis an den Hals mit jener Sucht gefüllt, dem andern um Gottes willen eine Spirale weit vorauf zu sein, lächeln diese Kulturbadewärter leise und vornehm auf die ›berliner Radikalen‹ herunter. Ich spreche gar nicht einmal von den dummen völkischen Zeitschriften, die für sich alle paar Monate ein neues teutsches Genie entdecken, einen Bildhauer, der keusches Blond knetet, heiligen Mutterschoß und betenden Krieger; einen Maler, der von alten Kirchenbildern klaut, was ihm erreichbar ist; zur Zeit haben sie Hans Grimm beim Wickel, einen falschen Frenssen, und der echte war schon Tomback … Also von denen wollen wir uns gar nicht unterhalten.
Aber ihre Terminologie, ihre dumme Verachtungspose gibt es noch ein andres Mal, jene matten Gesten, die immer den Eindruck erwecken, als habe man einem lebhaften Ostjuden während der Rede die Hände festgebunden, und nun wedelt er nur noch leise mit dem Charakter … alles das gibt es zum zweiten Male bei den falschen Konservativen des Geistes.
Zu blutarm, um von der Zeit aufgepeitscht zu werden, zu bequem, etwas zu riskieren, sehen sie vornehm überlegen auf die windigen, die altmodischen, die berliner Radikalen.
Zu leugnen, daß es auch unter diesen des Unliebsamen, des Monomanen, des Abzulehnenden genug gibt, hieße, den deutschen Fehler begehn: alles sündhaft zu heißen, nur die eigne Gruppe nicht. Die dekorativen Philosophen, die unter ›Berlin‹ einen Radikalismus verstehn, der ihnen peinlich ist, können noch nicht einmal treffen, wenn sie schießen: Soll ich einmal -? Ich kann denen erzählen, wie oft tönende Stimme und geistiges Format im Mißverhältnis stehn, eine Erscheinung, die mein lieber Freund O. C. einmal ›Schreib-Riesen‹ getauft hat; wie snobistisch vieles ist, wie unglücklich sich diese entwurzelten Bürger, nicht wieder angewachsenen Proletarier fühlen; wie sie anlehnungsbedürftig, im Winde schwanken … Aber der letzte Schwätzer dieser ›berliner Radikalen‹ ist mir immer noch lieber als irgend eines Kaufmanns gesättigter Schwiegersohn, der maßvollgebildet historisches Fachwissen, chinesische Wandsprüche und die Kenntnis von wiener Porzellan gegen das auszuspielen versucht, was uns bewegt.
Vor dem Kriege vertrat Oscar A. H. Schmitz den Typus des Philosophen mit Bai und allem Komfort – heute haben wir deren viele. Das gedeiht besonders unter Privatdozenten. Aber wenn man näher hinblickt, was sie denn zu so vornehmer Ruhe befähigt, wie sie denn dazu kommen, so fein das Gewissen der andern zu analysieren, leise abzuwinken, wenn draußen auf der Straße geschossen oder auch nur geprügelt wird –: es ist immer, immer dasselbe. Sie sind vornehm, still und leise, weil Papa ein gutgehendes Papiergeschäft hat; weil die Zeitung, die sie anstellt, gute Inseratengeschäfte macht; weil da eine Rente mit einer Tante ist; weil sie gut gegessen haben, sauber gebadet sind, es friert sie nicht –: von sicherm Port läßt sich gemächlich raten. Aber dann doch lieber den entwurzelten Bürgerssohn, der das Maul zu weit aufreißt, dessen Lebensführung mit seinen Theorien nicht in Einklang steht –: er fühlt wenigstens, was da leidet auf der Welt; er hat ein Ohr, zu hören, ein Herz, das schlägt … „Man muß protestieren.“
Ich liebe Berlin nicht. Seine Wendriners hat Gott in den Mund genommen und sofort wieder ausgespien; seine Festlichkeiten sind sauber ausgerichtet; seine Dächer sagen nicht zu mir: „Mensch! Da bist da ja!“ Ich liebe diese Stadt nicht, der ich mein Bestes verdanke; wir grüßen uns kaum. Aber wenn man diese Kulturtrottel in allen Orten des Reiches sieht, ist zu sagen:
Es ist ein kindliches Spiel, die Angst vor der Aufteilung der Bankkonten, Angst vor Unbequemlichkeit, Kasteneitelkeit und unfruchtbare Bildung, die mit dem Blick auf Laotse über den mißhandelten Zuchthäusler nicht einmal stolpert, auf eine Schießbudenfigur ›Berlin‹ zu pappen und nun nach der Scheibe zu schießen. Scheibe. Verfaule in deiner faulen Bildung, Gebildeter. Versauf in feinen Formulierungen, Brillenkerl. Lächle überlegen – ach, bist du kultiviert!
Wenn das Berlin ist: Radikalismus in Militärfragen, Unbedingtheit gegen den Stahlund Kohlen-Patriotismus; Haß gegen Verblödung durch die Pfarrer Mumm und Pfarrer Heuss; Sabotage der Vorbereitungen zum nächsten Schlachten durch Kriegsminister Geßler, Judikatur und Schule, wenn das alles ›Berlin‹ ist –: dann sind wir und unsre Freunde im ganzen Reich, in Hagen und an der Wasserkante, in der Mark und im sächsischen Industriebezirk, dann sind wir für diese Stadt, in der immerhin Bewegung ist und Kraft und pulsierendes rotes Blut. Für Berlin.


Autorenangabe: Ignaz Wrobel
Ersterscheinung: Die Weltbühne, 29.03.1927, Nr. 13, S. 499.
Editionen: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker. 22 Bände, Rowohlt Verlag, Reinbek 1996ff., Band 9. Texte 1927, S. 397 ff.
Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Verlag, Reinbek 1975. Band 5, S. 188 ff.

Zur Textauswahl
Zur Biographie

Weitere Originaltexte