Dankesrede zur Verleihung des Tucholsky-Preises

»Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich«. Das ist das Motto dieser Tagung. Das sagt Kurt Tucholsky. Und das ist uns Deutschen zehn Jahre nach seinem Tod ganz selbstverständlich geworden.

Aber ich doch nicht. Ich konnte 1945 als zehnjähriger Dorfbewohner – in einem kleinem Nest bei Bad Kissingen, wo Bismarck immer kurte und wo er sein Kissinger Diktat zur Lösung der Balkankrise entwarf – ich konnte nicht verstehen, daß unser Krieg verloren sein soll. Ich glaubte, noch gut zwei Jahre, daß der Führer lebt und daß unsere Wehrmacht mit ihren Wunderwaffen aus dem Untergrund aufstehen und den Feind schlagen wird. Und hätte ich nicht die Gnade der allzu späten Geburt gehabt, in der Waffen-SS wäre ich auch noch gelandet.

Der Abscheu der Deutschen vor dem Krieg hielt bis nahezu zum Ende des Jahrhunderts an. Bis zum Beginn der rot-grünen Reformkoalition. Da, um 1998/99 stellte sich für uns Deutsche heraus, daß Krieg durchaus nicht unsittlich sein muß. Tucholsky ist seither widerlegt.

Es war Gerhard Schröder, der als erster deutscher Kanzler seit Adolf Hitler wieder Krieg führte. Der Kriegsgrund war zutiefst sittlich. Es war ein Ritus der Adoleszenz, der Reife, der Deutschland aus seiner 1945 selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite, der Deutschland endlich wieder erwachen ließ, erwachsen machte. Es war der Gründungsmythos der Berliner Republik.

Schröders Außenminister Joseph Fischer hat dies auf den Punkt gebracht. Weil der serbische Hitler Adolf Milosevic den Balkan in ein – da kennen wir uns aus – neues Auschwitz verwandelt hatte, verwandelte sich die bis dahin gültige Doppelparole »Nie wieder Auschwitz«, »Nie wieder Krieg« in eine saubere Alternative.

Mit dem Schlachtruf »Nie wieder Auschwitz« stürzten wir uns in den Krieg.

Zuvor war Verteidigungsminister Rudolf Scharping – Sie erinnern sich: der heutige Präsident der manchmal ehrlichen Radfahrer – an der Spitze einer uniformierten Bundeswehrkompanie in die Gedenkstätte Auschwitz einmarschiert, um sich mit Hilfe eines dort niedergelegten Kranzes die Weihe für diesen Krieg zu verschaffen.

Es ging auch gar nicht anders: Nach der vollzogenen Wende war Krieg notwendig. In seinen soeben erschienenen Memoiren unterrichtet Joseph Fischer das deutsche Volk, wie man sich so einen Krieg holt. Noch nicht im Amt, bat er seinen FDP-Vorgänger Klaus Kinkel, ich zitiere, »um den aktuellen Sachstand in der Frage Kosovo und NATO über die Mobilisierungsentscheidung der militärischen Kräfte (Act.Ord). Danach würde der konkrete Einsatzbefehl allein beim NATO-Oberbefehlshaber liegen, und würde dieser den Befehl – nach einem Anruf aus Washington erteilen, dann hieße dies Krieg.« (S.106)

Eine Seite weiter in seinen Memoiren hat Fischer sich – auch für uns – entschieden: »Innerhalb weniger Minuten hatte ich, ohne Abstimmungsmöglichkeit mit Partei und Fraktion, eine der weitreichendsten Entscheidungen in meinem Leben zu treffen gehabt, nämlich die über Krieg und Frieden…« (S.107)

Joseph Fischer wählte den Krieg. An der Seite der USA. Aber er wählte frei und gern. Denn es war im Grund ein alter deutscher Krieg. Der Krieg zur Vernichtung Jugoslawiens, den Deutschland 1941 führte, der damals – ohne Kriegserklärung – mit der Bombardierung Belgrads begann, und 1999 ebenso. Und der auch schon 1914 als Krieg gegen Serbien, begangen wurde, gegen Serbien, das sich Österreichs Sühneforderungen für den Mord von Sarajewo unterworfen hatte. Doch weil Deutschland sich an Österreichs Seite stellte, sollte »Serbien sterbien« wie der Kriegsruf damals hieß.

Dann wurde 1999 aus Jugoslawien das neue Auschwitz, gegen dessen Urheber wir, das erwachsene Deutschland, Krieg führen mußten.

Es lief alles wie im Ersten Weltkrieg. »Nichts, nicht einmal die Feldpost, hat in diesem Krieg so kläglich versagt wie der deutsche Geist«, schrieb im November 1914 der deutsche Schriftsteller Gustav Landauer, den fünf Jahre später deutsche Freikorps auf viehische Weise lynchten.

Ich, der ich als dummer kleiner Junge in Euerdorf, ja so hieß das Nest, schon einmal auf so was reingefallen war, schämte mich, daß unser neuer deutscher Gegenwartsgeist am Ende des Jahrhunderts schon wieder Feldpost spielte – eine liebreizende Kollegin trampte mit ihrem Hund im Bundeswehrpanzer durch das zerschlagene Jugoslawien.

Vorletzte Woche hat auf der Frankfurter Buchmesse die katalanische Schriftstellerin Nuria Ama gesagt: »Wir wissen, dass es Sache der Politiker ist, mit Lügen zu manipulieren, und die der Schriftsteller wie Kafka, Wahrheiten aufzudecken.«

Nun haben wir zwar keinen richtigen Kafka im deutschen PEN, und er selber ist auch nie irgendwo PEN-Mitglied gewesen, aber Schriftsteller zum Aufdecken hätten wir in unserem Verein doch die Menge, dachte ich, nach Josef Fischers Krieg. Und so – ich will jetzt mal ins Plaudern geraten – stellte ich zusammen mit Christoph Hein, dem gerade ausgeschiedenen Präsidenten des Deutschen PEN auf unserer Mitgliederversammlung im Jahr 2000 einen Antrag.

Er ist mit der überwältigenden Mehrheit des im PEN versammelten Geistigen Deutschland abgelehnt worden.

Und so können sie ganz gewiß sein, meine Damen und Herren: der Deutsche Geist, die Deutschen Intellektuellen, die Deutschen Schriftsteller haben nichts, aber auch gar nichts mit den folgenden Sätzen aus dem Jahr 2000 zu tun, die ich Ihnen genau deshalb nicht ersparen will:

Ein Jahr nach dem dritten deutschen Krieg im 20. Jahrhundert bedauert die Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland, daß Schriftsteller dazu bereit waren, sich hinter die Friedenspolitik der deutschen Bundesregierung zu stellen, die eine Politik des Krieges war.

Heute, nach den Untersuchungen des ehemaligen Brigadegenerals und Leiters des Zentrums für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr, Heinz Loquai, scheint dies festzustehen: Das »Massaker von Racak«, mit dem wir kriegsbereit gemacht werden sollten, war mit hoher Sicherheit eine (leider normale) Schießerei zwischen Bürgerkriegsgegnern. Und der »Hufeisenplan« zur Vertreibung aller Kosovoalbaner, mit dem Verteidigungsminister Scharping die Bombardierung Jugoslawiens rechtfertigte, war eine Erfindung des Bundesverteidigungsministeriums, um die erst nach der NATO-Bombardierung einsetzenden großen Flüchtlingsströme zu begründen.

Wir wissen heute, daß es 1999 entgegen der Behauptung von Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping in der Kosovohauptstadt Pristina kein serbisches KZ gab. Wohl aber gab es 1944 an diesem Ort ein deutsches KZ, in dem mit Hilfe von kosovoalbanischen SS-Leuten Juden, Serben und Roma ermordet wurden.

Wir wissen, daß im jugoslawischen Bürgerkrieg von allen Seiten schwere Verbrechen begangen wurden, Verbrechen, die es aber nicht rechtfertigen, mit der Parole »Nie wieder Auschwitz« (Außenminister Joseph Fischer) zugunsten einer Seite einzugreifen, die schon im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großdeutschlands stand.

Schon im Ersten Weltkrieg haben berühmte deutsche Schriftsteller und Professoren sich in gemeinsamen Erklärungen und Aufrufen hinter ihre Regierung gestellt und die deutsche Propaganda unterstützt. Wir warnen vor Fortsetzung in einer Zeit, in der die Bundeswehr als Krisenreaktionsstreitmacht fähig gemacht werden soll, jederzeit und an jedem Punkt der Welt militärisch einzugreifen. Die – entschieden selektive – Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, die wir zu Recht oder zu Unrecht als Schurkenstaaten betrachten, kann keine Rechtfertigung dafür sein, daß von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht. Wir fordern Mißtrauen gegenüber allen deutschen Regierungen, die sich so leichtfertig wie das gegenwärtige Kabinett zu kriegerischen Einsätzen bereit finden.

Wir fordern die deutschen Medien auf, sich nach dem Vorbild der französischen Presse bei ihren Lesern, Hörern und Zuschauern für die Fehlinformationen zu entschuldigen, die ungewollt erfolgten, da man der Desinformation und Propaganda der Regierung geglaubt hatte.

Da hätten Sie mal, meine Damen und Herren, angesichts dieses Textes unseren Ersatz-Kafka, den damaligen Generalsekretär und heutigen Präsidenten des Deutschen PEN, Johano Strasser, erleben sollen. »Er gilt als einer der Vordenker der SPD«, las ich letzten Freitag in der Rotenburger Rundschau, dort an der Wümme las er vor dem SPD-Ortsverein aus seinen Memoiren.

Alles Quatsch, der Antrag sei unsinnig, alles längst überholt. Sein Freund Scharping habe ihm versichert, daß es den Hufeisenplan doch gebe und alles andere auch. Und im übrigen können wir nicht lang diskutieren. In zehn Minuten ist die Mitgliederversammlung zu Ende. Wenn nicht, wird das Essen kalt.

Der Deutsche Geist von 2000 hatte Hunger, stimmte rasch mit 9 gegen 78 Nein-Stimmen den ihm zugemuteten Antrag hinweg und begab sich pünktlich zum Abschiedsmahl.

Wenige Tage später aber erhob sich der Deutsche Geist in Moskau zu heftiger Kritik. Beim Internationalen PEN-Kongreß in Moskau werden wir, so sprach Generalsekretär Johano Strasser im Rundfunk, »die Möglichkeit haben, in der russischen Öffentlichkeit und in der Weltöffentlichkeit noch einmal anzusprechen, was in Tschetschenien geschehen ist und immer noch geschieht, daß dort ein Krieg geführt worden ist, nicht gegen Kombattanten ausschließlich, sondern gegen die Zivilbevölkerung mit ungeheuren Grausamkeiten, daß parallel dazu die öffentliche Meinung manipuliert worden ist, daß Journalisten unter Druck gesetzt worden sind und gehindert sind an der Berichterstattung.«

Man werde in und an die Wunde Tschetschenien rühren, versprach Johano Strasser und insbesondere bei der Eröffnungsrede von Günter Grass werde »das Thema Tschetschenien eine Rolle spielen«.

Das war der richtige Mann am richtigen Ort. Wenige Monate zuvor hatte der deutsche Dichter den Krieg der Deutschen gegen Jugoslawien bejaht und das »Herummogeln um die Notwendigkeit des Einsatzes von Bodentruppen« getadelt.

Daß der russische PEN-Club kein Geld von der Regierung bekomme, war für den deutschen Generalsekretär »in dieser Situation eher ein Vorteil«. Denn: »Die Ford Foundation hat mitfinanziert, so daß auch von der Finanzierungsseite her Unabhängigkeit garantiert ist.«

Die Ford Foundation, die einst auch mit CIA-Geldern den Kongreß für die Freiheit der Kultur finanzierte, ist eine US-Stiftung zur Verbreitung der Demokratie, eingerichtet von Henry Ford, dem Freund Hitlers und Begründer des modernen US-Antisemitismus.

In Moskau aber sprach Günter Grass: »Das immerhin leistet die Literatur: sie schaut nicht weg, sie vergißt nichts, sie bricht das Schweigen.«

Ja, es war beste deutsche Literatur, als PEN-Freund Scharping nicht schwieg, als er die Wahrheit über den Serben erzählte: daß er »Frauen ihre Kinder aus den Armen reißt und ihre Köpfe abschneidet, um mit ihnen Fußball zu spielen«, daß »ermordeten Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird und der Fötus erst gegrillt und dann in den Bauch zurückgelegt wird«.

Große Erzählkunst. Günter Grass findet ihren Urheber öffentlich gut: »Ich finde es jämmerlich, wie die Presse mit so einem hervorragenden Außenminister wie Fischer und so einem hervorragenden Verteidigungsminister wie Scharping umgeht.«

Ich achte Günter Grass, wir kennen uns, meist aus der Distanz seit 45 Jahren, ich halte ihn, nicht einfach nur, weil man das zu seinem 80. Geburtstag muß, für einen der großen deutschen Schriftsteller. Ich bewundere seinen Fontane-Roman »Ein weites Feld« – wie er die Enteignung der Ostdeutschen durch die Treuhand schildert und dafür durch eine wütende westdeutsche Kritik gemaßregelt wurde.

Aber eines kann ich nicht vergessen. Vor zwei Jahren wurde von unbekannter Seite Gerhard Schröder für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Günter Grass, der selbst als Literaturnobelpreisträger kein Vorschlagsrecht für den Friedensnobelpreis hat, unterstützte öffentlich diese absurde Nominierung: Friedensnobelpreis für den ersten deutschen Kriegskanzler seit Hitler, nur weil er einmal – nicht zuletzt aus wahltaktischen Gründen – einmal einen Krieg und schon das stimmt nicht einmal ganz, ausgelassen hat, der ohnedies nie zu gewinnen ist. Der Neue Deutsche Geist – und mit ihm Günter Grass – hat durch die fröhlichen Rotweinrunden im Kanzleramt viel verloren.

Und er gewinnt auch nichts, wenn er sich heute von einem ehemaligen IWF-Präsidenten, der ganze Staaten wie Argentinien in Not und Bankrott trieb, zum Geburtstag belobhudeln läßt. Und sich dessen freut. Weil er in den letzten Jahren »viel Häme und Niedertracht« erfahren habe, »tut es mir gut«, sagt er zu der Ehrung von Horst Köhler, »wenn meine sechs Jahrzehnte währende Arbeit anerkannt wird.« Patriot ist er geworden, der sich stolz dazu bekennt, nach einem Sieg von mutmaßlich deutschen Fußballern das Deutschlandlied gesungen zu haben.

Wer anders als der in Günter Grass transsubstanziierte Deutsche Geist denkt, wird abgestraft. Da wird ein Litereraturpreis vergeben, der Preisträger ist schon gebeten, sich den Tag für die Übergabe frei zu halten – und dann erfährt er aus der Zeitung, daß er doch kein Preisträger sein darf: Peter Handke, der deutsche Schriftsteller, der das allgemeine Kriegsgeschrei nicht mitgemacht hat. Den Heine-Preis sollte er nicht bekommen, weil er sich weigert, anzuerkennen, daß Milosevic Hitlers Widergänger sei.

»Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Genie-Bonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.« So sprach Günter Grass über Peter Handke zur Wochenzeitung Die Zeit. Und das war keine Selbstkritik.

Aber nun will ich Dank sagen, Dank Dir lieber Gerhard Zwerenz für die Laudatio, die ich nicht verdient habe, Dank der Tucholsky-Gesellschaft, für den Tucholsky-Preis, den ich dennoch erhielt. Und – diese Gelegenheit will ich nutzen: Dank an Monika, der Frau, die mich vor 44 Jahren geheiratet hat, die mich seither erträgt und unterstützt – und ohne die ich längst eingegangen wäre.

Und nicht zuletzt Dank Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie so lang mit soviel Geduld hingenommen haben.

Otto Köhler

Gehalten am 21. Oktober 2007 im Deutschen Theater in Berlin

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Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft widmet sich dem Andenken Tucholskys und der Verbreitung seines Werkes. Alle zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

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