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Gerhard Kraiker (1937-2015)

Prof. Dr. Gerhard Kraiker, Historiker von Rang, packender Redner, langjähriges KTG-Mitglied und letzter verbliebener Herausgeber der Tucholsky-Gesamtaus­gabe, ist am 22. November vorigen Jahres gestorben. Er ist vorher längere Zeit krank gewesen und hatte gerade eine schwere Operation hinter sich. Nicht nur seine Frau Gisela, auch die gesamte KTG wird Gerhard Kraiker schmerzlich ver­missen.

Man muss sich nur in die chaotische Verlagspolitik der späten Raddatz-Jahre zu­rückdenken, um die Verdienste von Dirk Grathoff, Antje Bonitz, Michael Hepp and eben Gerhard Kraiker angemessen zu würdigen. Mehr als 50 Jahre nach Tucholskys Tod erschienen Gesammelte Werke, bei denen ein Viertel des Ge­samtwerks, darunter manche sehr wichtige Artikel, einfach fehlten. Raddatz hatte diese Unterlassungssünde wohl eingesehen, ließ häppchenweise Ergän­zungsbände nachdrucken, zog sich dann aus der Arbeit zurück und ließ bessere Nachwuchskräfte heran. Endlich entstand eine kommentierte Ausgabe, die wis­senschaftlichen Ansprüchen genügte.

Als Mitglied des Herausgeberteams konnte er auch streng kritisieren, wenn es not tat, das weiß ich aus Erfahrung. Aber er zeigte deutlich, wie man es besser machen konnte und sollte. Darauf kam es an, man lernte etwas dabei.

Auch als Vortragender ein Experte, der nicht trocken und besserwisserisch do­zierte, sondern gut über die Rampe kam. Ich erinnere mich an einen packenden Vortrag 1998 im Kornhaus in Weiler, es ging um Tucholskys Verständnis von politischer Führung. Er kannte sich eben aus.

Die Gesamtausgabe war der entscheidende Schritt nach vorn für die Tucholsky-Forschung. Gerhard Kraiker und seine KollegInnen machten es möglich, suchten Band-Herausgeber aus, ermutigten und tadelten sie, freuten sich über Gelunge­nes. In der St Pauls-Kathedrale von London steht ein lateinischer Satz über ih­ren Erbauer Sir Christopher Wren: Si monumentum requieris, circumspice. Wenn Du sein Denkmal suchst, schaue um Dich. Die Gesamtausgabe war für alle vier Herausgeber das passende Denkmal. Wir sind traurig, dass sie von uns gegangen sind. Wir sind aber stolz, sie gekannt zu haben. Wir sprechen Gisela diese Trauer und diesen Stolz aus.

Ian King

Dieser Beitrag erschien im Rundbrief der Kurt Tucholsky-Gesellschaft August 2016.