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Was hat der Mann zu der jungen Bauersfrau gesagt?

Brief von Roland Voggenauer an die KTG mit einer wichtigen Frage

Liebe Freunde der Tucholsky Gesellschaft,

Sie alle kennen sicher die Geschichte, in der ein Ehepaar Herrn Panter einen Witz erzählt, bzw. dies versucht, dabei jedoch kläglich scheitert, schließlich türschlagend auseinander geht und den armen Herrn Panter mit der Frage sitzen lässt, was die Pointe des Witzes gewesen sei.

Trotz – oder grade wegen – der Unvollständigkeit des Witzes wird diese wundervolle Geschichte natürlich zu einem runden Ganzen und soll selbstverständlich genau so stehen bleiben.

Dennoch habe ich mir schon vor vielen Jahren beim ersten Lesen die gleiche Frage wie Herr Panter gestellt, ohne daß ich jedoch jemals von selbst auf eine Antwort gekommen wäre. Diese Frage ist immer wieder einmal zu mir zurückgekehrt, so daß ich irgendwann eine – zugegebenermaßen einschlägige – Recherche gestartet habe.

Gefunden habe ich: Nichts!

Auch meine direkte Nachfrage bei dieser Gesellschaft hat selbst unter Hinzuziehung des Ehrenvorsitzenden zu keinem positiven Ergebnis geführt, d.h. diese Frage, die ja schließlich kein Geringerer als Herr Panter selber stellt, scheint bislang keine Antwort gefunden zu haben.

Deswegen habe ich mich gefragt, ob es evtl. sinnvoll sei, die Frage einem informierten Fachpublikum vorzulegen – was ich in der Leserschaft dieses Blogs erwarten würde – denn ich bin sicher, es gibt potentielle Antworten. Ob die letztendlich dem entsprechen, was Tucholsky selber im Sinn hatte, muss dabei natürlich nebensächlich bleiben, denn in seiner Geschichte ist der Witz schließlich ein reines Mittel zum Zweck.

Mir selbst ist während der diesjährigen Ostertage ein Lösungsvorschlag in den Schoß gefallen; wahrlich kein Schenkelklopfer, aber er funktioniert leidlich und ist konsistent zu den Dialogen in Tucholskys Geschichte.

Diesen würde ich an dieser Stelle selbstverständlich auch „zum Besten geben“, allerdings würde ich ihn vorläufig zurückhalten, bis sich auch andere aus der Deckung wagen, zumindest bezüglich der Sinnhaftigkeit dieses Unterfanges.

Von daher frage ich mit Herrn Panter in die Runde:

Was hat der Mann zu der jungen Bauersfrau gesagt?

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Inge Jens – ein lebenszugewandter Mensch

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft betrauert den Tod ihrer Alt-Vorsitzenden. Durch die schwere Erkrankung des Vorsitzenden Michael Hepp entstand ein Vakuum in der Leitung. Inge Jens, die als „Teilhaberin“ der Arbeit ihres Mannes Walter Jens über Tucholsky ihre stille Liebe zum streitbaren Satiriker wiederentdeckte, übernahm die Funktion gern. Die Literaturwissenschaftlerin, Biographin, Briefwechselanalystin und Publizistin Inge Jens starb am 23. Dezember 2021 in Tübingen im Alter von 94 Jahren. In Hamburg 1927 geboren, wechselte sie später in die Universitätsstadt Tübingen, die zu ihrem Lebens- und Schaffensmittelpunkt wurde.

Als eine von vier Töchtern einer Hamburger Beamtenfamilie interessierte sie sich für einen medizinischen Beruf, erhielt dafür jedoch keine Zulassung. Daraufhin studierte sie Germanistik, Anglistik und Pädagogik, was ihr den späteren Zugang zum Leben und Wirken literarischer Persönlichkeiten erleichterte. Ihr gemeinsam mit ihrem Mann Walter geschriebenes Buch „Frau Thomas Mann – das Leben der Katharina Pringsheim“ wurde zum Bestseller und eröffnete unter Fachleuten eine neue Sicht auf die Familie Mann. Zu Katia und Golo Mann pflegte Inge Jens auch persönliche Kontakte.

Inge Jens zeichnete sich durch ihr Engagement in der BRD-Friedensbewegung aus. Sie nahm an Sitzblockaden gegen die Militarisierung und zur Blockade von Pershing-II-Depots teil und gewährte desertierten US-Soldaten ein illegales Domizil im Hause der Familie in der Sonnenstraße. Dafür wurde das Ehepaar auch gerichtlich belangt. Ihr Wohnsitz war ein offenes Haus und nicht selten ein Treffpunkt für Anders- und Querdenkende und diente ihnen mitunter auch als gastliche Unterkunft. Als wieder einmal ein neuer Vorsitzender für die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft zur Debatte stand und sich die Weiterführung der Arbeit durch Michael Hepp seiner Erkrankung wegen zerschlagen hatte, ließ sich Inge Jens nicht zweimal bitten und stellte sich als Interregentin zur Verfügung. Die Achtung vor den kritischen Auffassungen und satirischen Intentionen des Autors ermutigten sie dazu – dass sich dadurch auch Walter Jens stärker für den Verein engagierte und in der Jury des Tucholsky-Preises für literarische Publizistik mitwirkte, war ein positiver Nebeneffekt dieser Entscheidung. Als damaliges Vorstandsmitglied erinnere ich mich gern an Vorstandssitzungen im Haus in der Sonnenstrasse oder in der Berliner Tucholsky-Bibliothek im Prenzlauer Berg oder in Walter Jens` Diensträumen in der Akademie in Moabit. Dort zeigte sich auch, dass Inge nicht nur passende Worte finden, sondern parallel dazu einen starken Kaffee brauen konnte. Wo auch immer: Inge Jens erwies sich als sachkundige, ausgleichende, vielseitige und einfühlsame Leiterin, die es verstand, die Vorstands- und Vereinsmitglieder einzubeziehen und ihre individuellen Fähigkeiten abzurufen. Besonders deutlich zeigte sich das bei der Vorbereitung und im Ablauf der von Renate Bökenkamp angeregten und von Inge Jens geleiteten Jahrestagung 2000 auf den Spuren Tucholskys in Triberg. Das Referat von Walter Jens in der örtlichen Kirche und den in die Konferenz eingebetteten gemeinsamen Spaziergang nach Nußbach, wo Kurt Tucholsky mit Freunden in der „Villa Fritsch“ einen Urlaub verbracht hatte, habe ich noch gut in Erinnerung.

Das Ehepaar Jens, das zweifellos zu den intellektuellen Spitzenehepaaren der Bundesrepublik gehörte, war wissenschaftlich vielseitig und sehr kulturbeflissen. Nachdem beide unser Tucholsky-Programm gehört und gesehen hatten, das wir jahrelang mit dem langjährigen DEFA- und anschließendem Babelsberger Filmorchester-Leiter Manfred Rosenberg präsentiert hatten, organisierten beide unseren Auftritt in einem Dorftheater in der Schwäbischen Alb, das aus einem ausgedienten Bauernhof entstanden war. Obwohl die Veranstaltung an einem Sonntagvormittag über die ehemaligen Scheunenbretter ging, war sie bis auf den letzten Platz ausgebucht. In den nachfolgenden Gesprächen waren die Theaterleute voller Anerkennung über die ideelle und materielle Unterstützung, die sie durch Inge und Walter Jens erfahren hatten.

Inge Jens musste noch in ihren letzten Lebensjahren einige Schicksalsschläge hinnehmen. Als Walters Kräfte durch die Demenzkrankheit dahinschwanden und der Wissenschaftler und Ehemann sichtbar verfiel, versuchte sie, die gemeinsamen Lesungen und Vorträge aufrecht zu halten, solange es noch möglich war. Wenn ihm sein Part nicht mehr einfiel, sprang sie in die Lücke und übernahm seinen Vortrag. Ihre „Unvollständigen Erinnerungen“, geschrieben im Alter von 82 Jahren, legen vom „langsamen Entschwinden seiner Kräfte“ ein erschütterndes, aber mutiges Zeugnis ab.

Und es blieb ihr auch nicht erspart, sich 2020 von ihrem Sohn Tilman verabschieden zu müssen. Aber auch in diesen schweren Jahren blieb sie, wie sie in einem Fernsehinterview betont hatte, ein „lebenszugewandter Mensch“, an den wir uns gern und mit Achtung erinnern wollen.

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[Pressemitteilung] Kurt Tucholsky-Preis für Mely Kiyak

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft vergibt 2021 den mit 5.000 € dotierten Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik an die Autorin Mely Kiyak.

© Jacqueline Illemann

Mely Kiyak erhält den Preis für ihr im Hanser Verlag erschienenes Werk Frausein und ihre Tätigkeit als Kolumnistin und Essayistin.

Mit Ausdauer, Klarheit und Mut schreibt Kiyak gegen Ungerechtigkeit an. Dabei nutzt sie die Sprache virtuos als Instrument, dessen Klaviatur zu spielen sie beherrscht wie nur wenige. Dass ihre Texte dabei eine Leichtigkeit ausstrahlen, die der deutschen Sprache selten zugetraut wird, unterstreicht ihr Können ganz besonders.

»Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.« schrieb Kurt Tucholsky im Jahr 1929 in der Weltbühne. Dieses Verdikt kann geradezu als Motto seines Lebenswerkes gelten, so sehr stand die Präzision der Sprache, die Genauigkeit des Ausdrucks als Grundvoraussetzung für die Wirksamkeit von Texten im Mittelpunkt seines vielfältigen Schaffens – ob als politischer Journalist, Theaterkritiker, Essayist oder Buchautor.

Mely Kiyaks Arbeiten korrespondieren mit ihrer sprachlichen Präzision, analytischen Schärfe sowie der inhaltlichen und stilistischen Bandbreite in bester Weise mit Tucholskys Werk, dessen Tradition zu bewahren Ziel des Kurt Tucholsky-Preises ist.

Die Begründung der Jury im Wortlaut:

»Mely Kiyak war schon politische Kolumnistin als der Kolumnismus in Deutschland noch mit Kommentarspalten verwechselt wurde. Seit 2008 prägt sie die diese Form und schreibt bis heute jede Woche für Zeit Online ihre Kolumne Deutschstunde. Daneben ist sie Theaterkolumnistin (Kiyaks Theater Kolumne / Maxim Gorki Theater), Essayistin, Buchautorin und Rednerin. Ihr Stil, ihre Qualität, ihre Vielfalt, ihre Schärfe und ihr Witz sind nicht nur unverwechselbar, sondern in Ausdauer, Klarheit, Ernsthaftigkeit, Mut, Einsatzbereitschaft und Klugheit unbestechlich.

Ihr Ausdruck ist mindestens so gefährlich wie die Zunge ihrer Oma, die Kiyak in ihrem Buch Frausein als ›Jagdbomber‹ bezeichnet.

Dabei haben Kiyaks Kolumnen mit tumbem Kriegsgerät wenig zu tun. Ihre Texte scheinen zwar auf den ersten Blick wie eine derbe Schenkelklopfernummer am Stammtisch gemeißelt zu sein, da sie – meistens – in einem Ton verfasst sind, der Lachen provoziert. Dabei sind ihre Bilder und Metaphern immer außergewöhnlich, nie Phrasen, immer überraschend. Doch hinter dieser Leichtigkeit steht hochwertige Präzisions- ja, man könnte auch sagen deutsche Wertarbeit. Die höchste Kunst des Autors, die Schwerstarbeit am Text, besteht darin, die Arbeit am Text unsichtbar zu machen. Kiyaks Texte sind so fein gearbeitet, dass man sie die Seidenstickerin unter den Kolumnisten nennen könnte.

Kiyak arbeitet so konsequent streng an ihren Texten wie sie sich konsequent gegen Diskriminierung, Unrecht und politische Unverantwortlichkeiten ausspricht. In ihrem Schreiben erkennt man kämpferische Eigenständigkeit, als Frau, als Kind von Einwanderern, als Kind von Arbeitern, als politische Stimme. Kiyaks Stimme ist eine, die nicht allen gefällt. Weil Kiyak nicht allen gefallen, sondern provozieren will, um der Beseitigung von Ungerechtigkeiten näher zu kommen.«

Die Preisvergabe findet als Höhepunkt und Abschluss der diesjährigen Jahrestagung »Zwei konträre Kurts kämpfen gegen den Krieg: Kurt Tucholsky und Kurt Hiller« der Kurt Tucholsky-Gesellschaft am 12.09. 2021 im Theater im Palais Berlin statt. Als Laudatoren werden die Kabarettisten Claus von Wagner und Max Uthoff sprechen.

Der Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft dankt der Jury aus Doris Akrap (Sprecherin), Zoë Beck (Sprecherin), Dr. Ulrich Janetzki, Prof. Dr. Stuart Parkes und Nikola Richter für ihre unermüdliche Arbeit.

Weitere Informationen:

Die Preisträgerin:

Mely Kiyak, geboren 1976, lebt in Berlin und veröffentlichte mehrere Bücher und Essays, Theaterstücke und andere Texte. Für Zeit Online schreibt sie die wöchentliche politische Kolumne „Kiyaks Deutschstunde“, für das Gorki Theater Berlin „Kiyaks Theater Kolumne“. 2011 wurde sie mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. 2020 erschien ihr neues Werk Frausein im Carl Hanser Verlag.

Der Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik:

Aus Anlass des 60. Todestages von Kurt Tucholsky wurde 1995 der Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik gestiftet. Alle zwei Jahre werden mit ihm engagierte deutschsprachige Publizisten oder Journalisten ausgezeichnet, die der »kleinen Form« wie Essay, Satire, Song, Groteske, Traktat oder Pamphlet verpflichtet sind und sich in ihren Texten konkret auf zeitgeschichtlich-politische Vorgänge beziehen. Ihre Texte sollen im Sinne Tucholskys der Realitätsprüfung dienen, Hintergründe aufdecken und dem Leser bei einer kritischen Urteilsfindung helfen.

Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch eine fünfköpfige Jury; das Preisgeld beträgt seit dem Jahr 2015 5.000 € (bis 2013: 3.000 €).

Die bisherigen Tucholsky-Preisträger sind: Die Journalistin Margarete Stokowski, der Journalist Sönke Iwersen, der Wissenschaftler und Publizist Jochanan Trilse-Finkelstein, der Journalist Mario Kaiser, der Journalist Deniz Yücel, der Journalist und Literaturkritiker Volker Weidermann, der Schriftsteller und Satiriker Lothar Kusche, der Journalist und Publizist Otto Köhler, der Journalist und Schriftsteller Erich Kuby, der Journalist Wolfgang Büscher, der Autor und Hochschullehrer Harry Pross, die Schriftstellerin und Journalistin Daniela Dahn, der Schriftsteller und Theologe Kurt Marti, der Journalist Heribert Prantl und der Liedermacher Konstantin Wecker.

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft:

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft wurde 1988 gegründet, um dem facettenreichen »Phänomen Tucholsky« nachzuspüren. Sie will als literarische Vereinigung die Beschäftigung mit Leben und Werk Kurt Tucholskys pflegen und fördern und hat ihren Sitz in Tucholskys Geburtsstadt Berlin. Als Publikationsorgan der Kurt Tucholsky-Gesellschaft erscheint dreimal im Jahr ein Rundbrief. Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft gibt zudem eine eigene Schriftenreihe heraus, in der vorrangig die Dokumentationen der von ihr organisierten wissenschaftlichen Tagungen erscheinen. Den jährlichen Höhepunkt der Vereinstätigkeit bilden Tagungen mit wissenschaftlichen Kolloquien, Vorträgen, Exkursionen und kulturellen Veranstaltungen. Aller zwei Jahre vergibt sie den Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik.

Die aktuelle Jahrestagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft findet vom 10. bis 12. September 2021 in Berlin zum Thema »Zwei konträre Kurts kämpfen gegen den Krieg: Kurt Tucholsky und Kurt Hiller« statt.

weitere Informationen:

»Frausein« bei Hanser: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/frausein/978-3-446-26746-6/

»Kiyaks Deutschstunde« auf Zeit Online: https://www.zeit.de/serie/kiyaks-deutschstunde

»Kiyaks Theater Kolumne« beim Gorki-Theater: https://www.gorki.de/de/mely-kiyaks-theater-kolumne

Kurt Tucholsky-Gesellschaft: https://tucholsky-gesellschaft.de

Theater im Palais: https://www.theater-im-palais.de/

Jahrestagung der KTG 2021: https://bit.ly/ktg-2021

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Nachruf für Professor Tilman Westphalen

Nicht lange, nachdem ich Zweiter Vorsitzender der KTG geworden war, bin ich bei einer Vorstandssitzung einem älteren Gast begegnet, der sich als Tilman Westphalen vorstellte und meinen Kollegen und Kolleginnen bekannt schien. Tilman fackelte nicht lange, sondern fragte, ob ich bei der bevorstehenden Tagung der Erich Maria Remarque-Gesellschaft, die er mitgegründet hatte und der er damals vorstand, einen Vortrag über Tucholsky als Kriegsgegner halten würde. Als Neuer in unserem Vorstand habe ich mich zunächst geziert: war der Herr sicher, dass ich, der relativ Unbekannte in der Runde, wirklich der Richtige sei? Vermutlich hatten Wolfgang Helfritsch und Bernd Brüntrup ihn vorher gut bearbeitet, denn er sagte sofort: Ja, mach das. Und wenn Du auch etwas über heutige Kriege erzählen willst, ist das auch erwünscht. Da ich wegen der Irak-Invasion, wo Tony Blair für den Tod von einer halben Million unschuldiger Menschen verantwortlich gewesen war – aus der Labour-Partei ausgetreten war und noch immer auf Blairs Prozess vor dem Haager Menschenrechtsgericht warte – konnte ich trotz anfänglicher Unsicherheit nicht nein sagen. 

Es folgte eine der interessantesten Tagungen, denen ich je beigewohnt hatte, mit Freunden wie Ernst-Adolf Flaskämper in der Remarque-Stadt Osnabrück. (Tagung im Zimeliensaal der Uni – noch immer weiss ich nicht, was eine Zimelie ist! – und Empfang im Rathaus. Tilman wusste wohl schon seit Jahren, wie Gäste zu behandeln waren.) Ein freundlicher, stets mehr fördernder als fordernder Gastgeber, der die Referent*innen ermutigte, egal ob sie über baskische Separatisten oder die angeblich grundgesetzwidrige Kriegsteilnahme durch die Bundeswehr erzählten: je kontroverser, desto mehr genoss Tilman das Gesagte. Wir haben uns nachher bei einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften in Weimar wiedergetroffen. Noch einmal war ich von seinen profunden literarischen und politischen Kenntnissen sowie seiner menschlichen Güte beeindruckt. Seither vielleicht bei der einer oder anderen KTG-Tagung. Hoffentlich habe ich sie auch nur halb so gut geleitet wie er damals in Osnabrück.

Tilmans riesige Verdienste um Remarque, die EMR-Gesellschaft und die “Friedensstadt Osnabrück” sollen andere beschreiben, die ihn besser kannten. Ich kann nur hinzufügen: auf Anrufe von dort habe ich mich immer gefreut. Seiner klaren, pazifistischen Haltung blieb er bis zuletzt treu. Wir haben in der KTG haben eines unserer besten und begabtesten Mitglieder am 25. April 2021 verloren. Jetzt frei nach Raabes Hungerpastor: Gib deine Waffen weiter, Tilman Westphalen!

Ian King, Vorsitzender der KTG-Gesellschaft

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So wäre es, wenn …

Frank-Burkhard Habel (nach Ignaz Wrobel)

Schlagzeile in ›BILD‹. Kommt die Impfpflicht? –

Wie wir erfahren, ist soeben im Bundesjustizministerium ein Referentenentwurf fertiggestellt worden, der sich mit der Einführung der Impfpflicht befasst.

Alle Morgenjournale. Die von einer Boulevardzeitung verbreitete Meldung von der Wiedereinführung der Impfpflicht ist falsch. Im Bundesjustizministerium haben allerdings Erwägungen geschwebt über eine gewisse, natürlich partielle und nur für ganz bestimmte wenige Einzelfälle zu verhängende Form körperlicher Eingriffe; doch haben sich diese Erwägungen zu einem Referentenentwurf, wie das betreffende Blatt behauptet, noch nicht verdichtet.

14 Stunden Pause

Die Nachtjournale. Die Impfpflicht ist da! – Der stechende Minister! – Würden Sie Ihre Kinder impfen, Herr Spahn? – Endlich eine kräftige Maßnahme! – Immer feste hinein! – Pfui! – Die Kanülenregierung! – Rückkehr zur Ordnung!

Sozialdemokratischer Leitartikel. … sich tatsächlich bewahrheitet. Wir finden keine parlamentarischen Ausdrücke, um unsrer flammenden Entrüstung über diese neue konservativ-diskriminierende Schandtat Ausdruck zu geben. Nicht genug damit, dass dieses Ministerium dem Volk die Steuerlast aufbürdet – nein, der rechtschaffene Arbeitnehmer soll nun auch noch, wie es im Feudalismus üblich war, mit Nadelstichen abgestraft werden. Die Bundestagsfraktion hat bereits schon jetzt zu verstehen gegeben, dass sie gegen diesen neuen Plan schärfsten Protest …

›Münchner Neueste Nachrichten‹. … wir sagen müssen: der erste vernünftige Gedanke, der aus Berlin kommt.

5 Stunden Pause

Anti-Impf-Demo. »Eine Schmach und eine Schande! Ich könnte es keinem der Gestochenen verdenken, wenn sie nachher hingingen und ihren Quälern ihrerseits in alle Körperteile … « (Ungeheure Aufregung vor der Bühne. Die Leute schreien, werfen Plakate in die Luft und winken mit Taschentüchern. Es werden 34 Portemonnaies geklaut. Es bilden sich Pfützen von Schweiß.)

tageszeitung: … natürlich absolute Gegner*innen der Impfpflicht sind und bleiben. Es ist allerdings bei der gegenwärtigen Konstellation zu erwägen, ob diese in der großen Politik doch immerhin nebensächliche Frage für die Bündnisgrünen ein Anlass sein kann, die unbedingte Unterstützung, die sie der gegenwärtigen Regierungskoalition zugesagt hat, abzublasen. Andrerseits …

Protestversammlung der Antifa. (Verboten.)

Telefonzelle im Bundestag. » … Halloo! Hallo, Saarbrücken? Allô, allô – Je cause, mais oui, mademoiselle – aber bitte! Ne coupez-pas! Ja, deutsch! Sind Sie da? Also … Zusatzantrag der Frau Sahra Wagenknecht beraten, haben Sie? dem zufolge der Oberarm der Impflinge vorher mit Nelken desinfiziert – – hallo! Saarbrücken … !«

E-Mails an den Bundespräsidenten. … flammenden Protest! Nordwestdeutsche Arbeitsgemeinschaft höherer Hausärzte. … Ansehen Deutschlands im Ausland. Verein der linksgerichteten ziemlich entschiedenen Piraten. …  aber auch die nationalen Belange der deutschen Wirtschaft nicht zu vergessen! Verband der medizinischen Rohr-Fabrikanten.

Überschrift eines sozialdemokratischen Leitartikels. »Jein –!«

Bundestagsbericht der Tagesschau. Heute wurde unter atemloser Spannung der Tribünen die 1. Lesung des neuen ›Gesetzes zur Einführung der vorbeugenden medizinischen Zwangsertüchtigung‹, wie sein amtlicher Titel lautet, durchberaten. Das Haus war bei der vorhergehenden Beratung der Schleusen-Gebühr-Reform für den Bezirk Havelland-Ost sehr gut gefüllt, weil diese Vorlage von allen Parteien als ein Angelpunkt für die drohende Belastung der jetzigen Koalition angesehen wird; ihre Annahme wurde rechts mit Händeklatschen, links mit Zischen begrüßt. Bei der Lesung des Ertüchtigungsgesetzes leerte sich das Haus langsam, aber zusehends. Als erster sprach als Gastredner der Senior der deutschen Immunulogie, Professor Dr. med. Dr. Dr. hon. Roland Heilmann. Er führte aus, dass die Wiedereinführung der Impfpflicht ihn mit schwerer Besorgnis erfülle, er aber andrerseits eine gewisse Befriedigung nicht zu unterdrücken vermocht habe. Sein alter Kollege Prof. Brinkmann habe ihm schon im Jahre 1984 gesagt …

Der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Mützenich verkündigte nach einer ausführlichen Ehrung des Gastredners Heilmann in außerordentlich glänzender und ironischer Rede das klare Nein seiner Partei. (Siehe jedoch weiter unten: ›Letzte Nachrichten‹.) Unter dem Beifall der SPD und Linken bewies Abgeordneter Mützenich …

Es sprach dann, nach entsprechenden Ausführungen des Linken Gysi, der es vorzieht, gegen Stachel zu löcken, für die Freien Demokraten der Abgeordnete Kubicki. Seine Partei, so führte er aus, stehe dem Gesetz sympathisch gegenüber. Allerdings hätten wir ja alle schon einmal als Kinder tief in der Nase gebohrt. (Stürmische, minutenlang anhaltende Heiterkeit.)

Sozialdemokratische Parteikorrespondenz…. Wasser auf die Mühle der Kommunisten. Der klassenbewußte Arbeiter ist eben so diszipliniert, dass er weiß, wann es Opfer zu bringen gilt. Hier ist eine solche Gelegenheit! Schweren Herzens hat sich der Parteivorstand dem Gebot der Stunde gebeugt. Es ist eben leichter, vom Schreibtisch her gute Ratschläge zu erteilen, als selber, in hartem realpolitischem Kampf, die Verantwortung …

Interview mit der Bundeskanzlerin. … dem Vertreter der ›World‹ fast feierlich zugesagt, dass natürlich die Ausführungsbestimmungen der Humanität voll Genüge tun werden. Es wird, wie regierungsseitlicherseits bestimmt zugesagt werden kann, dafür gesorgt werden …

8 Wochen Pause

Kleine Nachrichten. Gestern ist im Bundestag das Gesetz für die Einführung der körperlichen medizinischen Ertüchtigung mit den Stimmen der drei Rechtsparteien gegen die Stimmen der Linken angenommen worden. Sozialdemokraten, Bündnisgrüne und Freie Demokraten enthielten sich der Abstimmung.

Phoenix-Das ganze Bild. Gestern ist in Celle die erste Zwangs-Impfung vollstreckt worden. Es handelte sich um einen Arbeiter, Ernst A., der der versuchten Tierquälerei an jungen Maikäfern bezichtigt war. Dem Delinquenten wurden 3 Impfdosen verabfolgt. Das Personal arbeitete einwandfrei; Minister Spahn wohnte der Prozedur persönlich bei. A. ist Mitglied der KPD. 

8. März 2046. » … auf die arbeitsreiche Zeit von 25 Jahren zurückblicken. Wenn das Bundesertüchtigungsamt bis heute nur Erfolge gehabt hat, so dankt es das in erster Linie der vollen Unterstützung aller Bundesbehörden sowie dem Bundesverband der medizinischen Bundesertüchtigungsbeamten. Die bewährte Maßnahme ist heute nicht mehr wegzudenken. Sie ist eine politische Realität; ihre Einführung beruhte auf dem freien Willen des ganzen deutschen Volkes, dessen Vollstrecker wir sind. Das Gegebene, meine Herren, ist immer vernünftig, und niederreißen ist leichter als aufbauen. In hoc signo vinces! So dass wir also heute voller Stolz ausrufen können:

Das deutsche Volk und seine Impfpflicht – sie sind untrennbar und ohne einander nicht zu denken!

Das walte Gott!«

F.-B. Habel, seines Zeichens Zweiter Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, hat Ignaz Wrobels Satire „Was wäre, wenn …“ zur vorgeblichen Wiedereinführung der Prügelstrafe aus der Weltbühne 38/1927 aufgegriffen, und gibt sie weitgehend wörtlich mit aktuellen Anpassungen wieder. Er ist bereits erfolgreich geimpft und empfiehlt Gleiches allen, die diesen Blog besuchen. Die Glosse bezieht sich allein auf Politikbetrieb und Medienecho.

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Virus zweiten Grades (In Anlehnung an Tucholskys Spanische Krankheit?)

(von Phillip Helmke, KTG-Mitglied und studierter Literaturwissenschaftler. Er hat Tucholskys „Spanische Krankheit?“ von 1918 im Lichte der gegenwärtige Lage umgedichtet)

Was schleicht über alle globalisierten Schranken?
Welches Ding schleift die infizierten Gedanken
von der Werkbank bis zur Prominenz?
Es ist kaum zu sehen; wer nennts? Wer kennts?
Schmerzen nicht im Hals, sondern im Hirn –
Diagnose: Virus hinter der Stirn.

Denn wenn ichs genau betrachte
und hübsch auf alle Symptome achte,
bemerke ich es mit einem Mal:
nicht nur physisch geht viel viral.
Denn sehe ich das eigentliche Krankenkorps:
tritt ungeniert blanker Irrsinn hervor.

Ein großes Geplärr dummdreister Beschwerden,
Corona sei die größte Verschwörung auf Erden!
Der Aluhut, er sitzt adrett,
Die Fahnen würdevoll geschwenkt und kokett;
Schon mittags einen sitzen, die, wie in Anstalten
ihre weltverlassenen Psychosen entfalten.
Mit Sicherheit wird eines CoVid überdauern:
schleichender Wahnsinn hinter bürgerlichen Mauern.

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Ängstliche Augen in der Großstadt

Die Autorin und Vorleserin Ulla Wilberg zeigt mit wenigen Pinselstrichen, wie sich ein Klassiker auf die aktuelle Lage beziehen lässt.

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit den Corona-Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Erstaunlich ängstliche Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast´s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
Vorsichtig durch die Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Infizierter sein,
es kann ein Negativer sein,
es kann im Kampfe ein
Gesunder sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.

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Watt willste in Meenz; Rheinsberg iss och scheen.

Oh, hochverehrtes Publikum,

du bist doch nicht so dumm…

Wie das in einem Werk benannt,

Das dir natürlich wohl bekannt.

Kennst alle Tuchos Werke schon.

Er ist und bleibt dein großer Sohn.

Gab dir, Gesellschaft, seinen Namen,

Gibt jeder Tagung klugen Rahmen.

Du forschst mit Wissenschaft und Akribie,

das, was ein Durchschnitts-Leser nie-

mals hätt heraus gelesen:

des Mannes tief-komplexes Wesen.

Kann ich dich also noch begeistern

Mit Panters, Tigers wilden Geistern?

Mit Texten, die ich ausgewählt.

Knapp zwanzig war’n es – abgezählt.

Nun hab ich’s schnell zusamm’ jestrichen.

Aufgrund Corona abjewichen.

Vom alten Plan ist nüscht mehr dran.

Watt dich valleecht bejeistern kann.

Mein neuer Plan iss also der,

Een Kurz-Projramm vor dem Varzeer.

Die jroße Kost kannste vajessen,

Et jibt een Schnäpschen vor dem Essen.

Prost! Und nu’ jeht’s los! 

Oh, hochverehrtes Publikum…

Joe Faß zum Einstieg in sein Programm während der Tagung in Rheinsberg, 30.10.2020

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Zum Tod von Brigitte Rothert

Es gibt Menschen, denen man auch in sehr hohem Alter wünscht, sie könnten ewig leben, weil wir nicht auf sie verzichten wollen. Der Gedanke ist verständlich, aber egoistisch: Brigitte litt nach einem Sturz unter Demenz, lebte zuletzt im Heim, war Corona-krank. Trotzdem sage ich, der Tod ist zumindest für die Überlebenden keine Erlösung, sondern nur ein etwas brutaler Schlussstrich.

Brigitte war Kurt Tucholskys Großkusine und war darauf mit Recht stolz. Nach einer Veranstaltung, in der das Ehepaar Helfritsch das Lied “Fang nie was mit Verwandschaft an!” zum besten gegeben hatte, stürmte eine ältere Frau auf die beiden zu mit den Worten “Ich bin die Verwandschaft!” Bei einem Fernsehquiz des Typus “Wer bin ich?” trat sie als unser Namenspatron auf, ließ keine Gelegenheit aus, um die Bedeutung des illustren Verwandten herauszustreichen. Darüber schrieb sie gar das Buch ihres Lebens. Gut so.

Unser Ehrenmitglied Brigitte war, wie wohl die Meisten von uns, eine zwiespältige Natur. Auf der einen Seite eine liebenswürdige ältere Dame, die eine besondere, generationationenübergreifende Beziehung zur KT-Gesamtschule Minden pflegte und Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte regelmässig besuchte, solange es ihr gesundheitlich möglich war. Hier passt vielleicht die Anekdote, dass ich vor Jahren bei Brigitte gefrühstückt habe – nein, nicht übernachtet, wo denkt ihr denn hin, sie hat mich fürsorglich bei einer Nachbarin mit einer größeren Wohnung in der Sültstrasse untergebracht. Eine liebe Gastgeberin.

Aber ihr politisches Interesse sowie ihre Überzeugungen hielten sich bis ins hohe Alter ungebrochen. Ihren Spruch “Ich bin aus der PDS ausgetreten, die entschuldigen sich nur die ganze Zeit!” werde ich niemals vergessen. Konsequent, kein Wendehals – auch wenn ich als Sozialdemokrat anderer Meinung war, musste das respektiert werden. Wir haben sie respektiert.

Der Kreis schließt sich. Mir und Anderen hat Brigitte erzählt, wie die alliierte Bombardierung von Dresden, die ich noch immer als ein Kriegsverbrechen meiner Landsleute betrachte, ihr und ihrer Mutter das Leben gerettet hat.

Denn die verhängnisvollen Akten, durch die die beiden nach dem Osten geschickt werden sollten, gingen mit den Schuldigen und auch den vielen Unschuldigen in den Flammen auf. Vor einigen Jahren zog sie wieder in die alte Heimatstadt ein und freute sich darüber riesig. Jetzt ist sie im anderen Sinne heimgegangen.

Wir trauern um Brigitte. Und gleichzeitig feiern wir ihr Leben.

von Dr. Ian King, 1. Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft

Einen weiteren Nachruf hat unser 2. Vorsitzender Frank-Burkhard Habel für seine Kolumne im „Blättchen“ verfasst. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion folgt hier der Text:

Die Großkusine

Von F.-B. Habel

„Fang´ nie was mit Verwandtschaft an, dann bist du wirklich besser dran!“ Die heiteren Titelzeilen aus einem Chanson, das Kurt Tucholsky für eine Revue von Rudolf Nelson schrieb, nahm der Autor sehr ernst. Nur wenn es unumgänglich war, hielt er engen Kontakt zu seiner „Mischpoke“. Seiner Großkusine Brigitte Jährig hätte er noch im Bauch ihrer Mutter begegnen können, als er im Frühjahr 1928 ein letztes Mal zu einem Kuraufenthalt in Dresden auf dem Weißen Hirsch weilte. Aber er sah von einem Besuch ab. Die im Sommer geborene Brigitte lernte immerhin noch ihre Großtante Doris, Kurts Mutter, kennen und erst Jahrzehnte später ihre in die USA emigrierte Großkusine Ellen, Kurts Schwester.  

Als Brigitte anfangs unbeschwert aufwuchs, lernte sie bald, dass sie es schwerer haben würde als andere. Nach den Rassegesetzen der Nazis war sie ein „Mischling ersten Grades“, fiel unter die Einschränkungen für Juden. Der Vater hatte eine neue Familie gegründet, so dass von ihm kein Schutz ausging, im Gegenteil. Er war in NSDAP und SA, machte gegenüber Ämtern geltend, dass er für den „Judenstämmling“, also Brigitte, keinen hohen Unterhalt zahlen könne, weil das zum Nachteil seiner arischen Kinder aus zweiter Ehe wäre. Nur mit Freundeshilfe und falschen Angaben konnte sie eine Büroarbeit aufnehmen, war aber gezwungen, in den vierziger Jahren mit ihrer Mutter in einen „Judenhaus“ zu leben, in dem jüdische Dresdner Bürger beengt und drangsaliert beieinander wohnten. Nachbarn waren in diesem Haus u.a. das Ehepaar Klemperer, und mit Victor Klemperer, der Brigitte sehr schätzte, bestand die freundschaftliche Verbindung bis an dessen Lebensende.

Von Tucholsky wurde bei Jährigs nicht viel gesprochen, aber Brigitte bemerkte, dass ihre Mutter, wohin sie auch getrieben wurden, immer einige Tucholsky-Bände mit sich nahm. Sie verbrannten in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 beim großen Angriff der alliierten Bomber, der Dresden fast auslöschte. Für Anne-Marie Jährig, geb. Tucholski, war es ein großes Glück. Zwei Tage später sollte sie abtransportiert werden, aber die Unterlagen verschwanden im Chaos, so dass ihr das Bombardement das Leben rettete.

Nach dem Krieg konnte Brigitte eine Ausbildung zur Russischlehrerin machen, lehrte erst in Dresden, später als Brigitte Rothert in Berlin. Nach und nach machte sie sich mit dem Werk ihres berühmten Verwandten vertraut, schätzte nicht nur seinen Witz sondern auch seine antimilitärische und antifaschistische Haltung. Brigittes Mutter Anne-Marie hielt Briefkontakt mit Kurts Schwester Ellen, und Brigitte lernte sie dann bei einem Berlin-Besuch in den siebziger Jahren kennen. Nach Ellens Tod 1982 fand ein großer Koffer mit Büchern und anderen Devotionalien den Weg zu Brigitte Rothert. Wie sie sich monatelang bei den DDR-Behörden darum bemühen musste, dass ihr der Nachlass ausgehändigt wurde, schilderte sie in ihrem 2007 erschienenen Buch „Tucholskys Großkusine erinnert sich“, das sie unter dem Namen Brigitte Rothert-Tucholsky veröffentlichte. 

Da Kurt Tucholsky und seine Geschwister kinderlos geblieben waren, und viele Verwandte – darunter auch Tante Doris, Tucholskys Mutter – im Holocaust umkamen, war Brigitte Rothert jetzt die letzte Verwandte der Familie. Für sie war es nun zur Lebensaufgabe geworden, das Werk ihres Vorfahren weiter zu verbreiten. Sie trat in die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ein (die sie zum Ehrenmitglied ernannte), sprach im Fernsehen über ihren berühmten Verwandten, besuchte sein Grab in Schweden, hielt Kontakt mit Tucholsky-Bibliotheken und trat in Tucholsky-Schulen auf. Besonders eng wurde die Zusammenarbeit mit der Tucholsky-Gesamtschule in Minden/Westf. seit den neunziger Jahren. Sie arbeitete mit den Schülern und führte sie an Tucholskys Werk heran. Auf der Homepage der Schule ist Brigitte Rothert mit Rezitationen zu hören.

In den neunziger Jahren wandelte sich die Russisch- zur Deutschlehrerin, erteilte in der Oranienburger Straße russischen Auswanderern Deutschunterricht. Doch es zog sie in die Heimat. Mit über 80 zog sie wieder in Dresden in eine schöne Hochhauswohnung mit Blick über die Stadt bis zu den angrenzenden Gebirgen. Am Ende ihres Lebens blieb ihr die Covid-19-Infektion nicht erspart. Mit 92 Jahren starb Tucholskys letzte Verwandte im November in einem Pflegeheim in Radeburg. Ihre Erinnerungen werden weitergetragen.

Der Text entstand für die Ausgabe 25/2020 auf der Plattform das-blaettchen.de

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Einladung zur Jahrestagung 2020

Liebe Mitglieder und Freund*innen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft,

bald findet unsere nächste Tagung statt – mit Kabarett, Musik und spannenden Vorträgen und passenderweise all das im schönen Rheinsberg. Mit einem literarischen Besuch in dieser Stadt machte Kurt Tucholsky sich einst einen Namen.

Wir haben ausgezeichnete Gäste geladen und ein unterhaltsames Rahmenprogramm vorbereitet. Hauptthema wird die deutsche Kabarett- und Satirekultur im Wandel der Zeiten sein. 

Natürlich kann die Tagung Corona-bedingt nur unter Auflagen stattfinden. Wir sind da sehr vorsichtig und haben uns lange den Kopf zerbrochen. Zum Glück konnten wir mit den Betreibern der Musikbrennerei, Jane Zahn und Hans-Karsten Raecke, auf altbewährte Partner zurückgreifen, sodass für Mindestabstand usw. gesorgt ist.

Am wichtigsten ist erstmal, dass wir auf 30 Teilnehmer*innen begrenzen mussten. Meldet Euch also so bald wie möglich an! Es wird eine Warteliste geführt, Anmeldeschluss ist der 10. Oktober.

Das Anmeldeformular gibt es hier auf unserer Homepage unter Tagungen. Dort steht auch das nun vollständige Programm! 

Für Rückfragen zum Hygienekonzept, Übernachtungsmöglichkeiten in Rheinsberg oder zum Programm allgemein sind wir jederzeit per Email erreichbar (am besten an vorstand@tucholsky-gesellschaft.de).