[Rezension] Jan Eik: Ost-Berlin, wie es wirklich war

Es gibt Geschenke, die besonders erfreuen, wenn es den Nerv des Beschenkten treffen. So lag eines Tages Ost-Berlin, wie es wirklich war – Erinnerungen aus der Hauptstadt der DDR von Jan Eik auf mei­nem Tisch. Ich freute mich riesig, dass sich Helmut Eikermann – so heißt er mit bürgerlichem Namen – gerade dieses Themas an­genommen hat und mir Stunden der Erinnerungen bescherte.

Ei­kermann, also Jan Eik, ist nicht nur Berliner und in Ost-Berlin auf­gewachsen, als Krimi-Autor mehrfach ausgezeichnet, als Sach­buch-Autor ebenso geschätzt, sondern auch Mitglied und Referent bei Tagungen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft. Somit ein Seelenverwandter.

»Ost-Berlin« sagte ich als Kind und Jugendliche übrigens nie. Mit »Berlin-Karls­horst im Osten« behalf ich mich. Auch »Hauptstadt der DDR« kam mir nie über die Lippen. Eine halbe Stadt als Hauptstadt zu bezeichnen, das widerstrebte ja nicht nur mir. Und dann »Karlshorst«, da gingen bei Erwähnung des Stadtteils oft die Augenbrauen hoch.
Jenseits der Treskowallee, später Hermann-Duncker-Straße, war russisches Sperr­gebiet. Später übernahmen die Stasi und manch andere DDR-Behörden die dorti­gen Villen und mehrstöckigen Wohngebäude. Wir lebten also sehr gut bewacht. In Karlshorst steht bis heute das ehemalige Offizierskasino der Wehrmacht, in dem die bedingungslose Kapitulation am 8. März 1945 unterschrieben wurde.

Doch zurück zu Jan Eik: Grenzen sind zum Schmuggeln da überschreibt er eines seiner 13 Kapitel. Und geschmuggelt wurde in Berlin viel. Eine Episode erlebte ich mit. Für die Turmuhr und deren Ziffern der frei gegebenen und sehr renovierungsbe­dürftigen evangelischen Kirche hatten kirchliche Dienststellen in Westberlin Blatt­gold zur Verfügung gestellt. Und wer holte es in seiner verschlissenen alten Akten­tasche über die Grenze? Mein Vater. Erst als dieser wieder heil mit seiner heißen Ware zu Hause eintraf, fand meine Mutter ihre Sprache wieder.

Noch vor dem Mauerbau lockten West-Berliner Kinos, Sportpalast und andere Ver­gnügungsstätten auch die Ost-Jugend an. Und chic wollte man als »Backfisch« ja auch sein. Um eine Sonnenbrille mit Spiegelgläsern in West-Berlin zu erwerben, hatte ich fleißig Ostmark gespart.

Sie kostete zwar nur 10 DM, für mich aber 50 Ostmark, die man umtauschen musste. Kess setzte ich sie nach dem Kauf in Neukölln auf dem Heimweg in der S-Bahn auf. Sie konnte ja ein Geschenk von Tante Elli sein…
Alltag in Ost-Berlin, auch den hat Jan Eik faktenreich beschrieben, wie ich auf jeder Seite des rund 250 Seiten großen Buches so viel Bekanntes und Selbsterlebtes wie­der entdeckte. Es spiegelt 40 Jahre einer Teilstadt und ihrer Entstehung wieder. Im­mer den »Westen« vor Augen, wo es ja ganz anders zuging, damit musste man als Kind erst einmal klar kommen. Somit war diese Zeit eine bewusst erlebte Zeit. Wer den Spruchbändern, der Agitation und sonstige Einschränkungen nicht folgen wollte, hatte es nicht leicht.

Hat nun Jan Eik das Buch nur für die Berliner geschrie­ben, wie sein Kollege Gerd Bosetzky („ky“) eines über West-Berlin?
Nicht wirklich, denn auch für Nicht-Berliner ist es unterhaltsam und interessant. Ost-Berlin wie es wirklich war könnte ergänzt werden: und was davon übrig blieb“. Denn auch die »Überreste« der 40 Jahre Ost-Berlin entgingen nicht dem scharfen Blick des Autors. Lesenswert, besonders weil der Berliner Autor Jan Eik und der Tucholsky-Freund Helmut Eikermann eine wunderbare Symbiose eingegangen sind.

Renate Bökenkamp

Jan Eik: Ost-Berlin, wie es wirklich war. Erinnerungen aus der Hauptstadt der DDR. Jaron-Verlag Berlin. 256 Seiten, kartoniert. 9,95 € ISBN 978-3-89773-800-3

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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