Ich über mich

Mit dem Schreiben zu dem Zweck, etwas mitzuteilen, begann ich als Sechsjähriger, als eine ausnehmend schöne Dame im Ersten Weltkrieg für ein paar Wochen auf unseren Einödhof gekommen war, um sich satt zu essen, freundschaftlich aufgenommen von meiner Mutter, die das Anwesen mit einem Dutzend »Mägden« und »Knechten« führte, indes der Vater irgendwo an der Westfront seit August 1914 mit Feldgeschützen die Franzosen ärgerte, so daß er im Kriegsjahr 1916 jene schöne Dame nicht erlebte, welche die allzu junge Witwe eines damals sehr bekannten Schriftstellers namens Otto Julius Bierbaum war, von ihm aus Florenz mitgebracht und geehelicht, was einen Schwarm Münchner Künstler nicht hinderte, sie zu umgarnen, in Öl zu malen, zu zeichnen, woraus hervorgeht, daß ich, das Kind, nicht übermäßig originell war, als ich ihr in einem Brieflein schrieb, ich wünschte, sie bliebe ganz bei uns, wie ich von meiner Mutter später erfuhr, als wir den Hof im letzten Kriegsjahr bereits verlassen hatten (törichterweise!), der so weit ab von der nächsten Volksschule lag und liegt, daß mir der Weg dorthin, ein Fußpfad durchs Blumenparadies eines Hochmoores nicht zugemutet wurde, vielmehr ein Fräulein Hagen mir das Lesen, das Schreiben und das Kleine Einmaleins beibrachte, dergestalt der Hof, Wohnhaus, Stall, »Leutehaus«, die riesige Scheune mit der steilen Auffahrt, meine Welt war, dazu all die Tiere, angefangen mit dem großmächtigen, am Nasenring aus dem Stall herausgeführten Stier bis zu den Stallhasen, die der Vater als Kriegsbeute aus Belgien in einem von zwei Urlauben mitgebracht hatte, die ihm in vier Jahren genehmigt worden waren, so daß er für mich, als er dann wieder bei uns blieb, ein ziemlich fremder Herr war, von dem ich erfuhr, wir hätten den Krieg nicht verloren, was ich ihm schon nicht mehr glaubte, sondern frühzeitig begann, mich zum schwarzen Schaf der Familie zu entwickeln, zu einem Sohn, der nur geringes Interesse bekundete, als der Vater nach dem Umzug in das nächste Kreisstädtchen – wo er eine weit kleinere Landwirtschaft erstand und betrieb – auf lokaler Ebene eine paramilitärische Organisation aufbaute, Einwohnerwehr genannt, deren Mannschaften in der nahen »Schießstätte« Schützenfeste veranstalteten, die eigentlich Schießübungen waren, und eines Tages der Vater in unserem Obstgarten sogar mit Ludendorff auf und ab ging, kurz vor dem Hitler-Putsch vom November 1923, der der »Einwohnerwehr« ein Ende setzte, so daß auch das Waffenlager in einem unserer Heustadel draußen im »Moos« beim Torfstich verschwand, das mir nicht entgangen war, und samt dem ganzen deutschnationalen, nicht eigentlich nationalsozialistischen Klimbim sicher dazu beigetragen hat, daß es der Leser mit einem Buch zu tun bekommen wird, einer Art subjektiver Zeitchronik, die gewisser autobiographischer Streiflichter nicht völlig entraten kann, geschrieben von einem, dem eigentlich lebenslänglich an dem Volk, dem er nun einmal zugehört, mehr mißfallen als gefallen hat, zumal er dieses sein Volk einen ganzen Weltkrieg lang, den zweiten, erlebt hatte als Soldat, wovon ein Buch Zeugnis ablegt, das nicht am Schreibtisch entstanden ist, sondern zwischen dem Dnjepr und der Bretagne, 1975 vorgelegt als Mein Krieg, bemerkt von hundert Kritikern, von denen einer schrieb, dieser Soldat E.K. habe 2919 Tage und Nächte lang aufgeschrieben, in was er selbst aufs engste verwickelt gewesen sei, mache aber den Eindruck, als sei er gar nicht derjenige, der das alles erlebt und mitgemacht habe – was mich davor bewahrte oder dazu verurteilte, nichts zu glauben, was geglaubt wurde von der jeweiligen Mehrheit, nichts zu erhoffen von dem, worauf sie hoffte, nicht zu fürchten, vielmehr eher zu ersehnen, was sie fürchtete, wovon eine Lebenshaltung bestimmt wurde – eine Lebenshaltung, die ihre Tücken im privaten zwischenmenschlichen Umgang hat, der Ausübung des journalistischen Handwerks jedoch durchaus zuträglich ist, und damit möge es sein Bewenden haben hinsichtlich der Bestimmung meiner Umweltbeziehung, in moralische Irrgärten sei nicht hineingewildert, der Frage, wie Gesinnung entsteht, nicht weiter nachgegangen und nur hervorgehoben, daß eine linke politische Einschulung nicht stattgefunden hat, Marx mir auf keiner Lebensstufe zum Guru geworden ist, ersetzt wurde durch die Lehren der Wirklichkeit, die so wenig dazu angetan waren und sind, Wohlwollen zu wecken für unsere deutsche Wirklichkeit, 12 Jahre lang pervertiert zur Weltvernichtungspraxis, bis ich im Juni 1945, nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft in Frankreich, mit nunmehr 35 Jahren anfangen konnte (und mußte), zu überlegen, was ich aus meinem Leben eigentlich machen wollte. 1947 wußte ich es. Ich wurde kein Schreiber, sondern ein Aufschreiber, und ich begehre, schuld daran zu sein.

München, Venedig, im Sommer 1989

Quellenangabe:
Erich Kuby: Mein ärgerliches Vaterland. Hanser, München 1989 (Lizenzausgabe Volk und Welt, Berlin 1990), S. 7-8

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