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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Kurt-Tucholsky-Preis 2017: Ausschreibung

Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik
Ausschreibung für die Vergabe 2017

Bitte beachten Sie: Die Ausschreibungsfrist für die Vergabe 2017 ist abgelaufen.

Der Preis

Der in der Mitgliederversammlung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft in Grips­holm 1994 beschlossene Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik, wird von der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, mit Sitz in Berlin, verliehen und getragen. Der Preis wird im Zweijahresabstand verliehen.
Die Ehrung erfolgt für politisch engagierte und sprachlich prägnante Werke der literarischen Publizistik, die sich im Sinne des Namensgebers kreativ und kritisch mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen und Vorgängen auseinandersetzen und Realitäten hinter vorgeschobenen Fassaden erhellen sowie für nachhaltige künstlerische Interpretationen von Texten Tucholskys.
Der Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik kann für journalistische und literarische Werke verliehen werden, wobei ein besonderer Fokus auf die »kleinen Formen« gelegt werden soll.
Die Begutachtung soll sich auf bisher unveröffentlichte oder innerhalb der letzten fünf Jahre veröffentlichte Publikationen beziehen. Möglich ist auch die Auszeichnung eines Lebenswerkes.
Die Preissumme beträgt 5.000 €

Die Jury

Die Jury für die Vergabe des Preises im Jahr 2017 besteht aus:

  • Dr. Wolfgang Helfritsch (Sprecher der Jury)
  • Prof. Dr. Stuart Parkes
  • Marc Reichwein
  • Mechthild Schäper
  • Rainer Wieland

Die Jury wählt den Preisträger durch Stimmenmehrheit. Sie kann eine Preiszuerkennung aus inhaltlichen oder formalen Gründen ablehnen. Sie kann für nicht ausgezeichnete Vorschläge ehrende Würdigungen aussprechen.

Einreichung von Vorschlägen

Die Ausschreibungsfrist beginnt am 8. November 2016. Die Vorschläge sind bis zum 31. März 2017 an die Geschäftsstelle der KTG zu richten:

Kurt Tucholsky-Gesellschaft e.V.
Besselstraße 21/II
32427 Minden
Tel: 0049-(0)571-8375440
Fax 0049-(0)571-8375449
info@tucholsky-gesellschaft.de
Vorschlagsberechtigt für die Würdigung durch den Preis sind die Mitglieder der KTG, frühere Preisträger, ordentliche Mitglieder geistes- und sozialwissenschaftlicher Fachbereiche von Universitäten und Hochschulen, deutschsprachige Verlage und Bibliotheken sowie verantwortliche Redakteure journalistischer Medien.
Mitglieder der Jury sind nicht vorschlagsberechtigt. Eigenbewerbungen sind nicht zulässig.
Die vorgeschlagenen Arbeiten – in Betracht kommen Manuskripte, Bücher, Artikel, Internetbeiträge und audiovisuelle Beiträge – müssen in fünffacher Ausfertigung eingereicht werden, soweit die Einreichung auf analogen Datenträgern erfolgt. Beizulegen ist ein kurzer Lebenslauf des/der Vorgeschlagenen und eine kurze Begründung des Vorschlages. Die Einreichung kann auch digital erfolgen. In diesem Fall ist auf gängige Formate und Vervielfältigbarkeit zu achten.[1]
Die Arbeiten der Preisbewerber müssen in deutscher Sprache verfasst sein.
Die Entscheidung über den/die Preisträger/in erfolgt bis zum 15. September 2017.
Die Annahme des Preises verpflichtet den/die Preisträger/in zu einem öffentlichen Vortrag im Rahmen der Verleihungsfeierlichkeiten. Die KTG darf den Text des Vortrages honorarfrei veröffentlichen.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Links:
Der Ausschreibungstext zum Download [pdf]
Das Statut des Preises zum Download [pdf]
Die bisherigen Preisträger (1995-2015)
[1] Da die Beiträge allen Jury-Mitgliedern zugänglich gemacht werden müssen, sind insbesondere seltene Formate oder mit DRM geschützte Beiträge nicht zweckmäßig. In diesen Fällen kann die Jury um Neueinreichung in geeigneter Form bitten. Ist dies nicht erfolgreich, kann die Jury Beiträge ablehnen.

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik Pressemitteilung

[Pressemitteilung] Marc Reichwein in Jury berufen

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft beruft den Journalisten Marc Reichwein als Nachfolger für die viel zu früh verstorbene ehemalige Herausgeberin der Zeitschrift Der Literat Inka Bohl in die Jury des mit 5000 € dotierten Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik, der das nächste Mal im Jahr 2017 vergeben wird.

Marc Reichwein (Foto: Martin Lengemann / Die Welt)
Marc Reichwein
(Foto: Martin Lengemann / Die Welt)

Marc Reichwein, geboren 1975 in Konstanz, lebt in Leipzig und arbeitet in Berlin als Redakteur im Feuilleton der »Welt« und »Welt am Sonntag«.
Er studierte Germanistik, Italianistik und Journalistik in Leipzig, Zürich und Siena. Er ist Gründungsmitglied des Online-Feuilletons »Der Umblätterer«, das von 2005 bis 2015 jährlich die zehn besten Feuilletonartikel des Jahres kürte und 2010 für den Grimme Online Award nominiert war.
Zudem ist er Mitherausgeber des Fachportals literaturkritik.at, das sich mit der Geschichte und Gegenwart des Feuilletonjournalismus und insbesondere der Literaturkritik beschäftigt.
Herr Reichwein moderiert literarische Veranstaltungen und referiert auf wissenschaftlichen Tagungen. In seinen Essays beschäftigt er sich mit Themen wie Zeitungsjournalismus, Medienfiguren (gestern, heute, morgen) und dem Medienbetrieb.
Veröffentlichungen (Auswahl)
https://www.welt.de/autor/marc-reichwein/
https://www.uibk.ac.at/literaturkritik/archiv_index.html
http://www.umblaetterer.de/author/marcuccio/

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ist froh, mit Marc Reichwein einen engagierten und kompeteten Journalisten für die Arbeit in der Jury gewonnen zu haben.
Marc Reichwein wird damit bereits an der Vergabe des 2017 vergebenen nächsten Preises mitwirken. Die Ausschreibung für den Preis erfolgt nach der diesjährigen Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft in Szczecin.
Über den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik
Aus Anlass des 60. Todestages von Kurt Tucholsky wurde 1995 der Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik gestiftet. Alle zwei Jahre werden mit ihm engagierte deutschsprachige Publizisten oder Journalisten ausgezeichnet, die der »kleinen Form« wie Essay, Satire, Song, Groteske, Traktat oder Pamphlet verpflichtet sind und sich in ihren Texten konkret auf zeitgeschichtlich-politische Vorgänge beziehen.
Ihre Texte sollen im Sinne Tucholskys der Realitätsprüfung dienen, Hintergründe aufdecken und dem Leser bei einer kritischen Urteilsfindung helfen.
Die Auswahl der Preisträger erfolgt durch eine fünfköpfige Jury; das Preisgeld beträgt seit dem Jahr 2015 5.000 € (bis 2013: 3.000 €).
Die bisherigen Tucholsky-Preisträger sind: Der Heine-Forscher und Theaterkritiker Jochanan Trilse-Finkelstein, der Journalist Mario Kaiser, der Journalist Deniz Yücel, der Journalist und Literaturkritiker Volker Weidermann, der Schriftsteller und Satiriker Lothar Kusche, der Journalist und Publizist Otto Köhler, der Journalist und Schriftsteller Erich Kuby, der Journalist Wolfgang Büscher, der Autor und Hochschullehrer Harry Pross, die Schriftstellerin und Journalistin Daniela Dahn, Schweizer Schriftsteller Kurt Marti, der Journalist Heribert Prantl und der Liedermacher Konstantin Wecker.
Über die Kurt Tucholsky-Gesellschaft
Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft wurde 1988 gegründet, um dem facettenreichen »Phänomen Tucholsky« nachzuspüren. Sie will als literarische Vereinigung die Beschäftigung mit Leben und Werk Kurt Tucholskys pflegen und fördern und hat ihren Sitz in Tucholskys Geburtsstadt Berlin. Als Publikationsorgan der Kurt Tucholsky-Gesellschaft erscheint dreimal im Jahr ein Rundbrief. Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft gibt zudem eine eigene Schriftenreihe heraus, in der vorrangig die Dokumentationen der von ihr organisierten wissenschaftlichen Tagungen erscheinen.
Den jährlichen Höhepunkt der Vereinstätigkeit bilden Tagungen mit wissenschaftlichen Kolloquien, Vorträgen, Exkursionen und kulturellen Veranstaltungen. Aller zwei Jahre vergibt sie den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.
Die nächste Tagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft findet vom 28. bis 30. Oktober 2016 in Szczecin unter dem Thema »Tucholsky, Szczecin/Stettin, Polen und die Ostsee« statt. Das aktuelle Tagungsprogramm ist auf der Website einzusehen. Dort besteht auch die Möglichkeit, sich anzumelden.
Diese Pressemitteilung als pdf herunterladen.

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Allgemein Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Zum Tod von Inka Bohl

Die Jury für den Kurt-Tucholsky-Preis und die Kurt Tucholsky-Gesellschaft beklagen den Tod von Inka Bohl.
Inka Bohl war in der Literaturszene vor allem durch die Fachzeitschrift für Literatur und Kunst Der Literat bekannt, die als Organ des hessischen Landesverbandes Deutscher Schriftsteller seit 1958 herausgegeben und 1988 von Inka Bohl erworben wurde. Unter ihrer Verlagsleitung und Redaktion wurde Der Literat zu einem produktiven und streitbaren Fachblatt, in dem Literaten aus West und Ost – auch mit gegenteiligen Auffassungen – zu Wort kamen.  In den Jahren 2000 – 2008 wurde Der Literat in Berlin herausgegeben, im Jahre 2008 jedoch eingestellt.
In der Jury war Inka Bohl ein äußerst sachkundiges, einfühlsames und engagiertes Mitglied. Sie prüfte alle vorgebrachten Argumente und nahm sich die Zeit, sich auch mit solchen Editionen und Publikationen von Preiskandidaten zu beschäftigen, die nicht zur Preisbegründung vorgelegt wurden, und sie war aufgeschlossen für alle Hinweise, die der gründlichen Beurteilung der Arbeit und der Persönlichkeitsbewertung von Autoren dienen konnten.
Inka Bohl war ein stets zuverlässiges Jurymitglied. Ihre Freundlichkeit, ihre Aufgeschlossenheit und ihr Humor werden mir fehlen.

Wolfgang Helfritsch

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Kusche für immer – Zum Tod von Lothar Kusche

Lothar Kusches Glossen und Schnappschüsse erschienen häufig als Taschenbücher, und das war gut so. Sein erstes bb-Taschenbuch wurde 1960 unter dem Titel »Nanu, wer schießt denn da?« herausgegeben.
Es lohnte sich, seine lockeren Weisheiten in der Akten- oder Westentasche mit sich zu führen und im Tagesverlauf ab und zu einen verstohlenen Blick hineinzuwerfen. Darüber hinaus bürgten seine nüchternen Ideenspritzer und Schnapsideen auch im Eulenspiegel und in der Weltbühne für Originalität, egal, ob der Autor sich mit seinem eingetragenen Namen outete oder sich in seinen Mantel vornamens Felix  verzog. Nun ist der ehemalige dienstälteste DDR- und spätere bundesdeutsche Satiriker dahingegangen, und das tut weh, obgleich wir schon lange von seinem angeschlagenen Gesundheitszustand wussten. Er litt wohl selbst am meisten darunter, dass ihm das Schreiben nicht mehr wie gewollt von der Hand ging.
Lothar Kusche diente schon beim Eulenspiegel-Vorgänger Frischer Wind, schrieb für die Weltbühne und brachte nachfolgend die Ossietzky-Leser mit seinen  Beobachtungen und Texten zum Schmunzeln und Abnicken. Als Distel-Autor glossierte er Erscheinungen, die jeder kannte, für deren Dramatisierug aber manchem der Mut fehlte.
Ich erinnere mich an eine Szene, die ich in den 60er Jahren gesehen habe, als die Sowjetunion in ihrer Vorbild-und Beispielwirkung noch unantastbar war: Eine Delegation aus dem Brudervolk wird auf dem Flughafen Schönefeld (das werden Sie nicht mehr wissen, den gab es damals schon)  überschwenglich empfangen und ob ihrer Beispielleistungen auf allen Gebieten über den grünen Klee gelobhudelt. Im Hintergrund flattert die Losung »Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen!« über das Flughafen-Areal. Die Gastgeber überbieten sich mit Bewunderung, bis es dem Delegationsleiter zu viel wird.  »Wissen Sie, werter Genosse,« fragt er den Chef des Empfangskomiteés, »was Sie vor allem lernen sollten? Aufrichtigkeit!« Das war ein Tabu-Bruch.
Lothar Kusches Zugehörigkeit zur Tucholsky-Gesellschaft war logisch, und seine Ehrung mit dem Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2007 war mehr als verdient. Das traf für den Heinrich-Heine-Preis im Jahre 1960 auch schon zu, und vielleicht ist es fast symbolisch, dass sein Lebenswerk von Heine und Tucholsky als Namensgebern seiner Ehrungen geradezu eingerahmt wurde.
Er war ein verschmitzter, guter Beobachter. »Kollege P. hat seit gestern einen Pickel,« bemerkte er in einer Groteske. »Aber er ist sich noch nicht ganz sicher, ob dieser als Stoff für eine neue literarische Arbeit ausreichen wird.«
Wenn er im Cabinett oder anderswo um die Jahrtausendwende las, zuckte sein Spitzbart voller Mitfreude. Wenn er seine Glosse über die Herstellung der originalen märkischen Reiblinge vortrug, blieb kein Auge trocken.
Nun hat er sich selber in die Phalanx der unvergesslichen märkischen Reiblinge eingebracht.
Seine Ideen und unsere jährlichen Begegnungen zu Ossietzkys Geburtstag in der Ossietzky-Redaktion werden uns fehlen.
Lebend wäre er uns lieber, aber richtig totzukriegen ist Felix Kusche nicht.

Wolfgang Helfritsch

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Laudatio auf Jochanan Trilse-Finkelstein

Hoch zu ehrender Preiskandidat, sehr verehrte Frau Barbara Roca, werte Ehren-, Vorstands und Vereinsmitglieder, verehrte Gäste, werte wohlgesinnte Förderer des Preises, liebe Tagungsteilnehmer und Gesinnungsverwandte Kurt Tucholskys, liebe Freunde und Gäste aus allen Bundesländern, Regionen und Kontinenten!

Heute, am 18. November 2015, in einer politisch bewegten und besorgten Zeit, zwischen herabrieselnden Blättern in diversen Testfarben und im Nachgang zu Kurt Tucholskys fünfter Jahreszeit, ehren wir zum 13. Male in unserer Vereinsgeschichte eine Persönlichkeit mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

Entsprechend der Ausschreibung werden mit diesem Titel die Autoren engagierter und sprachlich prägnanter Werke und Veröffentlichungen ausgezeichnet, die sich erkennbar auf zeitgeschichtlich-historische Vorgänge beziehen, in der Tradition des Namensgebers für Verständigung, Toleranz und ein friedliches Miteinander der Menschen eintreten und die Realität hinter vorgeschobener Fassade erhellen. Möglich sind auch Würdigungen eines Lebenswerkes, und das, verehrte Anwesende, meine Damen und Herren, ist heute zum dritten Male in der Preisgeschichte der Fall.

In der Person Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelsteins verbinden sich auf individuelle, kaum vergleichbare Art Lebenswerk und Lebensweg, und die vollendete Beherrschung unterschiedlichster Facetten des literarischen Genres ist bei dem heute zu Ehrenden nicht mehr und nicht weniger als ein nahezu selbstverständliches Attribut, eine das Werk begleitende Beifügung.

Sein erstes Theaterlexikon, dessen federführender Herausgeber und Autor unser Preisträger – damals noch unter dem Namen Christoph Trilse – war und das 1977 beim Henschel-Verlag herauskam, begegnete mir als Pädagogen und Kleinkunstmenschen mehrfach. Persönlich bekam ich den Autor lange nicht zu Gesicht.

Das änderte sich 1994, als meine Frau und ich auf Veranlassung Brigitte Rotherts zum ersten Male an einer Jahrestagung unserer Gesellschaft teilnahmen, und die ereignete sich im Tucholsky-verklärten Schwedenschloss Gripsholm. Diese Konferenz war es übrigens auch, die den Preis beschloss, der uns heute im Palais neben der Zelterschen Singakademie im theaterumflairten Aktionsraum am Festungsgraben zu löblichem Zwecke zusammenführt.

Einer der damaligen Tagungsteilnehmer war der Professor, der sich durch seine würdige, achtunggebietende Erscheinung im und aus dem Forum besonders heraushob.

Der Klar- und Wahrheit halber betone ich, dass ich diese sachliche Feststellung keinesfalls als Affront gegenüber den anderen damals Anwesenden verstanden wissen möchte. Mit gleichem Nachdruck konstatiere ich, dass unser Preisträger auch heute noch, rund 20 Jahre später und in einem Lebensalter, das behördlicherseits mit dem Stempel »hochbetagt« gebrandmarkt wird, nichts an äußerer Ausstrahlung verloren hat.

Auf die innere Kompetenz werden wir sowieso gleich noch zu sprechen kommen.

Eine Persönlichkeit, deren zeitkonform erschienene 650seitige Hacks-Biographie sich des Dichterzitats Ich hoff‘, die Menschheit schafft es! als Buchtitel bedient, gibt sich zugleich selbst preis.

Jochanan Trilse-Finkelsteins Lebensverlauf ist wie kaum ein anderer von tragischen Zeitereignissen und -erlebnissen bestimmt und von seiner Zugehörigkeit zum Judentum und zur jüdischen Lebensweise geprägt. Sein Weg ist von unermesslichem persönlichen Leid gezeichnet, aber auch von seiner unerschütterlichen antifaschistischen Haltung, von nicht erlahmendem Friedenswillen und von Toleranz. Es ist mit dem »Prinzip Hoffnung« verwachsen, das sich in der Vorstellung Jochanans mit den Idealen des Sozialismus verband. Die damit verknüpften Verhaltensnormen sind in unseren Tagen nicht weniger gefordert als zur Lebenszeit Tucholskys und Ossietzkys.

Jochanan Trilse-Finkelstein verlor außer den Eltern alle Angehörigen durch die Shoah, kämpfte als Kindersoldat – der Vater war Chirurg, die Mutter Krankenschwester – in Jugoslawien gegen die deutschen Nazis und ihre Kollaborateure.

Seinen humanistischen Idealen blieb er trotz schmerzhafter körperlicher Erfahrungen auch in jüngerer Zeit treu. Derlei Erfahrungen waren es auch, die ihn dazu bewogen, seinen vollständigen jüdischen Namen wieder anzunehmen.

Geboren wurde er – fast auf den Ehrungstag genau – am 10. Oktober 1932 in Breslau in einem jüdischen sozialdemokratischen Elternhaus. Sein Vater stammte aus Polen, die Mutter kam aus Galizien.

Die Emigration führte die Familie über Wien nach Prag, von dort nach Triest, nach Shanghai und illegal wiederum nach Wien und von da in die von Josip Broz Tito geführte Volksbefreiungsarmee. Nach dem Inferno des II. Weltkrieges setzte sich der Lebensweg der Familie in Wien fort.

Lassen Sie mich, werte Teilnehmer der Würdigungsveranstaltung, die wichtigsten Daten und Fakten der Entwicklung unseres diesjährigen Preisträgers auflisten:

  • 1951 Matura am Theresianum in Wien

  • 1952 Lehre in der Forstwirtschaft

  • 1953-1956 Studium der Philosophie und der Theaterwissenschaften an der Rudolfina in Wien

  • 1957-1958 Fortsetzung des Studiums bei den Professoren Bloch, Mayer und Markov in Leipzig

  • 1959 Theaterdramaturg in Erfurt und Güstrow

  • in den 60er Jahren wissenschaftliche Tätigkeit an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten für klassische Literatur in Weimar mit besonderer Orientierung auf Heine

  • 1966-1971 Lektor und Lektoratsleiter bildende Künste im Henschel-Theaterverlag Berlin

  • 1971/72 Promotion

  • 1972/73 Redakteur der Weimarer Beiträge im Aufbau-Verlag

  • 1973 Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR

  • seit 1973 freier Autor, Publizist und Herausgeber

  • 1977 Habilitation in Greifswald

  • 1980 Titularprofessor

  • 1990 Mitbegründer des Jüdischen Kulturvereines in Berlin, dort

  • 1992-2003 Vorstandsmitglied.

Ich fühle mich dem Autor und zugleich Ihnen, meine Damen und Herren, verpflichtet, aus der Werkbiographie Jochanan Trilse-Finkelsteins folgende Titel auszuwählen.

  • Geschichte der deutschen Schauspielkunst Berlin 1967

  • Antike und Theater heute Berlin 1975

  • Erstes Theater-Lexikon Berlin 1977

  • Das Werk des Peter Hacks Berlin 1980

  • Lexikon Theater International Berlin 1995

  • Gelebter Widerspruch – Heinrich Heine, erschienen anlässlich seines 200. Geburtstages, Berlin 1997

  • Heinrich Heine und Kurt Tucholsky in Paris: Tradition gelebter Widersprüche, gleicher Gegner und nicht eingelöster Ideale Berlin 2010.

Diese Thematik war mehrfach Vortragsgegenstand des Autors in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in Berlin-Prenzlauer Berg und im Tucholsky-Literatur-Museum in Rheinsberg und veranlasste mich als damaligen Vereinsvorsitzenden, Jochanan Trilse-Finkelstein für einen Vortrag im Rahmen der 20-Jahres-Tagung unserer Gesellschaft in der Maison »Heinrich Heine« im Campus der Pariser Hochschulen zu gewinnen.

Einige Vereinsmitglieder werden sich sicher erinnern: Wir hörten einen anregenden, problemhaften Vortrag, der allerdings fast einen Eklat herbeiführte, da er eine spezifische Qualität des Referenten offenlegte: seinen flexiblen Umgang mit dem Zeitfonds.

Die damalige Versammlungsleitung wird sich der dadurch entstandenen Spannungssituation entsinnen, die ich lediglich der Vollständigkeit halber erwähne.

Wesentlich wichtiger erscheint mir der Hinweis auf die Quintessenz des Heine-Tucholsky-Bandes, die der Autor auf dem Cover dokumentiert.

Beide – Heine und Tucholsky – bekämpften als Europäer Deutschland, weil sie es liebten, und sie meinten das andere, das demokratische, friedliche, gerechte, tolerante, schöpferische – das des aufrechten Ganges, das Deutschland mit allen, nicht über alles und allen, das gute Deutschland von Anmut und Mühe, Leidenschaft und Verstand und Arbeit und Güte.

Aber sie kannten das alte und krankten daran – der Andere überlitt es, der Eine starb daran. Beider Deutschlands Flucht korrespondierte auch die Judenflucht – ein schwer entwirrbares circulus vitiosus.

Weitere 100 Jahre später – sagen wir, im Oktober 2015 – sei darauf Bezug genommen: in einer Zeit, die den Flüchtlingsstrom der Kriegs- und Nachkriegszeit übertrifft, in der mögliche Unterkünfte in unserem Heimatland vorsorglich brandsaniert werden, zugleich aber auch zahlreiche Helfer unterschiedlicher sozialer Beschaffenheit und konfessioneller Bindungen von ihnen nicht verursachtes und nicht zu verantwortendes Leid zu lindern suchen.

2010 erschienen unter dem Titel Jeder Tag ein Gedenktag Jochanan Trilse-Finkelsteins jüdische Lebens- und Gesellschaftsbilder, angeregt durch das Gedenken an den Todestag Walter Benjamins. Das Vorhaben wuchs weit über die ursprüngliche Absicht hinaus und wurde zu einer einmaligen Dokumentation.

Abgerundet wurde die Arbeit durch textkritische Beiträge über Gertrud Kolmar in der Anthologie Dichten wider die Unzeit.

In der von ihm mitbegründeten Reihe Internationale Dramatik gab unser Preisträger sieben Bände heraus, darunter die Stücke gegen den Faschismus.

Seine philosophischen, theaterwissenschaftlichen und biographischen Beiträge und Essays aufzulisten übersteigt bei weitem meine Kenntnis und den Rahmen einer Auszeichnungsveranstaltung.

Keinesfalls aussparen möchte ich jedoch die im Weltbühnen-Nachfolger Ossietzky von Jochanan Trilse-Finkelstein fortlaufend publizierten Stück- und Bühnenkritiken, die unser Autor unter dem gesundheitsfördernden Titel Berliner Theaterspaziergänge präsentiert.

Da die Jahre jedoch auch an einem leidenschaftlichen, altgedienten Segelsportler nicht spurlos vorbeijoggen, ist er dabei zunehmend auf die Zuhilfenahme von Taxis angewiesen.

Das vielleicht vertieft noch seine kritische Haltung, wenn er die Maßstäbe großer Theatermänner und Regisseure wie Piscator, Reinhardt und Langhoff oder seine eigenen Erwartungen zugrunde legt und aktuell feststellt, dass beispielsweise von den Intentionen des weisen Nathan in der gegenwärtigen Machart wenig verwertbare Impulse ausgehen. Das ist ein böses Manko, und das ausgerechnet im Geschehen unserer Tage.

Aber auf jeden Fall ist es ein Segen für die hauptstädtische Theaterlandschaft, dass es noch Kritiker à la Trilse-Finkelstein gibt.

Meine Damen und Herren, werte Gäste, Mitglieder und Tucholskyfreunde,

ich halte es für eine glückliche Fügung, dass das Erscheinen der Peter-Hacks-Biographie den diesjährigen Zugang wichtiger Neuerscheinungen auf der Frankfurter Buchmesse maßgeblich mitbestimmt.

Wer Hacks persönlich so gut kannte und ihm freundschaftlich so verbunden war wie Trilse-Finkelstein, ist nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, dessen Zukunftsvisionen aufzunehmen und sich mit ihnen zu infizieren und zu identifizieren, denn – ich zitiere Hacks –:

Der Künstler, der es wagt, viel und wichtige Wirklichkeit zu bewältigen, glaubt an die Humanisierbarkeit der Gesellschaft […] Ich hoff‘, die Menschheit schafft es!

Nun gehört es sich, verehrte Anwesende, eine abschließende Verbindung, eine möglichst überzeugende Gleichstimmigkeit zwischen Tucholsky und Trilse-Finkelstein, zwischen Kurt und Jochanan herzustellen.

Das versuch ich jetzt ganz profan.

Beide mochten bzw. lieben trockene Rotweine. Tucholskys Bedauern »Schade, dass man einen Rotwein nicht streicheln kann!«, hätte auch – ich kann das bezeugen – dem Kennermunde unseres Preisträgers entschlüpfen können.

Ich ziehe das Anstoßen gedanklich jetzt schon mal vor, gratuliere dem Preisträger sehr herzlich und danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind.

Dr. Wolfgang Helfritsch

Dr. Wolfgang Helfritsch war Lehrer, Schuldirektor und pädagogischer Wissenschaftler und arbeitete parallel dazu als Kabarettist, Texter und Gestalter literarisch-musikalischer Programme. Er textete für das Berliner Lehrerensemble, die Potsdamer Spottschule und das Stadtkabarett von Eisenhüttenstadt. Er leitete 18 Jahre lang das Zimmertheater Berlin-Karlshorst. Er ist regelmäßiger Autor des Weltbühnen-Nachfolgers ossietzky. Wolfgang Helfritsch gehörte von 1996-2009 dem Vorstand der Kurt Tucholsky-Gesellschaft an, vier Jahre davon als 1. Vorsitzender. Er ist Sprecher der Jury für den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik. Er erhielt 2012 die Bürgermedaille von Berlin-Lichtenberg und ist seit 2013 Ehrenmitglied der KTG.

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik 2015 an Jochanan Trilse-Finkelstein

Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft vergibt den in diesem Jahr erstmals mit 5.000€ dotierten Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik an den Philosophen, Literatur- und Theaterwissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten Prof. Dr. Jochanan Trilse-Finkelstein.
Damit erfahren sowohl sein Lebenswerk als auch sein unvergleichliches theaterwissenschaftliches und theaterhistorisches Wirken, seine biographischen Editionen, seine umfangreiche Herausgebertätigkeit und seine unermüdliche Präsenz als Theaterkritiker eine längst verdiente Würdigung.
Der Lebensweg des Preisträgers ist von seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Lebenswelt ebenso geprägt wie von der Erfahrung unermesslichen persönlichen Leids und einer unerschütterlichen Haltung, die von Friedenshoffnung und
Toleranz zeugt.
Zu seinen zahlreichen Publikationen gehören unter anderem eine umfassende Heine-Biographie, das Lexikon Theater International und zahlreiche Beiträge etwa zur Judaik, Theaterkritiken seit über 50 Jahren sowie eine Studie zu Heine und Tucholsky (»Heinrich Heine und Kurt Tucholsky in Paris«, 2010). Zur Buchmesse 2015 erscheint aus seiner Feder eine umfangreiche Biographie zu Peter Hacks im Leipziger Araki-Verlag unter dem Titel »Ich hoff, die Menschheit schafft es. Peter Hacks – Leben und Werk«.
Die Preisvergabe findet als Höhepunkt und Abschluss der Jahrestagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft am 18.10. 2015 im »Theater im Palais« Berlin statt.
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Dankesrede von Deniz Yücel

Meine Damen und Herren,
liebe Mitglieder der Kurt Tucholsky-Gesellschaft,
verehrte Jury,
wie Sie sich denken können, ist die Verleihung des Kurt-Tu­cholsky-Preises nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich. Ein großer Schritt raus der Schmuddelecke des Internets und rein in die Hall of Fame der deutschen Publizistik, wo mein Name nun dank Ihnen neben so verdienten Kollegen wie He­ribert Prantl, Wolfgang Büscher oder Erich Kuby stehen darf.
Ich habe mich informiert – ich kriege ja nicht alle Tage einen Preis verliehen, um genau zu sein: Der Kurt-Tucholsky-Preis ist der erste Preis, dessen man mich für würdig befunden hat. Ich habe mich also informiert – viele Journalistenkollegen würden sagen: ich habe recherchiert; ich halte es lieber mit der wahrheitsgemäßen Formulie­rung: ich habe im Internet nachgeschaut – dieser großartigen Erfin­dung, die Ratschläge für jede erdenkliche Lebenslage bietet: Was sage ich, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht? Was sage ich, wenn meine Frau davongelaufen ist? Oder eben: Was sage ich, wenn ich einen Preis bekomme?
Das Internet also rät: Dankbarkeit und Demut zeigen, gerne auch Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass es mich erwischt hat und nicht jemand anderen, der dieser Auszeichnung würdiger ge­wesen wäre. Nun, undankbar will ich nicht sein. Aber für Bescheiden­heit sehe ich auch keinen Grund. Im Gegenteil, ich finde, die Jury hat eine gute Wahl getroffen.

***

Die Jury hat deshalb eine gute Wahl getroffen, weil die Diskus­sion in der Leserschaft über meine WM-Kolumne »Vuvuzela« – und ebenso über die Folgereihe »Trikottausch«, die ich zur der Frauen-WM im Jahr 2011 geschrieben habe –, unmittelbar an Tucholsky an­knüpfte. »Satire darf alles«, meinten die einen; »Satire darf alles, aber…« meinten die anderen.
Wir können also festhalten: Tucholskys berühmtes Diktum ist – zumindest vordergründig – weithin akzeptiert. Natürlich gibt es Aus­nahmen, viele Muslime in aller Welt zum Beispiel, die sich in den vergangenen Jahren nur allzu oft als dauerbeleidigte Leberwürste prä­sentiert haben, damit aber nur demonstrierten, wie wenig sie auf Höhe der Zeit sind. Oder Renate Künast, die trotz des Höhenflugs ihrer Partei die Wahl in Berlin verloren hat, weil sie, im Gegensatz zu Klaus Wowereit, im Ruf stand, eine allzu humorfreie Gesellin zu sein. Wer aber heute als humorfrei gilt, rangiert damit in der öffentlichen Meinung vor Kinderschändern und AKW-Betreibern, aber noch nach den Rauchern und Pestizidessern.
Ob die katholische Kirche mit ihren Klagen gegen die Zeitschrift Titanic oder Kai Diekmann und Jürgen Klinsmann mit ihren Klagean­strengungen gegen meine Zeitung, die taz –die zumindest für dieses Land gültige Erfahrung der vergangenen Jahre lautet: Wer klagt, ver­liert. Oft vor Gericht, immer in der Gunst der Öffentlichkeit. Mehr noch: Wer gegen einen Spott vor Gericht zieht, setzt sich erst recht dem Spott aus.
Ironie, einst ein Mittel der Subversion und der Kritik an herr­schenden Verhältnissen, ist also zum Mittel dieser Verhältnisse ge­worden. Ob in der Politik oder in der Werbung, ohne Witz geht nichts mehr. Damit aber erfüllt die Ironisierung der Gesellschaft eine stabili­sierende Funktion. Wenn alles bis zur Ironie selbst ironisch gemeint ist, ist niemand mehr für irgendetwas verantwortlich. »Repressive Toleranz« hätte Herbert Marcuse gesagt.
Das heißt nicht, dass Satire heute nicht mehr subversiv wirken könne. Auch diese Gesellschaft besteht auf ihre Konventionen und Wahrheiten, die bei Lichte betrachtet ähnlich abstrus sind wie jene Wahrheiten, die vor 20, 30 Jahren beispielsweise von dort aus ver­kündet wurden, wo das erste Haus der Demokratie stand, nämlich im Büro der SED-Kreisleitung in der Friedrichstraße. Zwar verträgt diese Gesellschaft im Gegensatz zum SED-Staat Kritik. Aber ganz so auf­geklärt und ressentimentfrei, wie sie sich selbst wähnt, ist sie nicht. Man muss vielleicht nur genauer hingucken, um die ehernen Wahr­heiten zu erkennen und zu kritisieren. Und man muss vielleicht ebenso rasant wie geschmeidig mal zum Florett greifen und mal zur Streitaxt.
Ein Ausdruck der allgemeinen Ironisierung ist, dass die meisten Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Nachrichtensendungen im Fernsehen, oft genug an prominenter Stelle, mit Rubriken zur »Auflo­ckerung« daherkommen. Routiniert vorgetragene, aber harmlose Nachrichten aus dem Ressort Vermischtes oder kunstvoll formuliertes Feuilleton über der Welten Lauf, die den Leser (oder den Zuschauer) mit den Verhältnissen aussöhnen sollen, indem sie ihnen das Gefühl vermitteln, dass alles nicht so schlimm ist. Das Problem: Es ist aber schlimm.
Satire ist etwas anderes. Sie dient nicht der Unterhaltung, sondern der Kritik. Ihr Ziel ist nicht das Amüsement, sondern die Aufklärung. Einzig zu diesem Behufe bedient sie sich des Humors, weil der här­teste Schlag oft jener ist, der die Verhältnisse der Lächerlichkeit preisgibt. Lacht kaputt, was euch kaputt macht.
Dafür muss die Satire über die Grenze des Erträglichen hinausge­hen. Die bornierteste Affirmation, die gröbste Vergewaltigung der Sprache, das Bedienen niedrigster Dienste, die krasseste Übertrei­bung, der Bruch mit allen Konventionen, auch den selbst gesetzten, derb, böse, unkorrekt – es darf, es muss sogar wehtun. Und der sub­versiven Wirkung der Satire kann es nur nutzen, wenn sie nicht in die »Witzecke« verbannt ist; wenn also eine Restunsicherheit darüber bleibt, wie das alles nun gemeint ist.
Der Satiriker ist ein Kritiker, und als solcher muss er nicht, wie zuweilen gefordert wird, konstruktiv sein. Im Gegenteil, seine Auf­gabe ist die Subversion. Dafür darf er hämisch sein und er darf urtei­len, ohne Alternativen zu präsentieren. Nur eines muss der Satiriker bei alledem bleiben: glaubwürdig. Wenn, wie Tucholsky schreibt, der Satiriker ein gekränkter Idealist ist, der die Welt gut haben will und gegen das Schlechte anrennt, muss er seine Mitschuld daran eingeste­hen, dass die Dinge so schlecht sind wie sie sind.
Dieses Eingeständnis erfolgt natürlich nicht im Stil einer öffentli­chen Bußübung, sondern mit den Mitteln der Satire selbst. Der Satiri­ker nimmt also seine Branche, seinen Berufsstand, sein eigenes Blatt, sein eigenes politisches Milieu und natürlich sich selbst nicht von der Kritik aus. Schließlich neigen diejenigen, die davon überzeugt sind, für das Gute und Wahre (viel seltener auch für das Schöne) zu kämp­fen, in viel zu vielen Fällen zu Selbstgerechtigkeit und Denkfaulheit. Die Rede ist natürlich von jenem politischen Lager, dem ich mich fast seit meiner Kindheit zugehörig fühle: der Linken. »Wer links ist, hat mit den Linken ein Problem«, hat Stefan Ripplinger einmal nicht bloß im Hinblick auf die gleichnamige Partei geschrieben. Die Satire ist links, aber sie macht sich nicht gemein. Der Satiriker ist ein Moralist im Gewand eines Nihilisten. Er ist glaubwürdig, weil er sich selbst widerspricht. Er weiß es nicht besser, aber er weiß, was falsch ist.
Dafür steht der Satire heute ein neues Medium zur Verfügung: das Internet. Ich weiß nicht, was Tucholsky zum Internet gesagt hätte, aber ich glaube zu wissen, was Flaubert gesagt hätte. Auf die Frage, was er von der Eisenbahn halte, soll Flaubert nämlich geantwortet ha­ben: »Ich bin gegen die Einführung der Eisenbahn, weil sie nur noch Menschen erlaubt, zusammenkommen, um zusammen zu dumm zu sein.«
Nun könnte man diesen kulturkonservativen Skeptizismus mit dem Hinweis ergänzen, dass die Menschen durch Eisenbahn und In­ternet ja ebenso gut zusammenkommen können, um zusammen klug zu sein. So oder so aber ist das Internet ein Medium, in dem der Sati­riker Menschen findet, die ihm freiwillig und entgeltlich einen Teil seiner Arbeit abnehmen. Und mit etwas Glück und Können kann der Satiriker seinen Gegenstand dank des Internets nicht nur einen abs­trakten Kritik unterziehen, sondern auch, gewissermaßen am lebenden Objekt, den Beweis führen, dass es um die Dinge wirklich so bestellt ist, wie er es annimmt: nicht gut.
Hieran knüpft sich eine andere Frage an: Ist es eigentlich erfreu­lich oder erschreckend, wenn sich die Realität für so schlecht erweist, wie man als Kritiker angenommen hat? Darauf weiß ich keine Ant­wort.

***

Ich hatte eingangs gesagt, dass ich nicht undankbar sein möchte. Nun, da ich zum Ende komme, ist es höchste Zeit, diese Ankündigung wahrzumachen und einigen Menschen meinen ausdrücklichen Dank auszusprechen. Danken möchte ich zunächst meinen Eltern Ziya und Esma Yücel, die vieles gemacht haben; unter anderem mich zur Poli­tik, zur Literatur und zum Humor zu erziehen. Sobald ich hier von der Bühne trete, muss ich meinen Vater anrufen. Noch gestern sagte er zu mir: »Du hast mit deinen Kolumnen alle veräppelt; nicht, dass diese Leute dich jetzt veräppeln und nur so tun, als ob sie dir den Preis ge­ben wollten.« Ich bin mir nicht sicher, ob er das ernst gemeint hat. Aber: Papa, jetzt stehe ich schon auf der Bühne, dahinter kommen sie nicht mehr zurück. Hier ist der Scheck!
Ich danke ferner den Kolleginnen und Kollegen von der taz; je­nen, die mich in meinem Tun ermutigt haben und sich bereitwillig als »taz-Experten« zitieren ließen, und jenen, die mir zu verstehen gaben, dass sie mein Tun für weniger gut hielten.
Namentlich erwähnen möchte den geschätzten Dirk Knipphals, den Literaturredakteur der taz, der so freundlich war, mich für den Kurt-Tucholsky-Preis vorzuschlagen. Bereits der Vorschlag war eine Auszeichnung; wenn Sie das Feuilleton des taz kennen, werden Sie vielleicht wissen, dass der Publikumserfolg eines Films, einer Platte oder eines Romans noch lange kein Grund ist, in diesen heiligen Spalten besprochen zu werden.
Namentlich erwähnen möchte ich ferner meinem Kollegen Jan Feddersen, der viele freundlichen Worte für mich gefunden hat und dessen vornehmlichste Aufgabe als verantwortlicher Redakteur des WM-Teams darin bestand, alle externe und interne Kritik an meiner Kolumne ebenso freundlich wie bestimmt abzuwimmeln.
Erwähnen möchte ich ferner meinem Kollegen Matthias Urbach, den Verantwortlichen von taz.de, dazu bereit war, alle unumstößlichen Prinzipien von taz.de zugunsten dieses sozialen Experiments umzu­stoßen.
Erwähnen möchte ich den Kollegen Carl Ziegner, der die Texte auf taz.de produziert hat, oft genug nach Abpfiff der Spiele, also zur nachtschlafenden Zeit. Carl war stets mein erster Leser, und wenn er mir am Telefon lachte oder per Mail seine Lieblingsstelle vortrug, wusste ich: So schlecht kann’s nicht sein.
Erwähnen möchte ich schließlich Frauke Böger, die nicht nur meine liebste Kollegin ist, sondern auch sonst meine Herzallerliebste und die dieselbe Aufgabe bei meiner Kolumne »Trikottausch« über­nommen hat. Sie ist auch diejenige, die eine ganze Reihe von Fragen, die taz-Lesern immer wieder gestellt haben, mit ein und demselben Satz beantworten kann: Liest die Texte von Yücel eigentlich niemand gegen? Doch, ich! Kann überhaupt jemand in der taz-Redaktion den Yücel leiden? Doch, ich! Den Yücel will bestimmt keine haben! Doch, ich! Dafür liebste Frauke, Danke!
Danken möchte natürlich meinen Leserinnen und Lesern, die – aus freien Stücken zum Gesamtwerk Vuvuzela beigetragen haben. »Die Satire ist immer erst nach dem letzten Kommentar zu Ende«, hat ein kluger Leser mal eine Vuvuzela-Folge kommentiert. Besser kann ich es nicht sagen.
Ganz besonders danke ich natürlich der Kurt Tucholsky-Gesell­schaft und der Jury, dass sie mich des Kurt Tucholsky-Preises für würdig befunden hat. Als der eben erwähnte Kollege Dirk Knipphals mich fragte, was ich davon halten würde, wenn er mich für den Kurt-Tucholsky vorschlüge, war meine Antwort ungefähr: »Man muss vielleicht einen an der Waffel haben, um solches Zeug zu schreiben. Erst recht muss man einen an der Waffel haben, um dieses Zeug derart prominent und ohne den Hinweis ›Vorsicht: Satire‹ zu veröffentli­chen. Ganz gehörig einen an der Waffel muss man aber haben, um für dieses Zeug einen Preis zu spendieren.« Dafür, dass Sie einen an der Waffel haben, möchte Ihnen meinen Dank und meinen Respekt be­kunden.
Und last but not least danke ich Ihnen allen, dass Sie an diesem sonnigen Sonntagvormittag die Zeit gefunden haben, um mit mir zu feiern. Dafür meinen aufrichtigen, herzlichen Dank! Sağolun, varolun!

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Ein Lob dem Ätzenden – Laudatio auf Deniz Yücel

Laudatio auf Deniz Yücel, Träger des Kurt-Tucholsky-Preises 2011, gehalten am 22. Oktober 2011 im Berliner Haus der De­mokratie
Dieser Mann, das möchte ich Ihnen erzählen, ist so freundlich. Von ab­solut umgänglicher Art, er beherrscht die Umgangsformen, die man als angemessen, ja bürgerlich bezeichnet. Obwohl, und das trifft die­sen Menschen umso besser, in Wahrheit, neuen Forschungen zufolge, der zivilisatorische Habitus in Takt und Ton recht eigentlich dem proletarischen Teil aller Gemeinwesen zugerechnet werden muss: Wo es klamm ist und umständehalber materiell dauernd knarzt, ist es we­nigstens vonnöten, miteinander nicht raubauzig umzugehen; wo es ohnehin nach der Decke zu strecken gilt, muss man sich in puncto Manieren nicht auch noch auf die Nerven gehen.
Damit komme ich, sozusagen, ganz zwanglos auf Deniz Yücel zu sprechen, der mein Kollege ist, und zwar ein von mir überaus ge­schätzter, denn er bekommt von Ihnen dieses Jahr den Kurt-Tu­cholsky-Preis für seine Kolumne namens »Vuvuzela«, die voriges Jahr angelegentlich der Fußballweltmeisterschaft der Männer in Südafrika beinahe täglich in der taz, in der papiernen wie der elektronischen Ausgabe, erschien. Und das ging auch mich was an, denn das Sonder­projekt unserer Zeitung zu diesem weltgrößten Sportereignis wurde von mir geleitet – und Deniz Yücel war ein Teil unseres Teams.
Okay, Kollege Yücel kann auch zur Last fallen. Ich fand übri­gens: auch mir. Mehr aber anderen Kollegen, denn die Allüren einer, lassen Sie es mich so sagen, Diva mit menschlichem Antlitz, sind die­sem Manne ja nicht fremd. Mir fallen zu dieser seiner Aura so viele Anekdoten ein – etwa auch die, dass er sehr mächtigen Wert darauf legt, nicht als Spross einer migrantischen Familie zu gelten, nein, er lässt sich nicht so leicht türkisieren, sondern als Kind eines Kommu­nisten, den es ins Hessische verschlagen hat. Hören Sie Deniz Yücel mal anderthalb Minuten zu – man hört aus ihm Äppelwoi und grüne Soße heraus.
Aber, Spaß und Ernst beiseite: Diese Kolumne namens »Vuvu­zela« war in meinen Augen – und ist es noch! – ein Juwel zeitgenössi­scher deutscher Kolumnistik. Von Satire oder Comedy möchte ich in diesem Zusammenhang lieber schweigen: Denn das Denken und Schreiben meines Kollegen lebt, anders als die Autoren von Zeit­schriften wie »Eulenspiegel« oder vor allem »Titanic« nicht vom Lus­tigmachen über ander Leute, von Bildungsdünkel und lippenkräuseln­der Mokanz über die Zumutungen und Anmaßungen anderer Men­schen, gern solcher, die sich nicht mit gleichen, sprachlichen Mitteln wehren können. Und Deniz Yücel passte mit seinen sprachlichen Vermögen umso schärfer zu den anderen – als einer, der es besser und, jawoll, ätzender kann.
Lebt beispielsweise der Humor der taz-Satireseite »Wahrheit« überwiegend von dem Muster: »Helmut Kohl hat Käsefüße« … wor­aufhin das Publikum, auch unser alternatives gesinntes, lacht, so muss dem Kollegen Yücel das begnadete Verdienst zuerkannt werden, dass er nur und exklusiv und ausschließlich Großmäuler, Lautsprecher, Se­xisten, Hasenpfötchen und Feiglinge zu geißeln weiß. Humor auf Kosten Schwacher? Nicht mit ihm. Die »Vuvuzela«, wie auch seine sehr ähnlich gestrickte Kolumne zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen, die er »Trikottausch« nannte, lebten vom Spott über das, was zu grell war, zu übertrieben, zu national aufgeheizt und zu unsauber. Sein Vorbild, falls man das so sagen darf, könnte der »Bild-Zeitungs­kolumnist« F.J. Wagner sein – in Wahrheit ist dieser nur ein Kopist dessen, was Yücel schriftlich zu umreißen vermag. Anders als mein Kollege scheut Wagner nicht vor Mitteln der Hetze, der missbräuchli­chen Art und des Schmunzelns auf Kosten Schwächerer zurück. Dass er das GroßeGanze im Nationalen rechtsgedreht denkt, ist ohnehin die Sache: Aber das soll nicht kritisch gemeint sein – konservativ zu den­ken ist ja nicht strafbar.
Yücel jedenfalls wirkt mit seinen Texten subversiv, er provoziert mit ihnen heftig böse Reaktionen, er missachtet die Gebote jener Menschen, die man die politisch Korrekten nennen könnte – er bringt sie schmallippig-giftelnd zum Schäumen – und das muss man gut fin­den, denn andere Leidenschaften haben diese Menschen nicht.
Yücel, wenigstens dies auch noch, ist aber passioniert an und für sich. Nichts im Leben ist ihm einerlei, deshalb möchte ich ihn auch nicht einen Freund stumm qualmender Gemütlichkeit nennen – weder solche linker Provenienz noch die von rechts. Ihr Preisträger ist ein würdiger, denn er schludert gegen die Gedankenlosigkeit von Alliier­ten und kameraderiehafte Aspirationen von Gutmeinenden. In Wahr­heit ist Deniz Yücel ist guter Mensch – er muss ein Freund sein von allen, die es nicht bequem haben möchten, schauen sie sich wach und lustvoll die Welt an.
Herzlichen Glückwunsch diesem Preisträger!
 JAN FEDDERSEN, Redakteur für besondere Aufgaben bei der taz, Pub­lizist und Buchautor in mannigfaltiger Weise, Liebhaber von Tucholsky-Filmen wie »Schloss Gripsholm« und ansonsten kein Freund allzu destruk­tiver Kritik an der Weimarer Republik. Er ist bekennender Verfassungspat­riot.

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Dankesrede zur Verleihung des Tucholsky-Preises von Lothar Kusche

Sehr geehrte Damen und Herren, geehrter diensthabender Vertreter der Feuerwehr,
auch ich begrüße Sie der Tageszeit entsprechend mit einem herzlichen (…) „Mahlzeit” allerseits!
Der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft, die Otto Köhler und mich in diesem Jahr mit dem Tucholsky-Preis bedacht und gewissermaßen noch aufgewertet hat, danke ich herzlich.
Da kann ich für meine Person nur sagen: Zuviel der Ehre. Klingt ziemlich kokett (und das ist es auch).
Und vor der wunderbaren Gisela May mache ich einen großen Kratzfuß für ihre Laudatio. Ich bin in meinem relativ langem Leben schon oft herabgewürdigt worden, besonders von Mathematiklehrern und Kulturkritikern. Niemals aber hat mich jemand dermaßen hinaufgewürdigt. Statt eines Gänseblümchens ein Lorbeerkranz! Die Lorbeerblätter lasse ich mir nun – um ein poetisches Bild zu benutzen – genießerisch auf der Zunge zergehen.
Gelegentlich wurde ich befragt, wann und wie ich denn eigentlich Tucholskys Persönlichkeit, seine Bedeutung, seine Sendung kennen gelernt und wann ich zum ersten Mal was von ihm gelesen habe. Das ist schwer zu beantworten. Soweit ich mich erinnere, existierte Tucho schon immer in meinem Hinterkopf. Und obwohl ich manchmal nicht genau weiß, wo bestimmte Sachen in meinen stilvoll unaufgeräumten Bücherregalen stehen, hatte ich seine Bände immer griffbereit, erstens, weil ich oft darin nachschlage oder durch ausführlichere Lektüre Rat und Trost suche. Und meistens auch finde. Und zweitens sehe ich oft nach, ob mir ein Tucholsky-Band geklaut worden ist. So was passiert dann und wann. Da sieht man doch, sagen wohlmeinende Freunde, wie wertvoll diese Bücher sind. Sie meinen: waren. Bücher, die nicht mehr da sind, waren allenfalls wertvoll. Wladimir Kaminer ist mir noch nie entwendet worden.
Natürlich konnte ich Kurt Tucholsky nicht mehr in persona kennen lernen. Wie schade! Filmaufnahmen oder Schallplatten sind mir nicht bekannt. Mir begegneten Menschen aus seinem Leben: Mary Gerold-Tucholsky, Ernst Rowohlt, Ernst Busch und Hanns Eisler, Rudolf Arnheim und Kate Kühl. Und ohne solche intelligenten und gründlichen Lektoren und Editoren wie Erich Kästner, Fritz J. Raddatz, Roland Links, Walther Victor und viele andere wäre meine Generation nie so intensiv mit seinem Werk vertraut geworden. Ein besonderes Erlebnis war das legendäre Tucholsky-Programm auf dieser Bühne hier – lange her, aber unvergesslich für viele Leute: Gisela May, Ernst Busch, Horst Drinda, der Komponist und Pianist Peter Fischer – als Ansager Karl Kleinschmidt, seines Zeichens Domprediger zu Schwerin. Kleinschmidt hat auch eine kleine, etwas flüchtige, aber lustige Bildbiographie des Mannes mit den 5 PS herausgegeben. Einer der großen Darsteller des letzten Jahrhunderts (nämlich ich) sollte mal in einem Film als Kurt Tucholsky auftreten. Soweit kam es nicht. Der Regisseur wollte mich nicht haben. Ich war ihm etwas zu dick für diese Zwei-Minuten-Szene, in der K. T. irgendwo hinten vorbeigeht. Auch missfiel ihm mein leicht berlinischer Tonfall. Er hatte sich seinen Helden anders vorgestellt und besetzte die Rolle mit einem Charakterdarsteller aus Erfurt. Vergessene Anekdote!
Eine Freundin fragte mich: Wer war oder ist eigentlich größer – Tucholsky oder du? Ich konnte nur antworten: Größer ist allemal Goethe.
Wie aber klang die Stimme des Schloß-Gripsholm-Dichters?

… Das gehauchte Berlinisch, in dem die Stimme Ruhepausen braucht, die von ‚nich‘ gebildet werden… Ein ganz einheitlicher Mensch von einundzwanzig Jahren (…) Will Verteidiger werden, sieht nur wenige Hindernisse – gleichzeitig mit der Möglichkeit ihrer Beseitigung… Zweifel an der eignen Fähigkeit zur Pose, die er sich aber von größerer Welterfahrung erhofft – endlich Angst vor einer Verwandlung ins Weltschmerzliche, wie er es an älteren Berliner Juden seiner Richtung bemerkt hat, allerdings spürt er vorläufig gar nichts davon… Er wird bald heiraten.
(Aus Franz Kafkas Tagebuch, 1911)

Neben dem gehauchten Berlinisch, das Kafka bei Tucholsky wahrnahm, schrieb und sprach der von uns schon als Schülern bewunderte Mann auch ein bestimmtes und sehr klares Deutsch wie in diesem Peter-Panter-”Schnipsel” (Weltbühne, Dezember 1930):

Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg … das ist eine der dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht unvollkommenen Institution und für sie geführt wird.

Das muß laut gesagt werden, damit es auch gehört wird. Freunde und ich lasen Mitte der vierziger Jahre, um dem Krieg unseren Krieg zu erklären, in Berliner Klubs, Schulen und anderswo einschlägige Texte von Wolfgang Borchert und natürlich auch von Tucho vor.
In jenen Tagen hatten wir Kontakt zu Heinz Kraschutzki, einem Mann ganz nach unserem Geschmack. Kraschutzki, geboren 1891 in Danzig, Kapitänleutnant a.D., 1932 nach Spanien emigriert, wo er bald ausgebürgert und inhaftiert wurde (…). Uns gefiel er als verdienstvoller Organisator der Internationale der Kriegsdienstgegner. Ihm verdankte ich die Möglichkeit, einmal in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee Borchert und Tucholsky zu rezitieren. Die Insassen des wenig gastlichen Hauses begrüßten meinen Besuch, weil sie endlich mal aus ihren Zellen heraus in einen Vortragsraum geführt wurden. Ich schwitzte sehr. Bekanntlich ist es viel einfacher, in einen Knast reinzukommen als wieder aus ihm rauszukommen. Draußen wartete aufgeregt meine Begleiterin. Nun war ich wieder da . (Vielleicht hatte sie mit dem Gedanken gespielt, man würde mich für längere Zeit in der JVA festhalten? Das weiß ich heute nicht mehr so genau.)
Ungefähr 43 Jahre war ich Bühnenarbeiter, und zwar bei der „Weltbühne”, die im so genannten 1000-jährigen Reich nur in Exil-Ausgaben erscheinen konnte und 1946 von der Witwe Carl von Ossietzkys, Maud von Ossietzky, und Hans Leonard neu herausgegeben wurde. Ich hatte Sympathien für die Zeitschrift; für mich war sie ja Tuchos Blatt. 1951 erschien dort meine erste Glosse, und ich blieb ein treuer Mitarbeiter mit Marginalien, Kommentaren, Kritiken, Satiren, vertrug mich ziemlich gut mit den Redakteuren Hans Leonard, Ursula Madrasch, Hermann Budzislawski, Peter Theek – bis ein neuer Gesellschafter, Immobilienhändler aus Frankfurt am Main, die mittlerweile lauwarme „Weltbühne” fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. Wie viele Journalisten konnte ich mir das Schreiben nicht plötzlich abgewöhnen.
Als Eckart Spoo vor zehn Jahren ein „Weltbühnen”-Nachfolge-Blatt namens „Ossietzky” ins Leben rief, holte er mich dazu. Im Kreis solcher Kollegen wie Ulla Jelpke, Daniela Dahn, Susanna Böhme-Kuby, Otto Köhler, Matthias Biskupek, Gerhard Zwerenz, Thomas Kuczynski und so weiter fühlt man sich wohl. Ich hatte nebenher ungefähr 40 Bücher und Bücherchen veröffentlicht. Die sind alle vergriffen.
Mit Kurt Tucholsky gabs mal ein kleines Problem. Keine Frage, dass ich ein Verehrer von Kurt Tucholsky war und bin (…). Die Umbenennung der alten Berliner Artilleriestraße in Tucholskystraße erfüllt mich noch heute mit Freude (…). Als noch jungem Menschen war mir die Ehre zuteil geworden, im VEB Kühlautomat zu Berlin-Johannisthal einen Vortrag über die „Weltbühne” im allgemeinen und Tucholsky im besonderen zu halten (…). Vorm Eingang zum Klubraum wurde ich von einigen netten jungen Männern (damals war ich auch noch so eine Art junger Mann) mit freundlichen Zurufen empfangen: „Imma mit die Ruhe, Kleena, jetzt brauchste noch nich rinjehn. Tanz fängt erstens frühestens inne Stunde an. Vorher hält erst noch eena ne Rede, na bitte, wennet sein sehnlichsta Wunsch is – aber ohne uns, wah!”
So was braucht jeder Referent zur seelischen Einstimmung. Das Furchtbare ereignete sich erst in der nachfolgenden Diskussion. Nach meinem profunden Vortrag über Tucholsky fragte einer dieser grauhaarigen Typen, die auf allen Versammlungen hauptsächlich deshalb anwesend sind, um die Referenten auf diesem Weg zur Hölle genügend zu beheizen: „Na schön, junger Mann, aber wie war das denn nun mit Theodor Tagger? Sie haben hier alle möglichen oder unmöglichen Tucholsky-Pseudonyme bemüht, sind aber nie auf Theodor Tagger gekommen.” Ich versuchte ohne nennenswerten Erfolg diesen Mann davon zu überzeugen, dass Theodor Tagger der wirkliche Name des erfolgreichen Theaterleiters und -autors Ferdinand Bruckner (1891–1958) gewesen sei. Der Bursche glaubte mir kein Wort. Oder er tat so. Wir debattierten zwanzig Minuten lang erfolglos. Und das war meine erste Tucholsky-Produktion. In seinem fernen Grab möge Tucho auch dies seinem Nachahmer verzeihen.
Mit meinen vielen Erinnerungen an ungezählte große (und kleine) Theater-Größen, die mich seit mehr als fünfzig Jahren – mit Unterbrechungen und Pausen (versteht sich) bezauberten, möchte ich das geduldige Publikum höflicherweise verschonen. Auf dieser Bühne, die für mich natürlich nicht nur aus ein paar Brettern besteht, sondern aus jenen speziellen Spundbrettern, welche die Welt bedeuten, saß ich auch mal mit meinem Freund Hans Bunge – da vorne noch vor dem eisernen Vorhang (aus Sicherheitsgründen? Keine Ahnung), als wir etwas über den schwierigen Umgang mit dem schwierigen Ernst Busch in einem Matinee-Gespräch zu erklären versuchten. Der Regisseur, Autor und Dokumentarist Bunge betreute damals auch ein nicht mehr existierendes kleines Theater mit 99 Sitzplätzen – die Kleine Komödie, befindlich unter den Kammerspielen. Ein hübscher und behaglicher Raum war das.
Bunge arrangierte dort neben vielen andren Sachen auch die Vorstellung einer damals neu erschienenen Märchensammlung Die Rettung des Saragossameers. Unter den sehr vielen Märchentanten und –onkels war auch ich mit einem auffallend kurzen Text. Der lautete so: Minutenmärchen Nr. 3. Es war einmal ein richtiger alter Deutscher, der hatte einen Fehler gemacht. Und nun will ich euch erzählen, liebe Kinder, was er danach tat: Er ghab den fehler zu. Peng, aus.
Der Einfachheit halber kriegte jeder von uns das gleiche Honorar. 150 Mark, glaube ich. Na immerhin.
Ein anderer meiner DT-Freunde, der Germanist, Schauspieler und Regisseur Ernst Kahler, Augen- und Ohrenzeuge des Events (den Ausdruck gabs seinerzeit noch nicht) offenbarte seine Talente als Rechenkünstler, indem er uns hinterher in der Kantine sein kleines feines Buch Eine himmlische Rolle mit folgender Widmung schenkte: Lothar und Ingelott überreicht an dem Tage, als Lothar für einen Stundenlohn von 72.000 Mark 1 Märchen erzählte. 5. Oktober 1976.
Das waren noch Zeiten!
Erinnern sich die Berliner etwa mit einem Denkmal an ihren früheren Mitbürger Kurt Tucholsky? Das wäre eine widersinnige Hoffnung. Niemand denkt wirklich an eine Figur, die ihn von einem sogenannten Denk-Mal herunter anglotzt. Wäre es anders, so müssten die Bewohner mancher deutschen Stadt täglich an Bismarck denken oder an Kaiser Willem. Oder Menschen auch aus kleineren Siedlungen hätten zu Sowjet-Zeiten rund um die Uhr an Väterchen Stalin gedacht. Das haben sie vielleicht sogar getan, aus gewissen Gründen, nicht wegen der Denkmäler.
In Berlin gibt’s indes eine Tucholskystraße. Ganz in der Nähe dieses Theaters. Diese Straße hieß früher Artilleriestraße, weil in der Gegend mal eine Kaserne für Artilleristen war. Diese Straße verläuft vom Spreeufer bis zur Torstraße. Auf der einen Seite befindet (oder befand?) sich die Charitéklinik für natürliche Heilweisen, worinnen einst der Professor Paul Vogler auf natürliche Weise heilte. Hauptsächlich mit Wasser. Daher nannte man den Professor auch „Plansche-Paule”. Auf der anderen Seite wohnte zeitweilig ein prominentes DT-Mitglied namens Eberhard Esche. Die Torstraße hieß früher Wilhelm-Pieck-Straße. Kleiner Hinweis für Gäste aus älteren oder exotischen Ländern: Pieck war mal DDR-Präsident.
Apropos: Der amtliche „Reichsanzeiger und Preußische Staatsanzeiger” gab am Freitag, dem 25. August 1933, bekannt, wem die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt wurde: dem Dr. Tucholski, Kurt, geschrieben mit i. Und übrigens auch dem Pieck, Wilhelm.
Dazu möchte ich folgendes sagen: Gar nichts.
Gehalten am 21. Oktober 2007 im Deutschen Theater in Berlin

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik

Dankesrede zur Verleihung des Tucholsky-Preises

»Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich«. Das ist das Motto dieser Tagung. Das sagt Kurt Tucholsky. Und das ist uns Deutschen zehn Jahre nach seinem Tod ganz selbstverständlich geworden.
Aber ich doch nicht. Ich konnte 1945 als zehnjähriger Dorfbewohner – in einem kleinem Nest bei Bad Kissingen, wo Bismarck immer kurte und wo er sein Kissinger Diktat zur Lösung der Balkankrise entwarf – ich konnte nicht verstehen, daß unser Krieg verloren sein soll. Ich glaubte, noch gut zwei Jahre, daß der Führer lebt und daß unsere Wehrmacht mit ihren Wunderwaffen aus dem Untergrund aufstehen und den Feind schlagen wird. Und hätte ich nicht die Gnade der allzu späten Geburt gehabt, in der Waffen-SS wäre ich auch noch gelandet.
Der Abscheu der Deutschen vor dem Krieg hielt bis nahezu zum Ende des Jahrhunderts an. Bis zum Beginn der rot-grünen Reformkoalition. Da, um 1998/99 stellte sich für uns Deutsche heraus, daß Krieg durchaus nicht unsittlich sein muß. Tucholsky ist seither widerlegt.
Es war Gerhard Schröder, der als erster deutscher Kanzler seit Adolf Hitler wieder Krieg führte. Der Kriegsgrund war zutiefst sittlich. Es war ein Ritus der Adoleszenz, der Reife, der Deutschland aus seiner 1945 selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite, der Deutschland endlich wieder erwachen ließ, erwachsen machte. Es war der Gründungsmythos der Berliner Republik.
Schröders Außenminister Joseph Fischer hat dies auf den Punkt gebracht. Weil der serbische Hitler Adolf Milosevic den Balkan in ein – da kennen wir uns aus – neues Auschwitz verwandelt hatte, verwandelte sich die bis dahin gültige Doppelparole »Nie wieder Auschwitz«, »Nie wieder Krieg« in eine saubere Alternative.
Mit dem Schlachtruf »Nie wieder Auschwitz« stürzten wir uns in den Krieg.
Zuvor war Verteidigungsminister Rudolf Scharping – Sie erinnern sich: der heutige Präsident der manchmal ehrlichen Radfahrer – an der Spitze einer uniformierten Bundeswehrkompanie in die Gedenkstätte Auschwitz einmarschiert, um sich mit Hilfe eines dort niedergelegten Kranzes die Weihe für diesen Krieg zu verschaffen.
Es ging auch gar nicht anders: Nach der vollzogenen Wende war Krieg notwendig. In seinen soeben erschienenen Memoiren unterrichtet Joseph Fischer das deutsche Volk, wie man sich so einen Krieg holt. Noch nicht im Amt, bat er seinen FDP-Vorgänger Klaus Kinkel, ich zitiere, »um den aktuellen Sachstand in der Frage Kosovo und NATO über die Mobilisierungsentscheidung der militärischen Kräfte (Act.Ord). Danach würde der konkrete Einsatzbefehl allein beim NATO-Oberbefehlshaber liegen, und würde dieser den Befehl – nach einem Anruf aus Washington erteilen, dann hieße dies Krieg.« (S.106)
Eine Seite weiter in seinen Memoiren hat Fischer sich – auch für uns – entschieden: »Innerhalb weniger Minuten hatte ich, ohne Abstimmungsmöglichkeit mit Partei und Fraktion, eine der weitreichendsten Entscheidungen in meinem Leben zu treffen gehabt, nämlich die über Krieg und Frieden…« (S.107)
Joseph Fischer wählte den Krieg. An der Seite der USA. Aber er wählte frei und gern. Denn es war im Grund ein alter deutscher Krieg. Der Krieg zur Vernichtung Jugoslawiens, den Deutschland 1941 führte, der damals – ohne Kriegserklärung – mit der Bombardierung Belgrads begann, und 1999 ebenso. Und der auch schon 1914 als Krieg gegen Serbien, begangen wurde, gegen Serbien, das sich Österreichs Sühneforderungen für den Mord von Sarajewo unterworfen hatte. Doch weil Deutschland sich an Österreichs Seite stellte, sollte »Serbien sterbien« wie der Kriegsruf damals hieß.
Dann wurde 1999 aus Jugoslawien das neue Auschwitz, gegen dessen Urheber wir, das erwachsene Deutschland, Krieg führen mußten.
Es lief alles wie im Ersten Weltkrieg. »Nichts, nicht einmal die Feldpost, hat in diesem Krieg so kläglich versagt wie der deutsche Geist«, schrieb im November 1914 der deutsche Schriftsteller Gustav Landauer, den fünf Jahre später deutsche Freikorps auf viehische Weise lynchten.
Ich, der ich als dummer kleiner Junge in Euerdorf, ja so hieß das Nest, schon einmal auf so was reingefallen war, schämte mich, daß unser neuer deutscher Gegenwartsgeist am Ende des Jahrhunderts schon wieder Feldpost spielte – eine liebreizende Kollegin trampte mit ihrem Hund im Bundeswehrpanzer durch das zerschlagene Jugoslawien.
Vorletzte Woche hat auf der Frankfurter Buchmesse die katalanische Schriftstellerin Nuria Ama gesagt: »Wir wissen, dass es Sache der Politiker ist, mit Lügen zu manipulieren, und die der Schriftsteller wie Kafka, Wahrheiten aufzudecken.«
Nun haben wir zwar keinen richtigen Kafka im deutschen PEN, und er selber ist auch nie irgendwo PEN-Mitglied gewesen, aber Schriftsteller zum Aufdecken hätten wir in unserem Verein doch die Menge, dachte ich, nach Josef Fischers Krieg. Und so – ich will jetzt mal ins Plaudern geraten – stellte ich zusammen mit Christoph Hein, dem gerade ausgeschiedenen Präsidenten des Deutschen PEN auf unserer Mitgliederversammlung im Jahr 2000 einen Antrag.
Er ist mit der überwältigenden Mehrheit des im PEN versammelten Geistigen Deutschland abgelehnt worden.
Und so können sie ganz gewiß sein, meine Damen und Herren: der Deutsche Geist, die Deutschen Intellektuellen, die Deutschen Schriftsteller haben nichts, aber auch gar nichts mit den folgenden Sätzen aus dem Jahr 2000 zu tun, die ich Ihnen genau deshalb nicht ersparen will:

Ein Jahr nach dem dritten deutschen Krieg im 20. Jahrhundert bedauert die Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland, daß Schriftsteller dazu bereit waren, sich hinter die Friedenspolitik der deutschen Bundesregierung zu stellen, die eine Politik des Krieges war.
Heute, nach den Untersuchungen des ehemaligen Brigadegenerals und Leiters des Zentrums für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr, Heinz Loquai, scheint dies festzustehen: Das »Massaker von Racak«, mit dem wir kriegsbereit gemacht werden sollten, war mit hoher Sicherheit eine (leider normale) Schießerei zwischen Bürgerkriegsgegnern. Und der »Hufeisenplan« zur Vertreibung aller Kosovoalbaner, mit dem Verteidigungsminister Scharping die Bombardierung Jugoslawiens rechtfertigte, war eine Erfindung des Bundesverteidigungsministeriums, um die erst nach der NATO-Bombardierung einsetzenden großen Flüchtlingsströme zu begründen.
Wir wissen heute, daß es 1999 entgegen der Behauptung von Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping in der Kosovohauptstadt Pristina kein serbisches KZ gab. Wohl aber gab es 1944 an diesem Ort ein deutsches KZ, in dem mit Hilfe von kosovoalbanischen SS-Leuten Juden, Serben und Roma ermordet wurden.
Wir wissen, daß im jugoslawischen Bürgerkrieg von allen Seiten schwere Verbrechen begangen wurden, Verbrechen, die es aber nicht rechtfertigen, mit der Parole »Nie wieder Auschwitz« (Außenminister Joseph Fischer) zugunsten einer Seite einzugreifen, die schon im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Großdeutschlands stand.
Schon im Ersten Weltkrieg haben berühmte deutsche Schriftsteller und Professoren sich in gemeinsamen Erklärungen und Aufrufen hinter ihre Regierung gestellt und die deutsche Propaganda unterstützt. Wir warnen vor Fortsetzung in einer Zeit, in der die Bundeswehr als Krisenreaktionsstreitmacht fähig gemacht werden soll, jederzeit und an jedem Punkt der Welt militärisch einzugreifen. Die – entschieden selektive – Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, die wir zu Recht oder zu Unrecht als Schurkenstaaten betrachten, kann keine Rechtfertigung dafür sein, daß von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht. Wir fordern Mißtrauen gegenüber allen deutschen Regierungen, die sich so leichtfertig wie das gegenwärtige Kabinett zu kriegerischen Einsätzen bereit finden.
Wir fordern die deutschen Medien auf, sich nach dem Vorbild der französischen Presse bei ihren Lesern, Hörern und Zuschauern für die Fehlinformationen zu entschuldigen, die ungewollt erfolgten, da man der Desinformation und Propaganda der Regierung geglaubt hatte.

Da hätten Sie mal, meine Damen und Herren, angesichts dieses Textes unseren Ersatz-Kafka, den damaligen Generalsekretär und heutigen Präsidenten des Deutschen PEN, Johano Strasser, erleben sollen. »Er gilt als einer der Vordenker der SPD«, las ich letzten Freitag in der Rotenburger Rundschau, dort an der Wümme las er vor dem SPD-Ortsverein aus seinen Memoiren.
Alles Quatsch, der Antrag sei unsinnig, alles längst überholt. Sein Freund Scharping habe ihm versichert, daß es den Hufeisenplan doch gebe und alles andere auch. Und im übrigen können wir nicht lang diskutieren. In zehn Minuten ist die Mitgliederversammlung zu Ende. Wenn nicht, wird das Essen kalt.
Der Deutsche Geist von 2000 hatte Hunger, stimmte rasch mit 9 gegen 78 Nein-Stimmen den ihm zugemuteten Antrag hinweg und begab sich pünktlich zum Abschiedsmahl.
Wenige Tage später aber erhob sich der Deutsche Geist in Moskau zu heftiger Kritik. Beim Internationalen PEN-Kongreß in Moskau werden wir, so sprach Generalsekretär Johano Strasser im Rundfunk, »die Möglichkeit haben, in der russischen Öffentlichkeit und in der Weltöffentlichkeit noch einmal anzusprechen, was in Tschetschenien geschehen ist und immer noch geschieht, daß dort ein Krieg geführt worden ist, nicht gegen Kombattanten ausschließlich, sondern gegen die Zivilbevölkerung mit ungeheuren Grausamkeiten, daß parallel dazu die öffentliche Meinung manipuliert worden ist, daß Journalisten unter Druck gesetzt worden sind und gehindert sind an der Berichterstattung.«
Man werde in und an die Wunde Tschetschenien rühren, versprach Johano Strasser und insbesondere bei der Eröffnungsrede von Günter Grass werde »das Thema Tschetschenien eine Rolle spielen«.
Das war der richtige Mann am richtigen Ort. Wenige Monate zuvor hatte der deutsche Dichter den Krieg der Deutschen gegen Jugoslawien bejaht und das »Herummogeln um die Notwendigkeit des Einsatzes von Bodentruppen« getadelt.
Daß der russische PEN-Club kein Geld von der Regierung bekomme, war für den deutschen Generalsekretär »in dieser Situation eher ein Vorteil«. Denn: »Die Ford Foundation hat mitfinanziert, so daß auch von der Finanzierungsseite her Unabhängigkeit garantiert ist.«
Die Ford Foundation, die einst auch mit CIA-Geldern den Kongreß für die Freiheit der Kultur finanzierte, ist eine US-Stiftung zur Verbreitung der Demokratie, eingerichtet von Henry Ford, dem Freund Hitlers und Begründer des modernen US-Antisemitismus.
In Moskau aber sprach Günter Grass: »Das immerhin leistet die Literatur: sie schaut nicht weg, sie vergißt nichts, sie bricht das Schweigen.«
Ja, es war beste deutsche Literatur, als PEN-Freund Scharping nicht schwieg, als er die Wahrheit über den Serben erzählte: daß er »Frauen ihre Kinder aus den Armen reißt und ihre Köpfe abschneidet, um mit ihnen Fußball zu spielen«, daß »ermordeten Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird und der Fötus erst gegrillt und dann in den Bauch zurückgelegt wird«.
Große Erzählkunst. Günter Grass findet ihren Urheber öffentlich gut: »Ich finde es jämmerlich, wie die Presse mit so einem hervorragenden Außenminister wie Fischer und so einem hervorragenden Verteidigungsminister wie Scharping umgeht.«
Ich achte Günter Grass, wir kennen uns, meist aus der Distanz seit 45 Jahren, ich halte ihn, nicht einfach nur, weil man das zu seinem 80. Geburtstag muß, für einen der großen deutschen Schriftsteller. Ich bewundere seinen Fontane-Roman »Ein weites Feld« – wie er die Enteignung der Ostdeutschen durch die Treuhand schildert und dafür durch eine wütende westdeutsche Kritik gemaßregelt wurde.
Aber eines kann ich nicht vergessen. Vor zwei Jahren wurde von unbekannter Seite Gerhard Schröder für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Günter Grass, der selbst als Literaturnobelpreisträger kein Vorschlagsrecht für den Friedensnobelpreis hat, unterstützte öffentlich diese absurde Nominierung: Friedensnobelpreis für den ersten deutschen Kriegskanzler seit Hitler, nur weil er einmal – nicht zuletzt aus wahltaktischen Gründen – einmal einen Krieg und schon das stimmt nicht einmal ganz, ausgelassen hat, der ohnedies nie zu gewinnen ist. Der Neue Deutsche Geist – und mit ihm Günter Grass – hat durch die fröhlichen Rotweinrunden im Kanzleramt viel verloren.
Und er gewinnt auch nichts, wenn er sich heute von einem ehemaligen IWF-Präsidenten, der ganze Staaten wie Argentinien in Not und Bankrott trieb, zum Geburtstag belobhudeln läßt. Und sich dessen freut. Weil er in den letzten Jahren »viel Häme und Niedertracht« erfahren habe, »tut es mir gut«, sagt er zu der Ehrung von Horst Köhler, »wenn meine sechs Jahrzehnte währende Arbeit anerkannt wird.« Patriot ist er geworden, der sich stolz dazu bekennt, nach einem Sieg von mutmaßlich deutschen Fußballern das Deutschlandlied gesungen zu haben.
Wer anders als der in Günter Grass transsubstanziierte Deutsche Geist denkt, wird abgestraft. Da wird ein Litereraturpreis vergeben, der Preisträger ist schon gebeten, sich den Tag für die Übergabe frei zu halten – und dann erfährt er aus der Zeitung, daß er doch kein Preisträger sein darf: Peter Handke, der deutsche Schriftsteller, der das allgemeine Kriegsgeschrei nicht mitgemacht hat. Den Heine-Preis sollte er nicht bekommen, weil er sich weigert, anzuerkennen, daß Milosevic Hitlers Widergänger sei.
»Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Genie-Bonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen.« So sprach Günter Grass über Peter Handke zur Wochenzeitung Die Zeit. Und das war keine Selbstkritik.
Aber nun will ich Dank sagen, Dank Dir lieber Gerhard Zwerenz für die Laudatio, die ich nicht verdient habe, Dank der Tucholsky-Gesellschaft, für den Tucholsky-Preis, den ich dennoch erhielt. Und – diese Gelegenheit will ich nutzen: Dank an Monika, der Frau, die mich vor 44 Jahren geheiratet hat, die mich seither erträgt und unterstützt – und ohne die ich längst eingegangen wäre.
Und nicht zuletzt Dank Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie so lang mit soviel Geduld hingenommen haben.

Otto Köhler

Gehalten am 21. Oktober 2007 im Deutschen Theater in Berlin