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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Mein Weg zu Kurt Tucholsky

Dankesrede von Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein anlässlich der Verleihung des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik 2015 für sein Lebenswerk.

»Soll ich reden, darf ich schweigen?« Mit solchem Fragesatz hatte Thomas Mann am 14. Mai 1955 seine zweite kleine Rede im Saal des Weimarer Schlosses eingeleitet – er hatte die Festrede anlässlich des 150. Todestages von Friedrich Schiller gehalten – seine Dankesworte für ein Ehrendoktorat der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Nach Erika Mann der 14. oder 17.9.) Ich hatte die Ehre, dabei zu sein – als Assistent von Prof. Ernst Fischer, Wien, seines Zeichens nicht nur Professor, sondern auch ein begnadeter Essayist und sogar Lyriker von einigem Format.

Diese Szene ist mir unvergesslich geblieben, und nun gab sie mir sogar eine Hilfe. Ich hatte zwar einige Doktoratsverleihungen erlebt – mit Universitäten hatte ich mehr zu tun als mit Preisverleihungen – da bin ich ungeübt und musste erst einmal Umschau halten, wie das gemacht wird.

Und da war mir halt eine der ganz großen Szenen eingefallen – ich hatte Thomas Mann schon immer viel zu verdanken – freilich außer diesem Auftreten nichts Persönliches, umso mehr Literarisches, so zwischen Sinn und Handwerk.

Als Nebenbemerkung: Ich werde hier selbstredend auf außerhalb des Themas liegende Darstellungen weitfassender politisch-sozialer, gar historischer Kritikbilder und ebensolcher Visionen verzichten. Meine Bemerkungen dienen nur dem leichteren Einstieg ins Thema.

Immerhin waren beide antifaschistische Emigranten und entschiedene Gegner des Hitler-Faschismus und bekämpften ihn – mit literarischen Mitteln; jeder mit den ihm gemäßen – Mann aus der Ferne des andern Kontinents, der als Sieger dennoch nicht mehr heimkehrte, Tucholsky aus dem Ostseeraum, indes sich bald erschöpft habend, das Grab in Hindås vorgezogen hatte.

Dennoch bleibt die Frage: Was hatten sie miteinander zu tun? Literarisch wenig – wie sollten der Epiker großer Untergänge und Beschreiber geistköniglicher Gestalten, gar Erzähler riesiger mythischer Entwürfe des menschlichen Überlebens und der scharfsinnige Satiriker, der hochpolitisch-analytische Autor der kurzlebigen, konfliktbeladenen deutschen Republik, die so irreführender Weise den Namen Weimars trägt (nur weil die Verfassungsgeber den bandenartig an der Spree hausenden reaktionären Freikorps an die friedlichere Ilm ausweichen mussten), miteinander auskommen, genauer: nebeneinander bestehen?

Beide sind repräsentative Vertreter jener großen Epoche deutscher Literatur, die wir Historiografen heute »Literatur des antifaschistischen Exils und Widerstandes« nennen, einer der hochgradig wichtigen Kapitel der deutschen Literaturgeschichte.

Was aber hat Thomas Mann bei Kurt Tucholsky zu suchen? Sonst verbindet die beiden wenig – sie waren beide antifaschistische Emigranten und Hitlerfeinde – wie auch anders!

Sie bilden quasi Eckpfeiler jener Periode, sind Flügelkämpfer der literarischen Front, stark im Einsatz und nicht ohne Tragik.

Thomas Mann verschwindet nun von unserer Bühne – mit Dankesgrüßen für Hilfe beim Bilden jener Literaturfront, in welcher Tucho, wie wir ihn fortab nennen, eine wichtige Kraft dargestellt hatte. Thomas Mann verschwindet nun von meiner Bühne, nicht ohne Dankesgrüße, und ich suche und beschreibe meinen Weg zu Kurt Tucholsky.

Zu dem ich allerdings noch einen Umweg gebraucht habe.

Ein Lehrer, zugleich Stellvertreter des Kurators (Direktor am Theresianums Wien) hatte einmal einen Auftritt des Jura-Soyfer-Ensemblesi erlebt und mich als Sprecher dieses Ensembles wahrgenommen.

Daher ward ich nun schnell zum Sprecher des Gymnasiums gekürt. Wie im Ensemble war auch hier Karl Kraus Text-Geber.

Nun soll man nicht etwa annehmen, dass dort etwa Kraus Unterrichtsstoff im Fach deutschsprachige Literatur gewesen wäre. Da handelten müde alte Lehrer endlos ab, was sie konnten, und das waren vor allem Grillparzer und Zeitgenossen (dazu ein wenig Nestroy), und wenn es hoch kam, schafften sie es bis Anzengruber und Lauterbach. Hofmannsthal und Genossen waren böhmische Berge im Nebel.

Erst sehr viel später leuchteten sie über Frequenzen von Richard Strauss‘ großem Orchesterklang und strömendem Gesang erlesener, genauer: erhörter Sänger der ersten Klasse von der Bühne, vor allem in Salzburg und Wien, dann von Platte und CD.

An die neuere Literatur tappten wir Schüler uns selbst heran, und das waren zunächst Hofmannsthal und die Riesengestalt des Karl Kraus. Dies sei freilich nur eingeschränkt erklärt, denn viele Texte waren damals (als damals gelten die fünfziger Jahre bis in die sechziger, also die frühe Studienzeit) noch nicht bzw. noch nicht wieder veröffentlicht, und das betrifft vor allem Texte jüdischer und linker Autoren – die Nazis hatten ihre Bücherpolitik auch an die Donau gebracht. Doch, um einem alten Marx-Diktum zu folgen, auch die Büchervernichtung ward gemildert durch Schlamperei – so manches Gute fand sich wieder.

Wir Schüler gründeten – mit Unterstutzung des damals neuen Vizekurators – eine Arbeitsgruppe »Moderne Literatur«, und lernten für uns und lehrten einander. Nicht alle Schüler kamen. Aber doch, aus den drei obersten Jahrgängen (Obersekunda, Unter- und Oberprima), aus den jeweils drei parallelen Klassen waren zunächst etwa vierzig Schüler gekommen, die sich allmählich auf ca. 30 reduziert haben, und in dieser Zahl weitgehend konstant geblieben waren.

Hier befassten wir uns von Beckett und Brecht über die Manns bis zu Toller und den Zweigs, von Borchert bis Zuckmayer, mit Kraus im Besonderen und mit Soyfer, und wir lernten Gorki und Majakowski und Giraudoux und Sartre u.a.

Eigentümlicher Weise kam aber Tucholsky damals noch nicht vor. Die Anregung kam von woanders, doch als ich ihn schon etwas kannte, habe ich ihn hereingebracht, und einige seiner Texte wie etwa Der Graben u.a. im Ensemble rezitiert.

Wie sich vielleicht mancher erinnert oder einfach weiß, war Wien zwischen 1945 und 1955 (also bis zum Staats-, schließlich auch Friedensvertrag) eine Viersektorenstadt der Sieger- und Besatzungsmächte, nur eben nicht so lange. Meine Eltern und ich lebten vorrangig im sowjetischen Teil, im Besonderen als Medizinerpaar im Stadtteil Wieden (IV. Bezirk, von wo aus es in den X. (Favoriten), zur Klinik nicht allzu weit war). Und in diesem sowjetischen Sektor hatte die Besatzungsmacht ein Kulturhaus, was zu großen Teilen nicht nur der sowjetischen Seite, sondern auch der Wiener Bevölkerung zugänglich war – eine öffentliche Kulturstätte.

Es gab dort eine Bühne mit Saal, ein kleines Kammerspiel, Gesellschaftsräume unterschiedlicher Größe, nicht zuletzt eine Bibliothek beachtlicher Größe, mit einem beträchtlichen Anteil russischsprachiger Texte wie die gleiche russische Literatur in deutscher Sprache; Literatur der Alliierten, also in Englisch und französischer Sprache und eben auch eine beträchtliche Anzahl deutscher Bücher aus älteren deutschen Übersetzungen wie auch neueren, meist DDR-Ursprungs; doch auch österreichischer Herkunft – damals hatte ich Majakowski-Übersetzer Hugo Huppert kennengelernt, später Autor von mir im Berliner Henschelverlag.

Und hier verwaltete, leitete, regierte, ja fast könnte man sagen: herrschte Emmi Wolff. Seinerzeit eine berühmte Person vom Weltkrieg her; eine Heldin der Sowjetunion – das war der höchste Kriegsorden der UdSSR. Sie war Fallschirmspringerin der Roten Armee, war hinter den deutschen, also feindlichen Linien abgesprungen und hatte Brückenköpfe bzw. Igelstellungen gebildet, die der Roten Armee schnelle Angriffe und spätere Siege ermöglicht hatten.

Nun leitete diese, zu meiner Zeit etwa knapp fünfzigjährige Frau diese Kultur- und Informationsstätte als Ganzes, die Bibliothek im Besonderen – sie las und sprach in mehreren Sprachen, auch und besonders gut Deutsch, sie hatte deutsche Vorfahren. Ich versuchte dort, halbwegs Russisch zu lernen, was mich in die Lage versetzt hat, auch Majakowski und andere Dichter original zu rezitieren.

Eines Tages fragte sie mich, ob ich einen Dichter und Schriftsteller (Sie sagte »писатель« [Schriftsteller] namens Tucholsky kenne. Der nun schon fast 24jährige Student der Literatur, inzwischen im 8. Semester, musste – durchaus beschämend – verneinen. Er hatte sich – im vermeintlichen Besitz von Kraus und als Beinahe-Leiter genannter Arbeitsgruppe »Moderne Literatur« – eigentlich sicher gefühlt in dem Bereich. Kraus ging ihm von den Lippen und Soyfer, fast der österreichische Büchner, war obendrein hinzugekommen:

Nun, da lies mal: Glänzender Schreiber, fast ein wenig zu nahe am Journalismus, doch ein Gesellschaftskennner, Kriegsgegner und Internationalist. Sagte ähnliches über Hitler wie Kraus, doch war ihm über den durchaus noch etwas mehr eingefallen. Von ihm habe ich folgenden Satz gelesen: »Die Linke spricht das Richtige – über Sachen. Die Rechte spricht das Falsche, aber an Menschen.«

Mensch, war der klug, könnte sich unsre Führung einiges abschneiden, von dem, was wir falsch machen. Dieser Mann war schon lange, bevor dem H. die Macht zugeschoben worden war, in Paris, zunächst als Pressekorrespondent, bald schon eher als Exilant im schwedischen Exil, wo er seinem Leben im Dezember 1935 ein Ende bereitet hatte, ein halbes Jahr vor Kraus, bevor der erschöpfte Schriftsteller-Gigant gestorben war (12. VI. 1936). Kannst daran üben, genau was für dich!

Womit sie keineswegs ein solches Ende gemeint hatte, sondern Lebens-und Überlebens-Hilfe, politische Praxis und Weisheit. Sie hat mir bei diesem – Anlass ein Bündel mit abgeschriebenen Texten gegeben, meist Gedichten, etwas Prosa war auch dabei, sowie den bekannten Band Mit 5 PS, ziemlich zerlesen:

Der schrieb übrigens unter fünf Namen, vier davon so sonderbare Pseudonyme mit Raubtiernamen wie Panter und Tiger, auch gab er sich den Namen des sich unwissend stellenden Schalks Kaspar Hauser. Er muss es wohl nötig gehabt haben, sich zu tarnen. Die Deutschen von damals waren schon schlimm und ziemlich blöd, sich diesem Österreicher zu unterwerfen und dann die halbe Welt, schließlich uns in den Krieg zu ziehen – na ja, von uns [UdSSR] haben sie schließlich die stärkste Prügel bekommen.

So Emmi Wolff, die Heldin!

Ich las die Texte, lernte zahlreiche auswendig, bereicherte mein Repertoire neben Soyfer, Brecht, Majakowski um die Tucholskys.

1956 hatte ich Wien und Graz verlassen, ein Semester verloren in Frankfurt/M gehungert, so zwischen geistigem Feuer Adornos und seiner Anti-Solidarität und war 1957/58 in Leipzig angekommen, in den philosophisch-literarischen Glanzzeiten von Bloch, Mayer und Markov, begleitet von Ausflügen nach Jena, um sprach-sprechwissenschaftliche Grundlagen zu festigen (bis 1958).

Eine attraktive Professorin mit weittragender Stimme und einigem Sensus studierte mit einigen wenigen, halbwegs künstlerisch veranlagten Studenten Gedichte und Prosa ein und verlangte von jedem von uns Programme. Die Weimarer Klassiker allen voran!

Schiller konnte ich einigermaßen, war mir indes zu pathetisch; Goethe nur der jüngere – »Urworte. Orphisch« und andere schwere Brocken blieben mir damals unzugänglich, weil unverständlich. Ich hatte der Dame Heine angeboten, darauf war sie eingegangen, das Programm bestand vor ihren Augen und ist Grundlage vieler späterer Leseabende geblieben. Sie wollte mehr.

Ich bot an: Kästner, Morgenstern, Ringelnatz, na ja »wenn Ihnen dieser immerhin köstliche Blödsinn reicht?» So ganz passten diese ihr nicht. Sie wollte Schwerer-Gewichtiges. Da hatte ich ihr nun Tucholsky angeboten, der so scheinbar Leichtes mit Gewichtigem verbinden gekonnt hatte. Sie kannte indes diesen Autor noch nicht. Ich besorgte die ersten DDR-Ausgaben, wesentlich die von Walther Victor, die zwar wichtig waren, aber eben noch sehr viel vermissen ließen, auch das hier bereits genannte, von ihm selbst bearbeitete Lesebuch. Die Ausgaben vor 1933 waren schwer zu haben dort, ich konnte ihr nur Mit 5 PS geben.

So ganz begeistert war die affektive Dame nicht, ließ mich das Programm indes machen. Es hatte vollen Erfolg in der Studentenschaft, sogar Interessenten zum Mitmachen. Und so ward es zur – immer wieder veränderten – Grundlage der meisten Programme, mit denen ich viele Jahre durch die Lande gezogen bin: entweder war ich allein unterwegs, da nahm ich mehr Skript zur Hand und hielt Kolleg; oder ich hatte ein vierköpfiges Ensemble, und wir machten Kunst: ein zweiter Sprecher, meist ein Schauspieler, ein Sänger (oder Sängerin) und ein Pianist.

Wir trugen meist die Eisler-Lieder vor, manchmal, wenn mir der Sänger ausgefallen war, nahm ich die Platten von Gisela May, die diese Lieder so hervorragend vortragen konnte.

Am häufigsten trug ich auf diese Art Tucho in meiner Weimarer Zeit vor, so bis 1966. Ich war damals an den Weimarer Klassik-Instituten beschäftigt und hab auch über Goethe gelernt, spätere Editionen und Texte von mir geben Zeugnis. Am meisten interessierte mich freilich die Heinrich-Heine-Säkular-Ausgabe. Mit österreichischem Pass versehen, konnte ich in Länder (selbst Israel) reisen, um Handschriften zu beschaffen, die meist in jüdischer Hand waren. Der alte Salman Schocken war lange nicht bereit, seine Handschriften an Deutschland herauszugeben – die Todesmaschinerie des NS-Staates hatte große Teile seiner Familie vernichtet. Erst als der Alte gestorben war, der Sohn Gerschom das große Erbe übernommen hatte und man in Israel erfahren hatte, dass auch Juden in Weimar arbeiten konnten, ich ihm gegenüber gesessen hatte bei erst gemeinsamem Tee, später bei tiefer wirkenden Getränken und erstklassigen Speisen, gab es auch Handschriften, und die HSA konnte erarbeitet werden.

In Weimar hatte man mir das übrigens nicht gedankt, doch habe ich zahlreiche Heine-Editionen gemacht, zwei Biografien geschrieben und eine Spezial-Edition Heinrich Heine und Kurt Tucholsky in Paris (Berlin 2010), die hier im Konferenzsaal vorliegt und auf die ich noch kurz zu sprechen komme.

Die Tucho-Programme hab ich bis in die70er Jahre vorgetragen, bis die Ärzte mir Schluss geboten, ein zweiter Infarkt durfte nicht sein. Auch war die Stimme nicht mehr so gut. Und andere Arbeiten erhielten Vorzug. Aber wie das zuletzt genannte Buch gezeigt hat, bin ich Tucho nie untreu geworden.

Abgesehen von seiner literarischen Kunst, seiner Schreibweise, seiner antikapitalistisch-antifaschistischen Haltung, seiner Exilerfahrung (meine Eltern hatten einige Texte mit), die in manchem unserer geglichen haben, – seinem säkularem Judentum (»Ich weiß, dass man aus dem Judentum nicht austreten kann«) verbindet mich mit ihm seine schöne Haltung zu Heine.

Ist dieser Satz nicht herrlich?

Besser wäre, die Reisebriefe Heines wären bekannter als sie sind – auch die aus den Pyrenäen – und alle seine Berichte aus Paris, in denen er sich als Jahrhundertkerl seltnen Formats, als einen Propheten und einen Allesüberschauer zeigt.ii

Wie ähnlich auch ihre jeweilige Haltung zu Paris:

Fragt sie jemand, wie ich ich mich hier befinde, so sagen Sie. Wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten; daß, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris! (1832)

Ähnlich reagierte der andere, also Tucho, im Gedicht Park Monceau:

Hier ist es hübsch. Hier kann ich träumen.

Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist. […]

Ich sitze still und lasse mich bescheinen.

Und ruh von meinem Vaterlande ausiii. (1924)

Man kann davon ausgehen, dass sie beide Brüder im Geiste sind – trotz des Jahrhunderts dazwischen. (Zum Thema verweise ich auf das angeführte Buch von 2010). Tucho hatte auch etwas an sich, was mich beunruhigt hatte: Eine überaus schlechte Meinung von Juden.

Im Moment des Ausdrückens dieses Epithetons muss ich mich auch revidieren. Gemeint ist der kleinbürgerliche, allzu assimilierte Erwerbs-Jude, der sich im deutschen Bereich aufgehoben geglaubt hatte, sich als widerstandsunfähig erwiesen hat, die minderzahligen Zionisten ausgenommen. (Zumal einst das Zinsnehmen Christen verboten war, schließlich wichtigste Erwerbsquelle vieler Juden geworden, inzwischen kein jüdisches Monopol mehr war.)

So war es schlussendlich dazu gekommen, dass ein großer Teil unseres Volkes, in besonderem Maße dieser beschriebene Typus ins Schlachthaus, sprich: Gaskammer transportiert worden ist – nur wenige haben gekämpft, zu wenige, um zu siegen. Dennoch bleibt der Warschauer Ghetto-Aufstand von 1943 als Heldenlied in unserem Gedächtnis.

Dazu noch folgende Schlussanmerkung: Das von Tucho dazu Gesagte hatte für Aufregungen unter uns Juden gesorgt – es war nicht alles richtig. Der beste Richter und Ausgleicher in diesem Fall war Arnold Zweig. Mit einigen Sätzen aus dem bekannten Brief von Anfang 1936, die Antwort auf Tuchos Abschiedsbrief vom 15. Dez. 1935, die Tucho nicht mehr erreichen konnte, will ich schließen – er ist der schönste, tiefste, der sich denken lässt; auch wenn sich das Wort »schön« angesichts des Todes, solchen Todes, eigentlich verbietet.

Ich las ihn in vielen Lesungen:

Lieber Tucholsky, schlafen Sie wohl. Wie weh tut es mir, nicht sagen zu können: auf Wiedersehen. Wieviel stille Tränen schon geschlossen, weil man Sie auf die Vermißtenliste setzen muß, die Liste derer, die wir immer vermissen werden. Sie ist schon hübsch lang, diese Liste. Nach meinen Augen fragen Sie. Wie sie auch immer seien. Sie werden sie nie mehr sehen. Aber Ihren Nachruhm und Ihr Gedächtnis und den Dank an Sie, den wohl. Wer uns so lachen und zürnen machte, und just über das Lächerliche und Empörende, wer so herrlich zu spaßen und weise zu sehen vermochte wie Sie, und alles so auf deutsch, der mag gern ausruhn wie H. Heine. Er ist ein Lebender wie er. Und somit verläßt Sie fürs erste und weitere Ihr Kamerad

i Ensemble der FÖJ mit dem Namen des jungen österreichischen linken Poeten, in Buchenwald umgekommen

ii Aus: Ein Pyrenäenbuch. Tucholsky GA Bd. 9 [T 1], S. 7-171, hier: S. 117, Z. 4033-4037

iii Theobald Tiger: Parc Monceau, Die Weltbühne 15.5.1924, Tucholsky GA, Bd. 6, [T 60], S. 141f.

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Dankesrede von Deniz Yücel

Meine Damen und Herren,
liebe Mitglieder der Kurt Tucholsky-Gesellschaft,
verehrte Jury,
wie Sie sich denken können, ist die Verleihung des Kurt-Tu­cholsky-Preises nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich. Ein großer Schritt raus der Schmuddelecke des Internets und rein in die Hall of Fame der deutschen Publizistik, wo mein Name nun dank Ihnen neben so verdienten Kollegen wie He­ribert Prantl, Wolfgang Büscher oder Erich Kuby stehen darf.
Ich habe mich informiert – ich kriege ja nicht alle Tage einen Preis verliehen, um genau zu sein: Der Kurt-Tucholsky-Preis ist der erste Preis, dessen man mich für würdig befunden hat. Ich habe mich also informiert – viele Journalistenkollegen würden sagen: ich habe recherchiert; ich halte es lieber mit der wahrheitsgemäßen Formulie­rung: ich habe im Internet nachgeschaut – dieser großartigen Erfin­dung, die Ratschläge für jede erdenkliche Lebenslage bietet: Was sage ich, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht? Was sage ich, wenn meine Frau davongelaufen ist? Oder eben: Was sage ich, wenn ich einen Preis bekomme?
Das Internet also rät: Dankbarkeit und Demut zeigen, gerne auch Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass es mich erwischt hat und nicht jemand anderen, der dieser Auszeichnung würdiger ge­wesen wäre. Nun, undankbar will ich nicht sein. Aber für Bescheiden­heit sehe ich auch keinen Grund. Im Gegenteil, ich finde, die Jury hat eine gute Wahl getroffen.

***

Die Jury hat deshalb eine gute Wahl getroffen, weil die Diskus­sion in der Leserschaft über meine WM-Kolumne »Vuvuzela« – und ebenso über die Folgereihe »Trikottausch«, die ich zur der Frauen-WM im Jahr 2011 geschrieben habe –, unmittelbar an Tucholsky an­knüpfte. »Satire darf alles«, meinten die einen; »Satire darf alles, aber…« meinten die anderen.
Wir können also festhalten: Tucholskys berühmtes Diktum ist – zumindest vordergründig – weithin akzeptiert. Natürlich gibt es Aus­nahmen, viele Muslime in aller Welt zum Beispiel, die sich in den vergangenen Jahren nur allzu oft als dauerbeleidigte Leberwürste prä­sentiert haben, damit aber nur demonstrierten, wie wenig sie auf Höhe der Zeit sind. Oder Renate Künast, die trotz des Höhenflugs ihrer Partei die Wahl in Berlin verloren hat, weil sie, im Gegensatz zu Klaus Wowereit, im Ruf stand, eine allzu humorfreie Gesellin zu sein. Wer aber heute als humorfrei gilt, rangiert damit in der öffentlichen Meinung vor Kinderschändern und AKW-Betreibern, aber noch nach den Rauchern und Pestizidessern.
Ob die katholische Kirche mit ihren Klagen gegen die Zeitschrift Titanic oder Kai Diekmann und Jürgen Klinsmann mit ihren Klagean­strengungen gegen meine Zeitung, die taz –die zumindest für dieses Land gültige Erfahrung der vergangenen Jahre lautet: Wer klagt, ver­liert. Oft vor Gericht, immer in der Gunst der Öffentlichkeit. Mehr noch: Wer gegen einen Spott vor Gericht zieht, setzt sich erst recht dem Spott aus.
Ironie, einst ein Mittel der Subversion und der Kritik an herr­schenden Verhältnissen, ist also zum Mittel dieser Verhältnisse ge­worden. Ob in der Politik oder in der Werbung, ohne Witz geht nichts mehr. Damit aber erfüllt die Ironisierung der Gesellschaft eine stabili­sierende Funktion. Wenn alles bis zur Ironie selbst ironisch gemeint ist, ist niemand mehr für irgendetwas verantwortlich. »Repressive Toleranz« hätte Herbert Marcuse gesagt.
Das heißt nicht, dass Satire heute nicht mehr subversiv wirken könne. Auch diese Gesellschaft besteht auf ihre Konventionen und Wahrheiten, die bei Lichte betrachtet ähnlich abstrus sind wie jene Wahrheiten, die vor 20, 30 Jahren beispielsweise von dort aus ver­kündet wurden, wo das erste Haus der Demokratie stand, nämlich im Büro der SED-Kreisleitung in der Friedrichstraße. Zwar verträgt diese Gesellschaft im Gegensatz zum SED-Staat Kritik. Aber ganz so auf­geklärt und ressentimentfrei, wie sie sich selbst wähnt, ist sie nicht. Man muss vielleicht nur genauer hingucken, um die ehernen Wahr­heiten zu erkennen und zu kritisieren. Und man muss vielleicht ebenso rasant wie geschmeidig mal zum Florett greifen und mal zur Streitaxt.
Ein Ausdruck der allgemeinen Ironisierung ist, dass die meisten Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Nachrichtensendungen im Fernsehen, oft genug an prominenter Stelle, mit Rubriken zur »Auflo­ckerung« daherkommen. Routiniert vorgetragene, aber harmlose Nachrichten aus dem Ressort Vermischtes oder kunstvoll formuliertes Feuilleton über der Welten Lauf, die den Leser (oder den Zuschauer) mit den Verhältnissen aussöhnen sollen, indem sie ihnen das Gefühl vermitteln, dass alles nicht so schlimm ist. Das Problem: Es ist aber schlimm.
Satire ist etwas anderes. Sie dient nicht der Unterhaltung, sondern der Kritik. Ihr Ziel ist nicht das Amüsement, sondern die Aufklärung. Einzig zu diesem Behufe bedient sie sich des Humors, weil der här­teste Schlag oft jener ist, der die Verhältnisse der Lächerlichkeit preisgibt. Lacht kaputt, was euch kaputt macht.
Dafür muss die Satire über die Grenze des Erträglichen hinausge­hen. Die bornierteste Affirmation, die gröbste Vergewaltigung der Sprache, das Bedienen niedrigster Dienste, die krasseste Übertrei­bung, der Bruch mit allen Konventionen, auch den selbst gesetzten, derb, böse, unkorrekt – es darf, es muss sogar wehtun. Und der sub­versiven Wirkung der Satire kann es nur nutzen, wenn sie nicht in die »Witzecke« verbannt ist; wenn also eine Restunsicherheit darüber bleibt, wie das alles nun gemeint ist.
Der Satiriker ist ein Kritiker, und als solcher muss er nicht, wie zuweilen gefordert wird, konstruktiv sein. Im Gegenteil, seine Auf­gabe ist die Subversion. Dafür darf er hämisch sein und er darf urtei­len, ohne Alternativen zu präsentieren. Nur eines muss der Satiriker bei alledem bleiben: glaubwürdig. Wenn, wie Tucholsky schreibt, der Satiriker ein gekränkter Idealist ist, der die Welt gut haben will und gegen das Schlechte anrennt, muss er seine Mitschuld daran eingeste­hen, dass die Dinge so schlecht sind wie sie sind.
Dieses Eingeständnis erfolgt natürlich nicht im Stil einer öffentli­chen Bußübung, sondern mit den Mitteln der Satire selbst. Der Satiri­ker nimmt also seine Branche, seinen Berufsstand, sein eigenes Blatt, sein eigenes politisches Milieu und natürlich sich selbst nicht von der Kritik aus. Schließlich neigen diejenigen, die davon überzeugt sind, für das Gute und Wahre (viel seltener auch für das Schöne) zu kämp­fen, in viel zu vielen Fällen zu Selbstgerechtigkeit und Denkfaulheit. Die Rede ist natürlich von jenem politischen Lager, dem ich mich fast seit meiner Kindheit zugehörig fühle: der Linken. »Wer links ist, hat mit den Linken ein Problem«, hat Stefan Ripplinger einmal nicht bloß im Hinblick auf die gleichnamige Partei geschrieben. Die Satire ist links, aber sie macht sich nicht gemein. Der Satiriker ist ein Moralist im Gewand eines Nihilisten. Er ist glaubwürdig, weil er sich selbst widerspricht. Er weiß es nicht besser, aber er weiß, was falsch ist.
Dafür steht der Satire heute ein neues Medium zur Verfügung: das Internet. Ich weiß nicht, was Tucholsky zum Internet gesagt hätte, aber ich glaube zu wissen, was Flaubert gesagt hätte. Auf die Frage, was er von der Eisenbahn halte, soll Flaubert nämlich geantwortet ha­ben: »Ich bin gegen die Einführung der Eisenbahn, weil sie nur noch Menschen erlaubt, zusammenkommen, um zusammen zu dumm zu sein.«
Nun könnte man diesen kulturkonservativen Skeptizismus mit dem Hinweis ergänzen, dass die Menschen durch Eisenbahn und In­ternet ja ebenso gut zusammenkommen können, um zusammen klug zu sein. So oder so aber ist das Internet ein Medium, in dem der Sati­riker Menschen findet, die ihm freiwillig und entgeltlich einen Teil seiner Arbeit abnehmen. Und mit etwas Glück und Können kann der Satiriker seinen Gegenstand dank des Internets nicht nur einen abs­trakten Kritik unterziehen, sondern auch, gewissermaßen am lebenden Objekt, den Beweis führen, dass es um die Dinge wirklich so bestellt ist, wie er es annimmt: nicht gut.
Hieran knüpft sich eine andere Frage an: Ist es eigentlich erfreu­lich oder erschreckend, wenn sich die Realität für so schlecht erweist, wie man als Kritiker angenommen hat? Darauf weiß ich keine Ant­wort.

***

Ich hatte eingangs gesagt, dass ich nicht undankbar sein möchte. Nun, da ich zum Ende komme, ist es höchste Zeit, diese Ankündigung wahrzumachen und einigen Menschen meinen ausdrücklichen Dank auszusprechen. Danken möchte ich zunächst meinen Eltern Ziya und Esma Yücel, die vieles gemacht haben; unter anderem mich zur Poli­tik, zur Literatur und zum Humor zu erziehen. Sobald ich hier von der Bühne trete, muss ich meinen Vater anrufen. Noch gestern sagte er zu mir: »Du hast mit deinen Kolumnen alle veräppelt; nicht, dass diese Leute dich jetzt veräppeln und nur so tun, als ob sie dir den Preis ge­ben wollten.« Ich bin mir nicht sicher, ob er das ernst gemeint hat. Aber: Papa, jetzt stehe ich schon auf der Bühne, dahinter kommen sie nicht mehr zurück. Hier ist der Scheck!
Ich danke ferner den Kolleginnen und Kollegen von der taz; je­nen, die mich in meinem Tun ermutigt haben und sich bereitwillig als »taz-Experten« zitieren ließen, und jenen, die mir zu verstehen gaben, dass sie mein Tun für weniger gut hielten.
Namentlich erwähnen möchte den geschätzten Dirk Knipphals, den Literaturredakteur der taz, der so freundlich war, mich für den Kurt-Tucholsky-Preis vorzuschlagen. Bereits der Vorschlag war eine Auszeichnung; wenn Sie das Feuilleton des taz kennen, werden Sie vielleicht wissen, dass der Publikumserfolg eines Films, einer Platte oder eines Romans noch lange kein Grund ist, in diesen heiligen Spalten besprochen zu werden.
Namentlich erwähnen möchte ich ferner meinem Kollegen Jan Feddersen, der viele freundlichen Worte für mich gefunden hat und dessen vornehmlichste Aufgabe als verantwortlicher Redakteur des WM-Teams darin bestand, alle externe und interne Kritik an meiner Kolumne ebenso freundlich wie bestimmt abzuwimmeln.
Erwähnen möchte ich ferner meinem Kollegen Matthias Urbach, den Verantwortlichen von taz.de, dazu bereit war, alle unumstößlichen Prinzipien von taz.de zugunsten dieses sozialen Experiments umzu­stoßen.
Erwähnen möchte ich den Kollegen Carl Ziegner, der die Texte auf taz.de produziert hat, oft genug nach Abpfiff der Spiele, also zur nachtschlafenden Zeit. Carl war stets mein erster Leser, und wenn er mir am Telefon lachte oder per Mail seine Lieblingsstelle vortrug, wusste ich: So schlecht kann’s nicht sein.
Erwähnen möchte ich schließlich Frauke Böger, die nicht nur meine liebste Kollegin ist, sondern auch sonst meine Herzallerliebste und die dieselbe Aufgabe bei meiner Kolumne »Trikottausch« über­nommen hat. Sie ist auch diejenige, die eine ganze Reihe von Fragen, die taz-Lesern immer wieder gestellt haben, mit ein und demselben Satz beantworten kann: Liest die Texte von Yücel eigentlich niemand gegen? Doch, ich! Kann überhaupt jemand in der taz-Redaktion den Yücel leiden? Doch, ich! Den Yücel will bestimmt keine haben! Doch, ich! Dafür liebste Frauke, Danke!
Danken möchte natürlich meinen Leserinnen und Lesern, die – aus freien Stücken zum Gesamtwerk Vuvuzela beigetragen haben. »Die Satire ist immer erst nach dem letzten Kommentar zu Ende«, hat ein kluger Leser mal eine Vuvuzela-Folge kommentiert. Besser kann ich es nicht sagen.
Ganz besonders danke ich natürlich der Kurt Tucholsky-Gesell­schaft und der Jury, dass sie mich des Kurt Tucholsky-Preises für würdig befunden hat. Als der eben erwähnte Kollege Dirk Knipphals mich fragte, was ich davon halten würde, wenn er mich für den Kurt-Tucholsky vorschlüge, war meine Antwort ungefähr: »Man muss vielleicht einen an der Waffel haben, um solches Zeug zu schreiben. Erst recht muss man einen an der Waffel haben, um dieses Zeug derart prominent und ohne den Hinweis ›Vorsicht: Satire‹ zu veröffentli­chen. Ganz gehörig einen an der Waffel muss man aber haben, um für dieses Zeug einen Preis zu spendieren.« Dafür, dass Sie einen an der Waffel haben, möchte Ihnen meinen Dank und meinen Respekt be­kunden.
Und last but not least danke ich Ihnen allen, dass Sie an diesem sonnigen Sonntagvormittag die Zeit gefunden haben, um mit mir zu feiern. Dafür meinen aufrichtigen, herzlichen Dank! Sağolun, varolun!

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Dankesrede zur Verleihung des Tucholsky-Preises

»Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich«. Das ist das Motto dieser Tagung. Das sagt Kurt Tucholsky. Und das ist uns Deutschen zehn Jahre nach seinem Tod ganz selbstverständlich geworden.
Aber ich doch nicht. Ich konnte 1945 als zehnjähriger Dorfbewohner – in einem kleinem Nest bei Bad Kissingen, wo Bismarck immer kurte und wo er sein Kissinger Diktat zur Lösung der Balkankrise entwarf – ich konnte nicht verstehen, daß unser Krieg verloren sein soll. Ich glaubte, noch gut zwei Jahre, daß der Führer lebt und daß unsere Wehrmacht mit ihren Wunderwaffen aus dem Untergrund aufstehen und den Feind schlagen wird. Und hätte ich nicht die Gnade der allzu späten Geburt gehabt, in der Waffen-SS wäre ich auch noch gelandet.
Der Abscheu der Deutschen vor dem Krieg hielt bis nahezu zum Ende des Jahrhunderts an. Bis zum Beginn der rot-grünen Reformkoalition. Da, um 1998/99 stellte sich für uns Deutsche heraus, daß Krieg durchaus nicht unsittlich sein muß. Tucholsky ist seither widerlegt.
Es war Gerhard Schröder, der als erster deutscher Kanzler seit Adolf Hitler wieder Krieg führte. Der Kriegsgrund war zutiefst sittlich. Es war ein Ritus der Adoleszenz, der Reife, der Deutschland aus seiner 1945 selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite, der Deutschland endlich wieder erwachen ließ, erwachsen machte. Es war der Gründungsmythos der Berliner Republik.
Schröders Außenminister Joseph Fischer hat dies auf den Punkt gebracht. Weil der serbische Hitler Adolf Milosevic den Balkan in ein – da kennen wir uns aus – neues Auschwitz verwandelt hatte, verwandelte sich die bis dahin gültige Doppelparole »Nie wieder Auschwitz«, »Nie wieder Krieg« in eine saubere Alternative.
Mit dem Schlachtruf »Nie wieder Auschwitz« stürzten wir uns in den Krieg.
Zuvor war Verteidigungsminister Rudolf Scharping – Sie erinnern sich: der heutige Präsident der manchmal ehrlichen Radfahrer – an der Spitze einer uniformierten Bundeswehrkompanie in die Gedenkstätte Auschwitz einmarschiert, um sich mit Hilfe eines dort niedergelegten Kranzes die Weihe für diesen Krieg zu verschaffen.
Es ging auch gar nicht anders: Nach der vollzogenen Wende war Krieg notwendig. In seinen soeben erschienenen Memoiren unterrichtet Joseph Fischer das deutsche Volk, wie man sich so einen Krieg holt. Noch nicht im Amt, bat er seinen FDP-Vorgänger Klaus Kinkel, ich zitiere, »um den aktuellen Sachstand in der Frage Kosovo und NATO über die Mobilisierungsentscheidung der militärischen Kräfte (Act.Ord). Danach würde der konkrete Einsatzbefehl allein beim NATO-Oberbefehlshaber liegen, und würde dieser den Befehl – nach einem Anruf aus Washington erteilen, dann hieße dies Krieg.« (S.106)
Eine Seite weiter in seinen Memoiren hat Fischer sich – auch für uns – entschieden: »Innerhalb weniger Minuten hatte ich, ohne Abstimmungsmöglichkeit mit Partei und Fraktion, eine der weitreichendsten Entscheidungen in meinem Leben zu treffen gehabt, nämlich die über Krieg und Frieden…« (S.107)
Joseph Fischer wählte den Krieg. An der Seite der USA. Aber er wählte frei und gern. Denn es war im Grund ein alter deutscher Krieg. Der Krieg zur Vernichtung Jugoslawiens, den Deutschland 1941 führte, der damals – ohne Kriegserklärung – mit der Bombardierung Belgrads begann, und 1999 ebenso. Und der auch schon 1914 als Krieg gegen Serbien, begangen wurde, gegen Serbien, das sich Österreichs Sühneforderungen für den Mord von Sarajewo unterworfen hatte. Doch weil Deutschland sich an Österreichs Seite stellte, sollte »Serbien sterbien« wie der Kriegsruf damals hieß.
Dann wurde 1999 aus Jugoslawien das neue Auschwitz, gegen dessen Urheber wir, das erwachsene Deutschland, Krieg führen mußten.
Es lief alles wie im Ersten Weltkrieg. »Nichts, nicht einmal die Feldpost, hat in diesem Krieg so kläglich versagt wie der deutsche Geist«, schrieb im November 1914 der deutsche Schriftsteller Gustav Landauer, den fünf Jahre später deutsche Freikorps auf viehische Weise lynchten.
Ich, der ich als dummer kleiner Junge in Euerdorf, ja so hieß das Nest, schon einmal auf so was reingefallen war, schämte mich, daß unser neuer deutscher Gegenwartsgeist am Ende des Jahrhunderts schon wieder Feldpost spielte – eine liebreizende Kollegin trampte mit ihrem Hund im Bundeswehrpanzer durch das zerschlagene Jugoslawien.
Vorletzte Woche hat auf der Frankfurter Buchmesse die katalanische Schriftstellerin Nuria Ama gesagt: »Wir wissen, dass es Sache der Politiker ist, mit Lügen zu manipulieren, und die der Schriftsteller wie Kafka, Wahrheiten aufzudecken.«
Nun haben wir zwar keinen richtigen Kafka im deutschen PEN, und er selber ist auch nie irgendwo PEN-Mitglied gewesen, aber Schriftsteller zum Aufdecken hätten wir in unserem Verein doch die Menge, dachte ich, nach Josef Fischers Krieg. Und so – ich will jetzt mal ins Plaudern geraten – stellte ich zusammen mit Christoph Hein, dem gerade ausgeschiedenen Präsidenten des Deutschen PEN auf unserer Mitgliederversammlung im Jahr 2000 einen Antrag.
Er ist mit der überwältigenden Mehrheit des im PEN versammelten Geistigen Deutschland abgelehnt worden.
Und so können sie ganz gewiß sein, meine Damen und Herren: der Deutsche Geist, die Deutschen Intellektuellen, die Deutschen Schriftsteller haben nichts, aber auch gar nichts mit den folgenden Sätzen aus dem Jahr 2000 zu tun, die ich Ihnen genau deshalb nicht ersparen will:

Ein Jahr nach dem dritten deutschen Krieg im 20. Jahrhundert bedauert die Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland, daß Schriftsteller dazu bereit waren, sich hinter die Friedenspolitik der deutschen Bundesregierung zu stellen, die eine Politik des Krieges war.
Heute, nach den Untersuchungen des ehemaligen Brigadegenerals und Leiters des Zentrums für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr, Heinz Loquai, scheint dies festzustehen: Das »Massaker von Racak«, mit dem wir kriegsbereit gemacht werden sollten, war mit hoher Sicherheit eine (leider normale) Schießerei zwischen Bürgerkriegsgegnern. Und der »Hufeisenplan« zur Vertreibung aller Kosovoalbaner, mit dem Verteidigungsminister Scharping die Bombardierung Jugoslawiens rechtfertigte, war eine Erfindung des Bundesverteidigungsministeriums, um die erst nach der NATO-Bombardierung einsetzenden großen Flüchtlingsströme zu begründen.
Wir wissen heute, daß es 1999 entgegen der Behauptung von Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping in der Kosovohauptstadt Pristina kein serbisches KZ gab. Wohl aber gab es 1944 an diesem Ort ein deutsches KZ, in dem mit Hilfe von kosovoalbanischen SS-Leuten Juden, Serben und Roma ermordet wurden.
Wir wissen, daß im jugoslawischen Bürgerkrieg von allen Seiten schwere Verbrechen begangen wurden, Verbrechen, die es aber nicht rechtfertigen, mit der Parole »Nie wieder Auschwitz« (Außenminister Joseph Fischer) zugunsten einer Seite einzugreifen, die schon im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großdeutschlands stand.
Schon im Ersten Weltkrieg haben berühmte deutsche Schriftsteller und Professoren sich in gemeinsamen Erklärungen und Aufrufen hinter ihre Regierung gestellt und die deutsche Propaganda unterstützt. Wir warnen vor Fortsetzung in einer Zeit, in der die Bundeswehr als Krisenreaktionsstreitmacht fähig gemacht werden soll, jederzeit und an jedem Punkt der Welt militärisch einzugreifen. Die – entschieden selektive – Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, die wir zu Recht oder zu Unrecht als Schurkenstaaten betrachten, kann keine Rechtfertigung dafür sein, daß von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht. Wir fordern Mißtrauen gegenüber allen deutschen Regierungen, die sich so leichtfertig wie das gegenwärtige Kabinett zu kriegerischen Einsätzen bereit finden.
Wir fordern die deutschen Medien auf, sich nach dem Vorbild der französischen Presse bei ihren Lesern, Hörern und Zuschauern für die Fehlinformationen zu entschuldigen, die ungewollt erfolgten, da man der Desinformation und Propaganda der Regierung geglaubt hatte.

Da hätten Sie mal, meine Damen und Herren, angesichts dieses Textes unseren Ersatz-Kafka, den damaligen Generalsekretär und heutigen Präsidenten des Deutschen PEN, Johano Strasser, erleben sollen. »Er gilt als einer der Vordenker der SPD«, las ich letzten Freitag in der Rotenburger Rundschau, dort an der Wümme las er vor dem SPD-Ortsverein aus seinen Memoiren.
Alles Quatsch, der Antrag sei unsinnig, alles längst überholt. Sein Freund Scharping habe ihm versichert, daß es den Hufeisenplan doch gebe und alles andere auch. Und im übrigen können wir nicht lang diskutieren. In zehn Minuten ist die Mitgliederversammlung zu Ende. Wenn nicht, wird das Essen kalt.
Der Deutsche Geist von 2000 hatte Hunger, stimmte rasch mit 9 gegen 78 Nein-Stimmen den ihm zugemuteten Antrag hinweg und begab sich pünktlich zum Abschiedsmahl.
Wenige Tage später aber erhob sich der Deutsche Geist in Moskau zu heftiger Kritik. Beim Internationalen PEN-Kongreß in Moskau werden wir, so sprach Generalsekretär Johano Strasser im Rundfunk, »die Möglichkeit haben, in der russischen Öffentlichkeit und in der Weltöffentlichkeit noch einmal anzusprechen, was in Tschetschenien geschehen ist und immer noch geschieht, daß dort ein Krieg geführt worden ist, nicht gegen Kombattanten ausschließlich, sondern gegen die Zivilbevölkerung mit ungeheuren Grausamkeiten, daß parallel dazu die öffentliche Meinung manipuliert worden ist, daß Journalisten unter Druck gesetzt worden sind und gehindert sind an der Berichterstattung.«
Man werde in und an die Wunde Tschetschenien rühren, versprach Johano Strasser und insbesondere bei der Eröffnungsrede von Günter Grass werde »das Thema Tschetschenien eine Rolle spielen«.
Das war der richtige Mann am richtigen Ort. Wenige Monate zuvor hatte der deutsche Dichter den Krieg der Deutschen gegen Jugoslawien bejaht und das »Herummogeln um die Notwendigkeit des Einsatzes von Bodentruppen« getadelt.
Daß der russische PEN-Club kein Geld von der Regierung bekomme, war für den deutschen Generalsekretär »in dieser Situation eher ein Vorteil«. Denn: »Die Ford Foundation hat mitfinanziert, so daß auch von der Finanzierungsseite her Unabhängigkeit garantiert ist.«
Die Ford Foundation, die einst auch mit CIA-Geldern den Kongreß für die Freiheit der Kultur finanzierte, ist eine US-Stiftung zur Verbreitung der Demokratie, eingerichtet von Henry Ford, dem Freund Hitlers und Begründer des modernen US-Antisemitismus.
In Moskau aber sprach Günter Grass: »Das immerhin leistet die Literatur: sie schaut nicht weg, sie vergißt nichts, sie bricht das Schweigen.«
Ja, es war beste deutsche Literatur, als PEN-Freund Scharping nicht schwieg, als er die Wahrheit über den Serben erzählte: daß er »Frauen ihre Kinder aus den Armen reißt und ihre Köpfe abschneidet, um mit ihnen Fußball zu spielen«, daß »ermordeten Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird und der Fötus erst gegrillt und dann in den Bauch zurückgelegt wird«.
Große Erzählkunst. Günter Grass findet ihren Urheber öffentlich gut: »Ich finde es jämmerlich, wie die Presse mit so einem hervorragenden Außenminister wie Fischer und so einem hervorragenden Verteidigungsminister wie Scharping umgeht.«
Ich achte Günter Grass, wir kennen uns, meist aus der Distanz seit 45 Jahren, ich halte ihn, nicht einfach nur, weil man das zu seinem 80. Geburtstag muß, für einen der großen deutschen Schriftsteller. Ich bewundere seinen Fontane-Roman »Ein weites Feld« – wie er die Enteignung der Ostdeutschen durch die Treuhand schildert und dafür durch eine wütende westdeutsche Kritik gemaßregelt wurde.
Aber eines kann ich nicht vergessen. Vor zwei Jahren wurde von unbekannter Seite Gerhard Schröder für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Günter Grass, der selbst als Literaturnobelpreisträger kein Vorschlagsrecht für den Friedensnobelpreis hat, unterstützte öffentlich diese absurde Nominierung: Friedensnobelpreis für den ersten deutschen Kriegskanzler seit Hitler, nur weil er einmal – nicht zuletzt aus wahltaktischen Gründen – einmal einen Krieg und schon das stimmt nicht einmal ganz, ausgelassen hat, der ohnedies nie zu gewinnen ist. Der Neue Deutsche Geist – und mit ihm Günter Grass – hat durch die fröhlichen Rotweinrunden im Kanzleramt viel verloren.
Und er gewinnt auch nichts, wenn er sich heute von einem ehemaligen IWF-Präsidenten, der ganze Staaten wie Argentinien in Not und Bankrott trieb, zum Geburtstag belobhudeln läßt. Und sich dessen freut. Weil er in den letzten Jahren »viel Häme und Niedertracht« erfahren habe, »tut es mir gut«, sagt er zu der Ehrung von Horst Köhler, »wenn meine sechs Jahrzehnte währende Arbeit anerkannt wird.« Patriot ist er geworden, der sich stolz dazu bekennt, nach einem Sieg von mutmaßlich deutschen Fußballern das Deutschlandlied gesungen zu haben.
Wer anders als der in Günter Grass transsubstanziierte Deutsche Geist denkt, wird abgestraft. Da wird ein Litereraturpreis vergeben, der Preisträger ist schon gebeten, sich den Tag für die Übergabe frei zu halten – und dann erfährt er aus der Zeitung, daß er doch kein Preisträger sein darf: Peter Handke, der deutsche Schriftsteller, der das allgemeine Kriegsgeschrei nicht mitgemacht hat. Den Heine-Preis sollte er nicht bekommen, weil er sich weigert, anzuerkennen, daß Milosevic Hitlers Widergänger sei.
»Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Genie-Bonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.« So sprach Günter Grass über Peter Handke zur Wochenzeitung Die Zeit. Und das war keine Selbstkritik.
Aber nun will ich Dank sagen, Dank Dir lieber Gerhard Zwerenz für die Laudatio, die ich nicht verdient habe, Dank der Tucholsky-Gesellschaft, für den Tucholsky-Preis, den ich dennoch erhielt. Und – diese Gelegenheit will ich nutzen: Dank an Monika, der Frau, die mich vor 44 Jahren geheiratet hat, die mich seither erträgt und unterstützt – und ohne die ich längst eingegangen wäre.
Und nicht zuletzt Dank Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie so lang mit soviel Geduld hingenommen haben.

Otto Köhler

Gehalten am 21. Oktober 2007 im Deutschen Theater in Berlin