Kategorien
Allgemein

Zum Tod von Brigitte Rothert

Es gibt Menschen, denen man auch in sehr hohem Alter wünscht, sie könnten ewig leben, weil wir nicht auf sie verzichten wollen. Der Gedanke ist verständlich, aber egoistisch: Brigitte litt nach einem Sturz unter Demenz, lebte zuletzt im Heim, war Corona-krank. Trotzdem sage ich, der Tod ist zumindest für die Überlebenden keine Erlösung, sondern nur ein etwas brutaler Schlussstrich.

Brigitte war Kurt Tucholskys Großkusine und war darauf mit Recht stolz. Nach einer Veranstaltung, in der das Ehepaar Helfritsch das Lied “Fang nie was mit Verwandschaft an!” zum besten gegeben hatte, stürmte eine ältere Frau auf die beiden zu mit den Worten “Ich bin die Verwandschaft!” Bei einem Fernsehquiz des Typus “Wer bin ich?” trat sie als unser Namenspatron auf, ließ keine Gelegenheit aus, um die Bedeutung des illustren Verwandten herauszustreichen. Darüber schrieb sie gar das Buch ihres Lebens. Gut so.

Unser Ehrenmitglied Brigitte war, wie wohl die Meisten von uns, eine zwiespältige Natur. Auf der einen Seite eine liebenswürdige ältere Dame, die eine besondere, generationationenübergreifende Beziehung zur KT-Gesamtschule Minden pflegte und Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte regelmässig besuchte, solange es ihr gesundheitlich möglich war. Hier passt vielleicht die Anekdote, dass ich vor Jahren bei Brigitte gefrühstückt habe – nein, nicht übernachtet, wo denkt ihr denn hin, sie hat mich fürsorglich bei einer Nachbarin mit einer größeren Wohnung in der Sültstrasse untergebracht. Eine liebe Gastgeberin.

Aber ihr politisches Interesse sowie ihre Überzeugungen hielten sich bis ins hohe Alter ungebrochen. Ihren Spruch “Ich bin aus der PDS ausgetreten, die entschuldigen sich nur die ganze Zeit!” werde ich niemals vergessen. Konsequent, kein Wendehals – auch wenn ich als Sozialdemokrat anderer Meinung war, musste das respektiert werden. Wir haben sie respektiert.

Der Kreis schließt sich. Mir und Anderen hat Brigitte erzählt, wie die alliierte Bombardierung von Dresden, die ich noch immer als ein Kriegsverbrechen meiner Landsleute betrachte, ihr und ihrer Mutter das Leben gerettet hat.

Denn die verhängnisvollen Akten, durch die die beiden nach dem Osten geschickt werden sollten, gingen mit den Schuldigen und auch den vielen Unschuldigen in den Flammen auf. Vor einigen Jahren zog sie wieder in die alte Heimatstadt ein und freute sich darüber riesig. Jetzt ist sie im anderen Sinne heimgegangen.

Wir trauern um Brigitte. Und gleichzeitig feiern wir ihr Leben.

von Dr. Ian King, 1. Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft

Einen weiteren Nachruf hat unser 2. Vorsitzender Frank-Burkhard Habel für seine Kolumne im „Blättchen“ verfasst. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion folgt hier der Text:

Die Großkusine

Von F.-B. Habel

„Fang´ nie was mit Verwandtschaft an, dann bist du wirklich besser dran!“ Die heiteren Titelzeilen aus einem Chanson, das Kurt Tucholsky für eine Revue von Rudolf Nelson schrieb, nahm der Autor sehr ernst. Nur wenn es unumgänglich war, hielt er engen Kontakt zu seiner „Mischpoke“. Seiner Großkusine Brigitte Jährig hätte er noch im Bauch ihrer Mutter begegnen können, als er im Frühjahr 1928 ein letztes Mal zu einem Kuraufenthalt in Dresden auf dem Weißen Hirsch weilte. Aber er sah von einem Besuch ab. Die im Sommer geborene Brigitte lernte immerhin noch ihre Großtante Doris, Kurts Mutter, kennen und erst Jahrzehnte später ihre in die USA emigrierte Großkusine Ellen, Kurts Schwester.  

Als Brigitte anfangs unbeschwert aufwuchs, lernte sie bald, dass sie es schwerer haben würde als andere. Nach den Rassegesetzen der Nazis war sie ein „Mischling ersten Grades“, fiel unter die Einschränkungen für Juden. Der Vater hatte eine neue Familie gegründet, so dass von ihm kein Schutz ausging, im Gegenteil. Er war in NSDAP und SA, machte gegenüber Ämtern geltend, dass er für den „Judenstämmling“, also Brigitte, keinen hohen Unterhalt zahlen könne, weil das zum Nachteil seiner arischen Kinder aus zweiter Ehe wäre. Nur mit Freundeshilfe und falschen Angaben konnte sie eine Büroarbeit aufnehmen, war aber gezwungen, in den vierziger Jahren mit ihrer Mutter in einen „Judenhaus“ zu leben, in dem jüdische Dresdner Bürger beengt und drangsaliert beieinander wohnten. Nachbarn waren in diesem Haus u.a. das Ehepaar Klemperer, und mit Victor Klemperer, der Brigitte sehr schätzte, bestand die freundschaftliche Verbindung bis an dessen Lebensende.

Von Tucholsky wurde bei Jährigs nicht viel gesprochen, aber Brigitte bemerkte, dass ihre Mutter, wohin sie auch getrieben wurden, immer einige Tucholsky-Bände mit sich nahm. Sie verbrannten in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 beim großen Angriff der alliierten Bomber, der Dresden fast auslöschte. Für Anne-Marie Jährig, geb. Tucholski, war es ein großes Glück. Zwei Tage später sollte sie abtransportiert werden, aber die Unterlagen verschwanden im Chaos, so dass ihr das Bombardement das Leben rettete.

Nach dem Krieg konnte Brigitte eine Ausbildung zur Russischlehrerin machen, lehrte erst in Dresden, später als Brigitte Rothert in Berlin. Nach und nach machte sie sich mit dem Werk ihres berühmten Verwandten vertraut, schätzte nicht nur seinen Witz sondern auch seine antimilitärische und antifaschistische Haltung. Brigittes Mutter Anne-Marie hielt Briefkontakt mit Kurts Schwester Ellen, und Brigitte lernte sie dann bei einem Berlin-Besuch in den siebziger Jahren kennen. Nach Ellens Tod 1982 fand ein großer Koffer mit Büchern und anderen Devotionalien den Weg zu Brigitte Rothert. Wie sie sich monatelang bei den DDR-Behörden darum bemühen musste, dass ihr der Nachlass ausgehändigt wurde, schilderte sie in ihrem 2007 erschienenen Buch „Tucholskys Großkusine erinnert sich“, das sie unter dem Namen Brigitte Rothert-Tucholsky veröffentlichte. 

Da Kurt Tucholsky und seine Geschwister kinderlos geblieben waren, und viele Verwandte – darunter auch Tante Doris, Tucholskys Mutter – im Holocaust umkamen, war Brigitte Rothert jetzt die letzte Verwandte der Familie. Für sie war es nun zur Lebensaufgabe geworden, das Werk ihres Vorfahren weiter zu verbreiten. Sie trat in die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ein (die sie zum Ehrenmitglied ernannte), sprach im Fernsehen über ihren berühmten Verwandten, besuchte sein Grab in Schweden, hielt Kontakt mit Tucholsky-Bibliotheken und trat in Tucholsky-Schulen auf. Besonders eng wurde die Zusammenarbeit mit der Tucholsky-Gesamtschule in Minden/Westf. seit den neunziger Jahren. Sie arbeitete mit den Schülern und führte sie an Tucholskys Werk heran. Auf der Homepage der Schule ist Brigitte Rothert mit Rezitationen zu hören.

In den neunziger Jahren wandelte sich die Russisch- zur Deutschlehrerin, erteilte in der Oranienburger Straße russischen Auswanderern Deutschunterricht. Doch es zog sie in die Heimat. Mit über 80 zog sie wieder in Dresden in eine schöne Hochhauswohnung mit Blick über die Stadt bis zu den angrenzenden Gebirgen. Am Ende ihres Lebens blieb ihr die Covid-19-Infektion nicht erspart. Mit 92 Jahren starb Tucholskys letzte Verwandte im November in einem Pflegeheim in Radeburg. Ihre Erinnerungen werden weitergetragen.

Der Text entstand für die Ausgabe 25/2020 auf der Plattform das-blaettchen.de

Weitere Nachrufe: Kurt Tucholsky-Gesamtschule Minden

Kategorien
Befreundete Institutionen Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rundbrief August 2018 Rundbriefe

Darmstädter Signal: Kurt Tucholsky postum zum Ehrenmitglied ernannt

Der Arbeitskreis Darmstädter Signal hat Kurt Tucholsky posthum zu seinem Ehrenmitglied ernannt. Die Initiative dazu ging aus von unserem KTG-Mitglied Jürgen Rose, der zugleich auch im Vorstand des Darmstädter Signals sitzt.
Das Darmstädter Signal, gegründet 1983 von kritischen Führungskräften der Bundeswehr, wandte sich gegen die Nachrüstung, unterstützt die Friedensbewegung und fordert die Umsetzung des „Leitbilds vom Staatsbürger in Uniform“ in der Bundeswehr sowie die strikte Bindung des Auftrags der Bundeswehr an Moral und nationales sowie internationales Recht. Bis heute ist das Darmstädter Signal das einzige kritische Sprachrohr von Bundeswehrführungskräften und deren Angehörigen.
Auf der diesjährigen Tagung des DS am 08.04.2018 in Königswinter übergab der Vorsitzende Florian Kling die Ernennungsurkunde an unseren KTG-Vorsitzenden Ian King.
Der „Festakt“ vor 40 Teilnehmern mit Vorträgen von Jürgen Rose und Ian King machte deutlich, dass Kurt Tucholsky beim Darmstädter Signal gut aufgehoben ist.
KT kannte die Reichswehr aus allen Blick- und Erfahrungswinkeln, denn er legte im 1. Weltkrieg eine erstaunliche Karriere hin vom Armierungssoldaten im Stellungskampf an der Ostfront über den Kompanieschreiber an der Fliegerschule in Alt-Autz bis zum Feldpolizeikommissar in Rumänien. Das entspricht immerhin dem Rang eines Hauptmanns.
Direkt nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich Tucholsky insbesondere mit seinen „Militaria-Artikeln“ in der Weltbühne zu einem der fundiertesten Militärkritiker im linksliberalen, demokratischen und republikanischen Spektrum. Später wandelte sich Tucholsky vom Militärkritiker zu einem radikalen Pazifisten und konsequenten Militärgegner, der sich für Kriegsdienstverweigerung aussprach und mit dem Satz „Soldaten sind Mörder“ ein hartes aber treffendes Urteil über den Soldatenberuf fällte.
In seinem Einführungsvortrag verglich Jürgen Rose die Militärkritik Tucholskys mit dem Konzept der „Staatsbürgers in Uniform“ des Wolf Graf von Baudissin, das er im Jahr 1950 Im Auftrag der Bundesregierung zur Umsetzung der „inneren Führung“ in der noch zu gründenden Bundeswehr      ausgearbeitet hat. Die Gemeinsamkeiten sowohl in der Kritik am soldatischen Korpsgeist als auch bei Lösungsvorschlägen für eine Demokratisierung der Streitkräfte bis hin zu einer fast gleichen Wortwahl in manchen Punkten sind verblüffend. Hätte Kurt Tucholsky das gewusst, wäre sein Urteil „Erfolgreich, aber keinerlei Wirkung“ etwas versöhnlicher ausgefallen. Vielleicht sitzt Kurt „Nachher“ auf seiner Wolke und schmunzelt.
Baudissin beantwortet die zentrale Fragestellung der inneren Führung mit dem Konzept der „Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses“. Seine Forderungen beziehen sich auf die innerorganisatorische, die binnengesellschaftliche und internationale Perspektive der soldatischen Berufsausübung. Eine „Zivilisierung des Militärs“ ist nach Baudissin erreicht, wenn Streitkräfte menschrechtskompatibel, demokratiekompatibel und friedenskompatibel sind.
Der elitäre Korpsgeist, der sowohl in der Reichswehr als auch in Wehrmacht herrschte, müsse überwunden werden. Die Demokratie dürfe „nicht am Kasernentor aufhören“. Baudissin knüpfte die Existenzberechtigung des Militärs an eine strikt defensive Ausrichtung der Streitkräfte zur Verteidigung von Demokratie und Freiheitsrechten und konzipierte die Bundeswehr in enger Einbindung in eine noch zu schaffende europäische Sicherheitsarchitektur.
Jürgen Rose verglich nun in seinem Vortrag die Ideen und Vorstellungen Baudissins für eine „demokratische Bundeswehr“ mit der von Kurt Tucholsky geäußerten Kritik und Änderungsvorschlägen für die Reichswehr in der Weimarer Republik ab. Dabei klopfte er die einschlägigen Aussagen Tucholskys mit Bezug auf die innerorganisatorische, die binnengesellschaftliche sowie die internationale Dimension von Streitkräften daraufhin ab, inwieweit sie zur Verbesserung der Menschenrechtskompatibilität, der Demokratiekompatibilität sowie der Friedenskompatibilität der Streitkräfte beitragen können. Jürgen Roses Ergebnisse des Vergleichs sollen hier kurz – aber hoffentlich nicht verkürzt skizziert werden.
Mit Bezug auf die innerorganisatorische Dimension rechnete Tucholsky in der 1919 in der Weltbühne erschienene „Militaria“-Reihe mit den deutschen Offizierskorps ab. Er verweist dabei auf die sadistische Schinderei von Untergebenen, die unumschränkte Macht der Vorgesetzten, deren „nerohafte Neigungen“ sowie die grassierende Korruption und attestierte dem wilhelminischen Offizierskorps den totalen moralischen Bankrott. „Der deutsche Offizier hat in sittlicher Beziehung im Kriege versagt. Der Geist des deutschen Offizierskorps war schlecht.“
Für eine zukünftige Truppe verlangte Tucholsky, dass deren Soldaten das Recht haben müssten als Menschen und nicht als Kerls behandelt zu werden. Für Tucholsky war daher klar, dass die Armeeangehörigen untereinander ungeachtet ihres Dienstgrades allesamt als Kameraden zu gelten hätten „Der Offizier sei ein befehlender Kamerad.“ Die Nähe zu Baudissins Konzept der „inneren Führung“ ist offensichtlich.
Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Dimension der Streitkräfte forderte Tucholsky kurz nach dem Kapp-Putsch die Auflösung der Reichswehr und deren Umwandlung „in eine zuverlässige Volksmiliz“. Einer solchen Freiwilligenarmee gestand auch der spätere Pazifist Tucholsky noch das Recht für militärische Aktivitäten zu. Schon kurz nach dem 1. Weltkrieg urteilte Tucholsky aber grundsätzlich: „Eine Armee … ist – im besten Fall – ein notwendiges Übel und eine üble Notwendigkeit“
Nach Tucholskys Ansicht dürfe die neue Reichswehr nicht unpolitisch sein. Im Gegenteil sie müsse durch und durch politisch, ja sogar definitiv republikanisch sein. Damit ist Tucholsky in seiner Haltung, so urteilt Jürgen Rose, weitaus radikaler als Wolf Graf von Baudissin, der mehr als 30 Jahre später lediglich eine „Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses“ fordert.
Auch in Bezug auf die internationale Dimension vertraten Tucholsky wie Baudissin eine europäisch-supranationale Sicht, Tucholsky schloss dabei aber bereits Militäreinsätze aus. Während Baudissin, so Jürgen Rose in seinem Vortrag, eine explizit nicht national, sondern „übernational“ strukturierte integrierte europäische Armee zum Zwecke kollektiver Verteidigung forderte, setzte Tucholsky  – als dieser sich bereits in seiner pazifistischen Phase Ende der 20ger Jahre befand – auf eine europäische Friedenspolitik ohne Einsatz des Militärs. „Der europäische Friede steht über den niederen Interessen der Vaterländer. … Wir halten den Krieg der Nationalstaaten für ein Verbrechen, und wir bekämpfen ihn, wo wir können, wann wir können, mit welchen Mitteln wir können. Wir sind Landesverräter. Aber wir verraten einen Staat, den wir verneinen, zugunsten eines Landes, das wir lieben, für den Frieden und für unser wirkliches Vaterland: Europa“ zitiert Jürgen Rose Tucholsky.
Abschließend versuchte Jürgen Rose eine Antwort auf die Frage zu geben, was von den Forderungen, Vorschlägen, Appellen, Mahnungen der beiden Militärkritiker und -reformer heutzutage als verwirklicht gelten darf. Seine Antwort: „Einiges ja, vieles nicht und insgesamt zu wenig.“ Er beklagt insbesondere den dreifachen Sündenfall gegen die Idee einer Friedenarmee nämlich 1999 bei der Beteiligung Deutschlands am Luftkrieg gegen Jugoslawien, erneut 2001 im Zuge der Invasion  in Afghanistan sowie 2003, als die Bundeswehr das völkerrechtliche nicht gedeckte Vorgehen der USA und ihrer Alliierten gegen den Irak unterstützte.
Ein weiteres gravierendes Manko, so Jürgen Rose, betreffe die bis jetzt ungenutzte Chance zur inneren Demokratisierung der Bundeswehr.
Am Ende seiner Analyse stellt Jürgen Rose fest, „dass Tucholsky zwar richtungsweisende und partiell durchaus revolutionäre Ideen und Vorschläge zu einer Militärreform zu liefern vermochte, diesbezüglich indes nie eine konsistente und umfassende Konzeption vorgelegt hat. Tuchos Denkansätze spiegeln sich nach Meinung von Jürgen Rose in der späteren Militärreform Baudissins wider, auch wenn sich in dessen Schriften keine Hinweise hierfür nachweisen lassen – der Name Kurt Tucholskys taucht jedenfalls in Baudissins umfänglichen Schriftensammlungen … nicht auf.“
Nach dem Vergleich von Tucholskys Militärkritik der frühen 20er Jahre mit Baudissins Konzept der „inneren Führung“ durch Jürgen Rose nahm Ian King in seiner „Laudatio“ den Pazifisten Tucholsky in den Blick und ging dabei auch auf den Kontext und Entstehungsgeschichte des bekannten Tucholsky-Zitates „Soldaten sind Mörder!“ sowie dessen Rezeption in den späten 80er und 90er Jahren in der Bundesrepublik ein.
Zuerst bedankte sich Ian King für den Mut des Darmstädter Signals, Kurt Tucholsky zum Ehrenmitglied zu ernennen. Würde dieser doch sehr häufig mit seinem Ausspruch „Soldaten sind Mörder“ identifiziert und als „Beleidiger der Soldatenehre“ verunglimpft, ohne Beachtung des Kontextes des Artikels, aus dem dieses Zitat stammt.
Ian King zitiert einen längeren Auszug aus „Der bewachte Kriegsschauplatz“ in dem das angeführte Zitat die letzte Schlussfolgerung ist. Der Artikel ist Ausfluss der Erfahrungen Tucholskys in seiner Dienstzeit als Militärpolizist unweit der rumänische-serbischen Grenze. Er war dort u.a. für die Aufgabe der Bewachung des Kriegsschauplatzes eingesetzt. Natürlich wusste Tucholsky als Jurist, dass der Begriff „Mörder“ niedrige Beweggründe voraussetzt. Juristisch genauer wäre der Begriff „Totschlag“ gewesen. Doch Ian King gibt mit seinem trockenen schottischen Humor zu bedenken, dass es einem Journalisten auf politische Wirkung ankommt und „Soldaten sind Totschläger“ sich nicht so effektiv angehört hätte. Übrigens wurde der Herausgeber der Weltbühne Carl von Ossietzky, der für den sich bereits in Schweden befindenden Tucholsky juristisch den Kopf hinhalten musste, 1931 in einem aufsehenerregenden Prozess von dem Vorwurf der „Beleidigung der Reichswehr“ wegen „Soldaten sind Mörder“ freigesprochen.
Die juristische Auseinandersetzung mit dem Tucholsky-Zitat in der Bundesrepublik begann im Jahr 1984, als Peter Augst, ein Mitglied der Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, in einem Streitgespräch mit dem Bundeswehrhauptmann Klaus Peter Witt Soldaten als potenzielle Mörder bezeichnete. Der  Streit, in dem der Minister Stoltenberg als Nebenkläger auftrat und in den sich auch Weizsäcker als Verteidiger der beleidigten Soldatenehre einmischte, endete erst nach drei Jahren mit dem Sieg der Meinungsfreiheit und einem Freispruch von Augst durch das Bundesverfassungsgericht.
Ian King wies dann darauf hin, dass auf dem Höhepunkt der aufgeheizten Diskussion über das „Soldatenurteil“ sich Mitglieder des Darmstädter Signals mit einem Aufruf zur Mäßigung in die Diskussion eingeschaltet hätten. Die freie Meinungsäußerung sei wichtig, der Status von Soldaten als potenzielle Mörder sei angesichts der Strategie der atomaren Abschreckung gegeben, der Staatsbürger in Uniform brauche keinen Ehrenschutz. Für einige Unterzeichner dieser Stellungnahme zog dies empfindliche Disziplinarmaßnahmen – bis hin zur Degradierung – nach sich, die erst viele Jahre später wieder rückgängig gemacht werden mussten. Das alles könne man, so Ian King, in der im Ch. Links-Verlag erschienenen Dokumentation von Michael Hepp und Viktor Otto nachlesen.
Nach diesem Exkurs schildert Ian King die Wandlung Kurt Tucholskys vom Militärkritiker, der auf eine geistige und republikanische Erneuerung der Reichswehr setze, hin zum radikalen Pazifisten, dem Mitgründer des Friedensbunds der Kriegsteilnehmer. Als Tucholskys Mitarbeit an den Massendemonstrationen der Nie-wieder-Krieg-Bewegung nicht zu einem Meinungsumschwung im deutschen Bürgertum führte, habe er 1925 bekümmert geschrieben, Europa befinde sich wie 1900 zwischen zwei Kriegen. Er prophezeite Deutschland würde eine noch schlimmere Niederlage erleiden als 1918. Im Lichte dieser Ahnungen habe Tucholsky jede Hoffnung auf demokratische Reformen der Armee aufgegeben. Darum habe er die These vertreten, dass das einzige Mittel, neue Kriege zu verhindern, darin bestehe, den Militärdienst zu verweigern.  „Dieser Landesverrat kann eine Notwendigkeit sein, um etwas Großes und Wichtiges abzuwehren: den Landfriedensbruch in Europa. Der europäische Friede steht über den niederen Interessen der Vaterländer.“
Für Ian King steht die Idee, die Bundeswehr sei eine Friedensarmee, im krassen Gegensatz zu ihrem Einsatz am Hindukusch. Er stellt die rhetorische Frage, ob solche Einsätze den Frieden auf den Straßen von London, Berlin, Madrid oder Paris garantiert hätten. Nach Ansicht von Ian King hätte Tucholsky den Bundeswehrsoldaten geraten, niemals Mörder zu werden, sondern höchstens als eine Art Feuerwehr gegen einen Großbrand zu dienen, der hoffentlich nie ausbricht. Das sei Tucholskys Vermächtnis und darum passe der Friedenssoldat Tucholsky in die Reihen der kritischen Soldaten vom Darmstädter Signal.

Robert Färber

Kategorien
Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rundbrief Dezember 2017 Rundbriefe

In Amerika entdeckt: Kabinettfoto von Berta und Flora Tucholsky


»Ich hatte sie sehr gern – sie waren so grundanständig« (Kurt Tucholsky über seine Tanten)1
Das Kabinettfoto, das Kurt Tucholskys Tanten Berta (rechts im Bild) (geboren am 8. Juni 1856 in Greifswald) und Flora (geboren am 14. September 1864 in Greifswald), die Schwestern seines Vaters Alex, zeigt, wurde um 1895 in Stanis­lawow/Ost-Galizien (damals Österreich-Ungarn) im Fotostudio Leo Rosenbach aufgenommen. Das Foto gelangte nun über 120 Jahre später auf abenteuerli­che Weise von Amerika nach Deutschland.

Verkauft wurde es 2016 auf einem amerikanischen Flohmarkt in Saint Louis im Bundesstaat Mis­souri. Die Käuferin bot das Foto zum Wiederverkauf im Inter­net an, woraufhin es die Autorin entdeckte, einen moderaten Preis dafür zahlte und das schöne und sehr seltene Kabinettfoto schließlich ca. zwei Wochen spä­ter in den Händen hielt. Die Freude war groß, als sie erkannte, um wen es sich auf dem Foto handelte.

Klar erkennbar sind die Namen der beiden Schwestern, erahnen kann man weiter noch: »Schwestern von Alex Tucholsky«. Gut möglich, dass sich die bis zu ihrem Tod unver­heirateten Tanten Tucholskys längere Zeit dort bei Verwand­ten aufhielten. »Frau Flora Tucholsky, Sta­nis­lau« konnte man z.B. im selben Jahr auf einer Liste (Jg. 4 (1895) Nr. 10, S. 381–383) der Öster­­rei­chi­schen Gesell­schaft der Friedens­freunde lesen. Die Lehrerin Flora Tucholsky hatte zwei Kro­nen als Mitgliedsbeitrag oder Spende bezahlt. Am Untertitel Die Waffen nie­der! lässt sich eine gewisse Geistes­verwandtschaft zu Kurt erkennen, der später ein­mal »Soldaten sind Mör­der« schreiben sollte. Dass es in Stanislawow (bzw. Sta­nislau) eine Familie Tu­chols­ky gegeben haben muss, beweist auch der Eintrag im Pester Lloyd vom 15.7.1891 auf S. 6. Damals stieg dort – laut »Frem­den­liste des ›Grand Hotel Hungaria‹« in Budapest – »F. Tu­cholsky s.[amt] Töchter, Sta­nislau« ab. Die genaue Identität dieser Familie konnte derzeit nicht ermittelt werden und muss an dieser Stelle zunächst offen bleiben.

Im Jahr 1899 ließ sich Berta in Wien in der Lutherischen Stadtkirche taufen. Ihre genauen Lebensstationen können dort nicht vollständig rekonstruiert werden, weil die hi­sto­ri­schen Wiener Meldeunterlagen lückenhaft sind. Um diese Zeit wohnte sie im Leh­re­rinnenheim der Stadt in der Wipplingerstraße 8. Unter die­ser Adresse hatte sie ein Jahr zuvor einen Brief an Samuel L. Clemens in Ameri­ka geschrieben2. Dahinter ver­barg sich der von Berta hoch verehrte Schriftstel­ler Mark Twain, dessen Werke sie gerne ins Deutsche übersetzt hätte.

Das Kabinettfoto dient auch als Beweis, dass schon früh ein Kontakt zwischen den preußischen Tucholskys und ihrer amerikanischen Verwandtschaft in Saint Louis bestand, einer Verwandtschaft, die vereinzelt aus der Kurt Tucholsky-Ge­samtausgabe hervorgeht.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der preußische Lehrer Neumann Tucholsky mit seiner Ehefrau Johanna geb. Arnfeld und den gemeinsamen fünf Kindern nach Amerika ausgewandert und hatte sich in Saint Louis nieder­ge­lassen, wo er vier Jahre nach seiner Einbürgerung (die Einbürge­rungsurkunde datiert vom 19. April 1886) im Jahr 1890 verstarb

Seine Enkelin, Rose Tuholske, hatte Kontakt zu Kurt Tucholsky, was durch Briefe in der Tucholsky-Gesamtausgabe be­legt ist. Kurts Bruder Fritz half sie mit einem affidavit (einer Art Bürgschafts­erklärung von Verwandten oder Freunden wäh­rend der NS-Zeit, damit Verfolgte aus Deutschland in die USA einreisen konn­ten), schnell in Amerika unterzukommen, weil die Situation in Deutschland für ihn immer bedrohlicher wurde. Seines Amtes bei der Berliner Stadtverwaltung enthoben, gelang ihm über Prag die Flucht nach Amerika, wo er jedoch bereits 1936 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Im Jahr 1899 kam es zu der einzigen persönlichen Begegnung zwischen Rose und dem damals neunjährigen Kurt, als ihr Vater sie auf einer längeren Euro­pareise mitnahm, die sie auch nach Berlin führte.

»Und Sie wollen mich nicht heiraten? Sie bleiben dabei3

Wie ihre Cousine Doris Tucholski, der Mutter Kurts, wird Berta ihre Lehrerin­nen-Ausbildung am Königlichen Lehrerinnen-Seminar in Berlin absolviert ha­ben. Ihren Lebens­­unterhalt verdiente sie sich als Erzieherin und Leh­rerin, gele­gentlich aber auch als Schrift­stellerin und Über­setzerin.

So veröffentlichte sie z.B. einige Feuille­ton­­­­­artikel im Pester Lloyd. Ihre gelungene Übersetzung des englischsprachigen Romans Jane Eyre erschien 1927. Die nordenglische Pfarrerstochter Charlotte Brontё hatte ihn im Jahr 1847 unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlicht, wohl in der voraus­­schauenden Angst vor Ablehnung des Romans aufgrund ihres Geschlechts. Es sollte noch eine lange Zeit ver­gehen, bevor auch weibliche Autoren in der Gesellschaft ak­zeptiert werden würden, eine Erfahrung, die Berta vermutlich als alleinstehen­de Frau auch nicht unbekannt war.

Kurt mochte seine Tante Berta sehr, das unsichtbare Familienband zwischen ih­nen war sehr eng. Als Tu­cholsky sich 1928 wegen eines Zahn­ge­schwürs operie­ren lassen musste und sich vorübergehend deformiert so auf keinen Fall der Öf­fentlichkeit prä­sentieren wollte, hatte er nur Tante Berta eingeweiht:

Ich sage überall, daß ich »bei Ver­wand­t­en« wohne, ohne Telefon, u. der Tante Berta habe ich gesagt, was los ist. Adresse gibt’s nicht. Kopf ist noch dick.4

An Berta war auch bereits 1908 die berühmte Widmung auf der Rückseite mit dem Foto Tucholskys gerichtet, in der er ihr ohne Scheu anvertraute:

Außen jüdisch und genialisch, innen etwas unmora­lisch, nie alleine, stets à deux: – der neveu!

Berta kehrte später wieder nach Berlin zurück. Die Tatsache, dass sie sich Jahre vorher in Wien hatte evangelisch taufen lassen, war keine Garantie dafür, dass sie den national­sozialistischen Schikanen entgehen konnte. Von der »Judenver­mögensabgabe« wurde sie nicht befreit, 1938 musste sie daher »auf Grund der Durch­führungsverordnung über die Sühneleistung der Juden vom 21. Novem­ber 1938 (Reichsgesetzblatt I S. 1638)« die für sie festgelegte Abgabe von 1.400 Reichs­mark zahlen, was »20 von hundert des angemeldeten Vermögen« ent­sprach. Ab­zuleisten war die Zahlung in Teilbeträgen von 350 Reichsmark. Bei nicht rechtzeitiger Zah­lung drohte ein Säumniszuschlag von zwei von hundert des rückständigen Be­trages. Bei nicht erfolgter Zahlung erfolgte die Zwangsvoll­streckung5.

Berta Tucholsky wurde am 29.8.1942 in The­re­sien­stadt ermordet, sie wurde 83 Jahre alt. Als Todesursache nannte ihre Todesfallanzeige: »Erschöpfung der Herz­kraft«. Ihr Name ist auf dem Grabstein ihrer Schwester Flora, die bereits am 20. Au­gust 1929 in Berlin gestorben war, auf dem jüdischen Friedhof Wei­ßensee in Berlin verewigt (Feld A 7).

Bettina Müller

Die Autorin steht kurz vor der Vollendung eines 35seitigen Aufsatzes mit weiteren neuen Erkennt­nissen über die Familie Tucholsky, u.a. über ihre ame­ri­kanische Verwandtschaft (Veröffentlichungs­ort und -termin stehen noch nicht fest); Kontakt: b-mueller-koeln@t-online.de)

1 Bemmann, Helga: Kurt Tucholsky. Ein Lebensbild. Berlin 1990. S. 55.

2 vgl. Brief Berta Tucholsky an Mark Twain (Samuel L. Clemens) v. 2.3.1898, Wien, in: Mark Twain Project and papers, University of Berkeley, California, Signatur UCLC 46196
3 Currer Bell (= Charlotte Brontё): Jane Eyre. 1927, S. 335
4 aus einem Brief an seine zweite Ehefrau Mary Tucholsky, Berlin, v. 18.1.1928, in: Kurt Tucholsky Ge­samt­ausgabe 19, S. 9
5 vgl. Bescheid über die Juden­­vermögensabgabe v. 6.12.1938 an Berta Tucholsky, Berlin, in: Akademie der Künste, Literaturarchiv, Tucholsky 197; 03 Per­sönliche Do­kumente
Anmerkung: Eine leicht veränderte Version dieses Beitrags erschien am 28. Dezember 2017 im Neuen Deutschland.

Kategorien
Originaltexte Tucholsky: Zum Werk

Kurt Tucholsky: Großstadt-Weihnachten

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.
 
Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.
 
Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,
 
Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«
 
Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.
 
So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

 
 

Theobald Tiger in: Die Schaubühne, 25.12.1913, Nr. 52, S. 1293.

Kategorien
Originaltexte Tucholsky: Zum Werk

Kurt Tucholsky: Rosen auf den Weg gestreut

Ich resigniere. Ich kämpfe weiter, aber ich resigniere. Wir stehen hier fast ganz allein in Deutschland – fast ganz allein. […] Pathos tuts nicht und Spott nicht und Tadel nicht und sachliche Kritik nicht. Sie wollen nicht hören.

Dies schrieb Kurt Tucholsky 1919 in seinem Resümee zum Prozess gegen Otto Marloh. In diesem bemerkenswerten Text sind viele Themen und Motive seines späteren Wirkens bereits enthalten: Die Kritik an der politisch motivierten Justiz, am Korpsgeist, am Militarismus, an der Mutlosigkeit der Republik, am Untertanengeist, an der Autoritätssehnsucht seiner Zeitgenossen.
Am anderen Ende seiner Wirkungszeit, im Frühjahr 1931 schrieb er als Theobald Tiger eines seiner bittersten – und stärksten – politischen Gedichte.
In »Rosen auf den Weg gestreut« ist von der Hoffnung, die in »Prozess Marloh« noch zu erkennen ist, nichts mehr geblieben. Es ist eine bitterböse Abrechnung mit einer Republik, die es nicht geschafft hat, klare Position gegen ihre Gegner zu beziehen. Man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass seine Botschaft unserer Zeit weit weniger fern ist als sie sein sollte…

Rosen auf den Weg gestreut

Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht – sie sind so zart!

Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!

Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!

 
Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt: »Ja und Amen – aber gern!
Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.

Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.

 
Und schießen sie –: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist ein Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?

Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,
gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen …

Und verspürt ihr auch
in euerm Bauch

den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:
Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,
küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

Theobald Tiger, Die Weltbühne, 31.03.1931, Nr. 13, S. 452.

Der Text in der Lesung von Steffen Ille (aus dem Hörbuch »Gruß nach vorn«)

Kategorien
Originaltexte Tucholsky: Zum Werk

Kurt Tucholsky: Ein älterer, aber leicht besoffener Herr

1930 erschien eine der besten Satiren auf die Parteienlandschaft der Weimarer Republik Tucholskys. »Ein älterer, aber leicht besoffener Herr« ist zugleich auch einer der Texte, die zeigen, dass Tucholsky immer Berliner geblieben ist, egal wie weit er sich innerlich und äußerlich von Deutschland entfernt hatte.
Der Text ist ein typisches Beispiel für Tucholskys ambivalentes Verhältnis zur Republik, deren Schwächen er nicht übersehen konnte und die es doch zu schützen galt. Gerade in den letzten Jahren, als er mit zunehmender Verzweiflung gegen ihren Untergang anschrieb, zeigt sich dies besonders stark. Für den heute anstehenden Wahlgang sei aber diese Zeile herausgegriffen:

Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch!

Eine der wohl besten Interpretationen stammt denn auch von einem Ur-Berliner, dem Schauspieler Gerd E. Schäfer, der den Text, wenn auch nicht buchstabengetreu, im Rahmen des Projektes Jazz – Lyrik – Prosa unübertroffen vortrug.

Zum Vergleich hier noch der Originaltext:

Ein älterer, aber leicht besoffener Herr

– Wie Sie mich hier sehn, bin ick nämlich aust Fensta jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber Herr, ick tu Sie nischt – wenn Se mir wolln mah aufhehm … so … hopla … na, nu jeht et ja schon. Ick wees jahnich, wat mir is: ick muß wat jejessen ham … !
Jetrunken? Ja, det auch … aber mit Maßen, immer mit Maßen. Es wah – ham Sie ’n Auhrenblick Sseit? – es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen. Hips … ick bin sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit. Deutschland kann nich untajehn; solange es einich is, wird es nie bebesiecht! Ach, diß wah ausn vorjn Kriech … na, is aber auch janz schön! Wenn ick Sie ’n Sticksken bejleiten dürf … stützen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn jehn Sie sicherer!
Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, ick sahre: »Elfriede!« sahr ick, »heute is Sonntach, ick wer man bißken rumhörn, wat die Leite so wählen dhun, man muß sich auf den laufenden halten«, sahr ick – »es is eine patt … patriotische Flicht!« sahr ick. Ick ha nämlich ’n selbständjen Jemieseladn. Jut. Sie packt ma ’n paar Stulln in, und ick ßottel los.
Es wücht ein ja viel jebotn, ssur Sseit … so ville Vasammlungen! Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. Feine Leute. Mensch, die sind valleicht uffn Kien! Die janze Straße wah schwarz … un jrien … von de Schupo … un denn hatten da manche vabotene Hemden an … dies dürfen die doch nich! »Runta mit det braune Hemde!« sachte der Wachtmeister zu ein, »Diß iss ein weißes Hemde!« sachte der. »Det is braun!« sachte der Jriene. Der Mann hat ja um sich jejampelt mit Hände und Fieße; er sacht, seine weißen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht a. Da ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den Saal. Da jabs Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham se erscht jeübt: Aufstehn! Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil sie denn nämlich Märsche jespielt ham, und die Führers sind rinjekomm – un der Jöbbels ooch. Kenn Sie Jöbbels? Sie! Son Mann is det! Knorke. Da ham die jerufen: »Juden raus!« un da habe ick jerufen: »Den Anwesenden nadhierlich ausjenomm!« un denn jing det los: Freiheit und Brot! ham die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm – det Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die ihr drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham die –!

Als die liebe Morjensonne
schien auf Muttans Jänseklein,
zoch ein Rejiment von Hitla
in ein kleines Städtchen ein … !

Na, wat denn, wat denn … man witt doch noch singen dürfn! Ick bin ja schon stille – ja doch. Und der Jöbbels, der hat ja nich schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf den Thälmann! »Is denn kein Haufen da?« sacht er – »ick willn iebern Haufn schießen!« Und wir sind alle younge Schklavn, hat der jesacht, und da hat er ooch janz recht. Und da war ooch een Kommenist, den ham se Redefreiheit jejehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war det linke Oohre wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Wie ick rauskam, sachte ick mir: Anton, sachte ick zu mir, du wählst nazzenahlsosjalistisch. Heil!
Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht jahnich rin … ick weeß nich, wie ick da rinjekomm bin. Da hat son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte sich vor lauter Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umjebunden, der sacht zu mir: »Sind Sie katholischen Jlaubens?« sacht er. Ick sahre: »Nich, dass ick wüßte … « – »Na«, sacht der, »wat wollen Sie denn hier?« – »Jott«, sahre ick, »ick will mir mal informieren«, sahre ick. »Diß is meine Flicht des Staatsbirjers.« Ick sahre: »Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten … diß is ein scheenet Jefiehl!« – »Na ja«, sacht der fromme Mann, »diß is ja alles jut und scheen … aber wir brauchen Sie hier nich!« – »Nanu … !« sahre ick, »sammeln Sie denn keene Stimm? Wörben Sie denn nich um die Stimm der Stimmberechtichten?« sahre ick. Da sacht er: »Wir sind bloß eine bescheidene katholische Minderheit«, sacht er. »Und ob Sie wähln oder nich«, sacht er, »desderwejn wird Deutschland doch von uns rejiert. In Rom«, sacht er, »is et ja schwierijer … aber in Deutschland … « sacht er. Ick raus. Vier Molln hak uff den Schreck jetrunken.
Denn wak bei die Demokratn. Nee, also … ick hab se jesucht … durch janz Berlin hak se jesucht. »Jibbs denn hier keene Demokraten?« frahr ick eenen. »Mensch!« sacht der, »Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie jejehm! Und nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin«, sacht er, »da tacht die Deutsche Staatspachtei – da is et richtich.« Ick rin. Da wah ja so viel Jugend … wie ick det jesehn habe, mußt ick vor Schreck erscht mal ’n Asbach Uralt trinken. Aber die Leute sinn richtich. Sie – det wa jroßachtich! An Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn … da konnt sich jeder eins aussuchen. Ick sahre: »Jehm Sie mir … jehm Se mia ein scheenet Projamm für einen selbständigen Jemieseladen, fier die Interessen des arbeitenden Volkes«, sahre ick, »mit etwas Juden raus, aber hinten wieder rin, und fier die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern!« – »Bütte sehr«, sacht det Frollein, wat da stand, »da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundfürrssich – da is det allens drin. Wenn et Sie nicht jefällt«, sacht se, »denn kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!« Diß is eine kulante Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.
Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier … da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. Währenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ’n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein … und denn ahms is Fackelssuch … es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er. »Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!
Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie … det hat ma nich jefalln. Wer den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich wert – sahr ick doch imma. Huchenberch perseenlich konnte nich komm … der hat sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen ’n Kimmel jetrunken.
Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei den Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; und denn bei den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, da jabs Schwedenpunsch; und denn bei die Häußerpachtei, die wähln bloß in Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der is natürlicher Naturmensch von Beruf; und denn wak bei die Wüchtschaftspachtei, die sind fier die Aufrechterhaltung der pollnschen Wüchtschaft – und denn wark blau … blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de Kommenistn jehn … aber ick konnte bloß noch von eene Laterne zur andern Laterne … Na, so bink denn nach Hause jekomm.
Sie – Mutta hat valleicht ’n Theater jemacht! »Besoffn wie son oller liiijel –!« Hat se jesacht. Ick sahre: »Muttacken«, sahre ick, »ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvorbereitung studiert.« – »Besoffn biste!« sacht se. Ick sahre: »Det auch … « sahre ick. »Aber nur nehmbei. Ick ha staatspolitische Einsichten jewonn!« sahre ick. »Wat wißte denn nu wähln, du oller Suffkopp?« sacht se. Ich sahre: »Ick wähle eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann jibt, sowie unsan jeliebtn Kaiser und auch den Präsidenten Hindenburch!« sahr ick. »Sowie bei aller Aufrechterhaltung der verfassungsjemäßichten Rechte«, sahr ick. »Wir brauchen einen Diktator wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner«, sahre ick. »Nieda mit den Milletär!« sahre ick, »un hoch mit de Reichswehr! Und der Korridor witt ooch abjeschafft«, sahre ick. »So?« sacht se. »Der Korridor witt abjeschafft? Wie wißte denn denn int Schlafzimmer komm, du oller Süffel?« sacht se. Ick sahre: »Der Reichstach muß uffjelöst wem, das Volk muß rejiern, denn alle Rechte jehn vom Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich wieda!« sahre ick. »Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit ein unumschränkten Offsier an die Spitze«, sahre ick. »Und in diesen Sinne werk ick wähln.« Und denn bin ick aust Fensta jefalln.
Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft … ! »Komm du mir man ruff«, hat se jebrillt. »Dir wer ick! Du krist noch mal Ausjang! Eine Schande is es –! Komm man ja ruff!« Ick bin aba nich ruff. Ick als selbstänjdja Jemieseladen weeß, wat ick mir schuldich bin. Wollen wa noch ne kleene Molle nehm? Nee? Na ja … Sie missn jewiß ooch ze Hause – die Fraun sind ja komisch mit uns Männa! Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern wa doch … rejiert wern wa doch …
Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht –!

Kaspar Hauser, Die Weltbühne, 09.09.1930, Nr. 37, S. 405, wieder in: Lerne Lachen.

Gesamtausgabe Band 10, Text 126, S. 345-349

Kategorien
Originaltexte Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rundbrief August 2017 Rundbriefe Tucholsky: Zum Werk

Kurt Tucholsky: Vor und nach den Wahlen

Also diesmal muß alles ganz anders werden!
Diesmal: endgültiger Original-Friede auf Erden!
Diesmal: Aufbau! Abbau! und Demokratie!
Diesmal; die Herrschaft des arbeitenden Volkes wie noch nie!

Diesmal.

Und mit ernsten Gesichtern sagen Propheten prophetische Sachen:
»Was meinen Sie, werden die deutschen Wahlen im Ausland für Eindruck machen!«
Und sie verkünden aus Bärten und unter deutschen Brillen
– wegen Nichtkiekenkönnens – den höchstwahrscheinlichen Volkeswillen.
Sprechen wird aus der Urne die große Sphinx:
Die Wahlen ergeben diesmal einen Ruck nach links.
So:

← 

Diesmal werden sie nach den Wahlen den Reichstag betreten,
diesmal werden sie zum Heiligen Kompromisius beten;
diesmal erscheinen die ältesten Greise mit Podagra,
denn wenn die Wahlen vorbei sein werden, sind sie alle wieder da.

Diesmal.

Und mit ernsten Gesichtern werden sie unter langem Parlamentieren
wirklich einen Ruck nach links konstatieren.

Damit es aber kein Unglück gibt in der himmlischsten aller Welten,
und damit sich die Richter nicht am Zug der Freiheit erkälten,
und überhaupt zur Rettung des deutsch-katholischen-industriellen Junkergeschlechts
machen nach den Wahlen alle Parteien einen Ruck nach rechts.
So:

Auf diese Weise geht in dem deutschen Reichstagshaus
alle Gewalt nebbich vom Volke aus.

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 08.05.1928, Nr. 19, S. 711. (GA Bd. 10, Text 64, S. 196f.)

Kategorien
Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rezensionen Rundbrief August 2017 Rundbriefe

[Rezension] Unda Hörner: Ohne Frauen geht es nicht

Neben Bertolt Brecht ist Kurt Tucholsky der deutsche Autor der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, über dessen Liebesleben be­sonders ausführlich geschrieben wurde. Die Germanistin Unda Hörner, die in Tucholskys Lieblingsstädten Berlin und Paris stu­dierte, hat mit dem schmalen, aber kompakten Band »Ohne Frau­en geht es nicht« auf Erkenntnisse anderer Publizisten von Helga Bemmann bis Klaus Bellin aufgebaut. Ist Hörners Bändchen nun aufschlussreich? Oder überflüssig?
Die Frage ist mit einem klaren »Sowohl als auch« zu beantworten. Wer sich für Tucholsky und die Frauen interessiert – wohlgemerkt die Frauen, und nicht, wie es der Untertitel verheißt »die Liebe« – und keinen Stapel von Büchern wälzen möchte, wird hier kompakt bedient. Von dem wenigen, was wir über Kitty Frankfurter wissen, bis über Liebschaften und zu dem Vielen, was wir von Mary Gerold kennen, referiert die Autorin kenntnis- und zitatenreich wie es gelaufen ist.
Zudem hat sie viele Memoirenbücher von Tucholskys Zeitgenossinnen gelesen und das eine oder andere Detail in den Vordergrund gerückt. Tucholskys Liebe (zumindest zu Frauen) verlässt sie aber, wenn sie über die Diseusen und gar die zeitgenössischen Autorinnen spricht.
Die offenbar platonische Liebe zu Gussy Holl ist bekannt. Hörner lässt offen, ob es mit Hesterberg oder Kühl zu intimen Begegnungen kam. Gerade an diese beiden Künstlerinnen denkt die Autorin of­fenbar nicht, wenn sie feststellt, dass nach 1933 Tucholskys Interpretinnen ver­stummten. Es mag für Rosa Valetti gelten, oder auch für Claire Waldoff. Kate Kühl und Heinrich Manns Ex-Geliebte Trude Hesterberg machten (wenngleich viel zahmer) im Dritten Reich weiter, beide auch in der DDR, bevor sie vom westdeutschen Kulturbetrieb aufgesogen wurden.
Ein anderes Kapitel befasst sich mit den Autorinnen unter Tucholskys Zeitgenos­sen. Hörner legt glaubhaft nahe, dass sich Tucholsky und Vicky Baum durch den anderen Kurt, Tuchos Freund Szafranski, gekannt haben müssen. Aber auch Irmgard Keuns und Gabriele Tergits damalige emanzipierte Haltungen referiert sie mit Zitaten aus Tucholskys Rezensionen auf eingängige Weise.
Tucholsky-Freunde, die schon tief mit Leben und Werk des Meisters vertraut sind, müssen den Band nicht erwerben. Wer es aber kaufen möchte, um Freun­dinnen und Bekannte auf Tucholsky neugierig zu machen, der sollte zugreifen.

Frank-Burkhard Habel

Hörner, Una: Ohne Frauen geht es nicht, Tucholsky und die Liebe, ebersbach & simon. Berlin. 2017, 144 Seiten, geb., 16,80 € ISBN 978-3-86915-137-3

Kategorien
Befreundete Institutionen Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rundbrief August 2017 Rundbriefe

Tucholsky Museum erhält wertvolle Dokumente

Eine großzügige Schenkung hat das Kurt Tucholsky Literaturmuseum in Rheins­berg Ende Juni 2017 erreicht. Brigitte Rothert, die Großcousine und letzte noch lebende Verwandte Kurt Tucholskys, übergab dem Museum einige bedeutende Sammlungsstücke aus dem Nachlass von Kurt Tucholsky, die sie wiederum zum Teil in den 1980er Jahren von Tucholskys damals noch lebender Schwester Ellen Milo aus New York, USA, erhalten hat.
Darunter sind drei wertvolle, von Tucholsky gewidmete bzw. signierte eigene Bücher, sehr seltene Erstausgaben und weitere Bücher, zum Teil mit hand­schriftlichen Anmerkungen von Ellen Milo. Im Weiteren gehören dazu originale Kinderfotos von Kurt Tucholsky und seinen Geschwistern Ellen und Fritz, einige amerikanische Publikationen mit Tucholsky-Texten und frühe Nachkriegseditio­nen.
Weitere Dokumente und Objekte, wie interessante Briefwechsel, Zeitungsaus­schnittsammlungen, weitere Fotos und ihren Briefwechsel mit der Schwester Tucholskys Ellen Milo hatte sie bereits früher dem Museum übergeben. Die Briefe von Ellen Milo an Brigitte Rothert sind sehr privater Natur, sie geben un­ter anderem Auskunft über das sehr problematische Verhältnis der Mutter Do­ris Tucholsky zu ihren Kindern.
Ein ganz besonderes Stück ist auch der einmalige Exil-Koffer von Ellen Milo, auf dem man durch diverse Aufkleber die Stationen ihres Exils über Italien in die USA ablesen kann.
Das Museum verfügt nunmehr, mit dieser Schenkung, über dreißig Auto­graphen von Tucholsky und mehr als 40 originale Objekte — von Briefschatul­len, Schreibwerkzeugen, Schreibtischutensilien über häusliche Gegenstände bis hin zu Möbeln wie seinen letzten Schreibtisch aus dem schwedischen Exil und zwei Sesseln aus der gemeinsamen Wohnung mit Mary Gerold, die wir gerade im Februar aus dem Nachlass von Fritz J. Raddatz übereignet bekamen.
Weitere Autographen, z.B. Briefe von Rudolf Arnheim, Emil Jannings, von Sieg­fried Jacobsohn, Lisa Matthias, Mary Gerold und Else Weil kommen hinzu. Dar­über hinaus gehören zur Sammlung dutzende originale Fotos und Dokumente z.B. aus dem Familienbesitz von Else Weil, sowie hunderte Erstdrucke in der Weltbühne, der Vossischen Zeitung, dem Berliner Tageblatt, dem Simplicissimus und vielen weiteren Publikationen. Selbst ein originales Blatt aus dem Flieger erhiel­ten wir vor zwei Jahren geschenkt.
Die Schenkung war von Brigitte Rothert schon 2005 testamentarisch verfügt worden, nun hatte sie sich, die mittlerweile fast 89 Jahre alt ist, dazu entschlos­sen, ihr Erbe bereits als Vorlass an das Museum zu übergeben. Wie glücklich wir über diesen bedeutenden Zuwachs unseres Archivs sind, und wie dankbar für das große Vertrauen und die Anerkennung, die Brigitte Rothert damit unse­rem Museum entgegen gebracht hat, brauchen wir nicht zu betonen. Wir wer­den uns bemühen, es mit unserer zukünftigen Arbeit für Tucholsky, sein Werk und seine Ideen, weiterhin zu rechtfertigen.

Dr. Peter Böthig

Kategorien
Befreundete Institutionen Publikationen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft Rezensionen Rundbrief August 2017 Rundbriefe

[Rezension] Tucholskys Spiegel: Oper-Premiere in Rheinsberg

Diese Rezension beginnt mit einem Geständnis. Ich schätze eher das klassische Opern-Repertoire, von Siegfried Jacobsohns geliebtem Mozart bis zu SJs Feind Wagner. Bin also Opern-Fan, aber kein Experte. Wie es Tucho selbst formulierte, kommt es im Künstlerischen nur auf ein Kriterium an: die Gänsehaut. Bei moderner E-Musik fehlt sie sehr häufig bei mir.
Ausnahme: James Reynolds‘ Partitur. Von Jazz-Einlagen mit Flair der zwanziger Jahre bis zur latenten Bedrohung (man tanzte auf einem Vulkan) steckt atmosphärisch alles drin. Tucho und die NS-Gegenspieler, die ihn die Worte »Giftspeiender Jude!« an den Kopf werfen — wunderbar herausgearbeitet. Das ist nicht in erster Linie MODERNE Musik, sondern vor allem zum Thema PASSENDE Musik, die von einem aufgeweckten Publikum begeistert aufgenommen wurde.
Zweites Lob: dem ideenreichen, innovativen Organisator und gutem Geist des Ganzen, Frank Matthus sowie seinem Regisseur Robert Nemack. Ich hatte mit Vorstandskollegin Jane Zahn schon bei einem Expertensymposium im Mai Gelegenheit, Frank kennenzulernen: Auf diesen Charismatiker müsste Rheinsberg, ja ganz Brandenburg stolz sein. Und Nemack! Die Bühne als Boxring für Tucholskys Kampf um ein demokratisches Deutschland: eine gelungene Idee! Die Beweglichkeit des Ensembles, unter Benutzung der Gänge und des Zuschauerraums: bewusst verunsichernd, hier wollte niemand einschlafen. Jeder wartete gespannt auf den nächsten Regieeinfall.
Die Sänger und Sängerinnen; Wenn ich hier alle, darunter den bekannten Countertenor Jochen Kowalski, und ihre Meriten loben sollte, müsste dieser Rundbrief um vier Seiten verlängert werden. Also soll hier eine für alle stehen: die energische, humorvolle, bei Gelegenheit angsteinflößende Mezzosopranistin Felicitas Brunke. Sicher zum Teil auch als Darstellerin von Mary Tucholsky, aber nicht nur deswegen, hat sie bei mir einen Stein im Brett. Singen kann sie, können sie alle. Ein tolles, aufeinander eingestimmtes Ensemble.
Also eine völlig positive Kritik? Leider nicht. Am Libretto war die Idee mit Pseudonymen, Freundinnen und Gegnern , die Tucholskys Charakter von vielen Seiten beleuchteten, bewundernswert. Aber durch Zerhacken der Figur in die einzelnen Pseudonyme ging m.E. die Tatsache verloren, dass sie fünf Finger an einer Hand sind. Der innere Kompass, der allen PS eigen war, fehlte. Weiter: Christoph Klimke war wohl ein verdienstvoller Rheinsberger Stadtschreiber, wir sind dankbar, dass er mit diesem Libretto Tucholsky ein Denkmal gesetzt hat. Aber er hat meiner Ansicht nach die Größe seiner Hauptfigur nicht verstanden. Ist das Gedichtchen Der Pfau wirklich Tucholskys entscheidendes Werk und nicht etwa Der Graben? Mein Lieblingspseudonym, der politische Kämpfer und Friedensfreund Ignaz Wrobel, war nur als Gegner von Rosa Luxemburg und Zielscheibe einer Kritik von Karl Kraus präsent, eine Verniedlichung, die an die misslungene Anthologie von Hermann Kesten in den 1950er Jahren erinnert.
Die kleine Hosenrolle des Melancholikers Kaspar Hauser ging fast ganz unter: schwere Versäumnisse. Dass Tucholskys Alter Ego am Schluss Tucholskys Spiegel anzünden sollte, wie ursprünglich im Libretto vorgesehen, war ein schwerer Fehle: das hätte Tucholsky-Freunde an die öffentliche Verbrennung von Tucholskys Büchern erinnert, vielleicht auch ans tragische Schicksal seiner ersten Ehefrau Else in Birkenau. Zum Glück wurde diese Idee fallengelassen. Aber es blieb am Schluss ein Antiklimax zurück. Bei Wagners Tannhäuser muss der Stab des Papstes Knospen bekommen; bei Faust I darf die Stimme von oben »ist gerettet« auch nicht fehlen. Hier blieb bei vielen Zuschauern ein Fragezeichen.
Trotz alledem: Dass 82 Jahre nach dem einsamen Tod in Schweden eine Oper über unseren Namenspatron gespielt wird, ist eine tolle Sache. »Ich bekomme recht, wenn’s mich nicht mehr gibt«, resümiert die Tucholsky-Gestalt. Matthus, Reynolds, die Sängerinnen und Sänger haben dafür gesorgt, dass Tucho recht bekommt. Es liegt an uns, das gleiche Ziel anzustreben.

Ian King