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So wäre es, wenn …

Frank-Burkhard Habel (nach Ignaz Wrobel)

Schlagzeile in ›BILD‹. Kommt die Impfpflicht? –

Wie wir erfahren, ist soeben im Bundesjustizministerium ein Referentenentwurf fertiggestellt worden, der sich mit der Einführung der Impfpflicht befasst.

Alle Morgenjournale. Die von einer Boulevardzeitung verbreitete Meldung von der Wiedereinführung der Impfpflicht ist falsch. Im Bundesjustizministerium haben allerdings Erwägungen geschwebt über eine gewisse, natürlich partielle und nur für ganz bestimmte wenige Einzelfälle zu verhängende Form körperlicher Eingriffe; doch haben sich diese Erwägungen zu einem Referentenentwurf, wie das betreffende Blatt behauptet, noch nicht verdichtet.

14 Stunden Pause

Die Nachtjournale. Die Impfpflicht ist da! – Der stechende Minister! – Würden Sie Ihre Kinder impfen, Herr Spahn? – Endlich eine kräftige Maßnahme! – Immer feste hinein! – Pfui! – Die Kanülenregierung! – Rückkehr zur Ordnung!

Sozialdemokratischer Leitartikel. … sich tatsächlich bewahrheitet. Wir finden keine parlamentarischen Ausdrücke, um unsrer flammenden Entrüstung über diese neue konservativ-diskriminierende Schandtat Ausdruck zu geben. Nicht genug damit, dass dieses Ministerium dem Volk die Steuerlast aufbürdet – nein, der rechtschaffene Arbeitnehmer soll nun auch noch, wie es im Feudalismus üblich war, mit Nadelstichen abgestraft werden. Die Bundestagsfraktion hat bereits schon jetzt zu verstehen gegeben, dass sie gegen diesen neuen Plan schärfsten Protest …

›Münchner Neueste Nachrichten‹. … wir sagen müssen: der erste vernünftige Gedanke, der aus Berlin kommt.

5 Stunden Pause

Anti-Impf-Demo. »Eine Schmach und eine Schande! Ich könnte es keinem der Gestochenen verdenken, wenn sie nachher hingingen und ihren Quälern ihrerseits in alle Körperteile … « (Ungeheure Aufregung vor der Bühne. Die Leute schreien, werfen Plakate in die Luft und winken mit Taschentüchern. Es werden 34 Portemonnaies geklaut. Es bilden sich Pfützen von Schweiß.)

tageszeitung: … natürlich absolute Gegner*innen der Impfpflicht sind und bleiben. Es ist allerdings bei der gegenwärtigen Konstellation zu erwägen, ob diese in der großen Politik doch immerhin nebensächliche Frage für die Bündnisgrünen ein Anlass sein kann, die unbedingte Unterstützung, die sie der gegenwärtigen Regierungskoalition zugesagt hat, abzublasen. Andrerseits …

Protestversammlung der Antifa. (Verboten.)

Telefonzelle im Bundestag. » … Halloo! Hallo, Saarbrücken? Allô, allô – Je cause, mais oui, mademoiselle – aber bitte! Ne coupez-pas! Ja, deutsch! Sind Sie da? Also … Zusatzantrag der Frau Sahra Wagenknecht beraten, haben Sie? dem zufolge der Oberarm der Impflinge vorher mit Nelken desinfiziert – – hallo! Saarbrücken … !«

E-Mails an den Bundespräsidenten. … flammenden Protest! Nordwestdeutsche Arbeitsgemeinschaft höherer Hausärzte. … Ansehen Deutschlands im Ausland. Verein der linksgerichteten ziemlich entschiedenen Piraten. …  aber auch die nationalen Belange der deutschen Wirtschaft nicht zu vergessen! Verband der medizinischen Rohr-Fabrikanten.

Überschrift eines sozialdemokratischen Leitartikels. »Jein –!«

Bundestagsbericht der Tagesschau. Heute wurde unter atemloser Spannung der Tribünen die 1. Lesung des neuen ›Gesetzes zur Einführung der vorbeugenden medizinischen Zwangsertüchtigung‹, wie sein amtlicher Titel lautet, durchberaten. Das Haus war bei der vorhergehenden Beratung der Schleusen-Gebühr-Reform für den Bezirk Havelland-Ost sehr gut gefüllt, weil diese Vorlage von allen Parteien als ein Angelpunkt für die drohende Belastung der jetzigen Koalition angesehen wird; ihre Annahme wurde rechts mit Händeklatschen, links mit Zischen begrüßt. Bei der Lesung des Ertüchtigungsgesetzes leerte sich das Haus langsam, aber zusehends. Als erster sprach als Gastredner der Senior der deutschen Immunulogie, Professor Dr. med. Dr. Dr. hon. Roland Heilmann. Er führte aus, dass die Wiedereinführung der Impfpflicht ihn mit schwerer Besorgnis erfülle, er aber andrerseits eine gewisse Befriedigung nicht zu unterdrücken vermocht habe. Sein alter Kollege Prof. Brinkmann habe ihm schon im Jahre 1984 gesagt …

Der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Mützenich verkündigte nach einer ausführlichen Ehrung des Gastredners Heilmann in außerordentlich glänzender und ironischer Rede das klare Nein seiner Partei. (Siehe jedoch weiter unten: ›Letzte Nachrichten‹.) Unter dem Beifall der SPD und Linken bewies Abgeordneter Mützenich …

Es sprach dann, nach entsprechenden Ausführungen des Linken Gysi, der es vorzieht, gegen Stachel zu löcken, für die Freien Demokraten der Abgeordnete Kubicki. Seine Partei, so führte er aus, stehe dem Gesetz sympathisch gegenüber. Allerdings hätten wir ja alle schon einmal als Kinder tief in der Nase gebohrt. (Stürmische, minutenlang anhaltende Heiterkeit.)

Sozialdemokratische Parteikorrespondenz…. Wasser auf die Mühle der Kommunisten. Der klassenbewußte Arbeiter ist eben so diszipliniert, dass er weiß, wann es Opfer zu bringen gilt. Hier ist eine solche Gelegenheit! Schweren Herzens hat sich der Parteivorstand dem Gebot der Stunde gebeugt. Es ist eben leichter, vom Schreibtisch her gute Ratschläge zu erteilen, als selber, in hartem realpolitischem Kampf, die Verantwortung …

Interview mit der Bundeskanzlerin. … dem Vertreter der ›World‹ fast feierlich zugesagt, dass natürlich die Ausführungsbestimmungen der Humanität voll Genüge tun werden. Es wird, wie regierungsseitlicherseits bestimmt zugesagt werden kann, dafür gesorgt werden …

8 Wochen Pause

Kleine Nachrichten. Gestern ist im Bundestag das Gesetz für die Einführung der körperlichen medizinischen Ertüchtigung mit den Stimmen der drei Rechtsparteien gegen die Stimmen der Linken angenommen worden. Sozialdemokraten, Bündnisgrüne und Freie Demokraten enthielten sich der Abstimmung.

Phoenix-Das ganze Bild. Gestern ist in Celle die erste Zwangs-Impfung vollstreckt worden. Es handelte sich um einen Arbeiter, Ernst A., der der versuchten Tierquälerei an jungen Maikäfern bezichtigt war. Dem Delinquenten wurden 3 Impfdosen verabfolgt. Das Personal arbeitete einwandfrei; Minister Spahn wohnte der Prozedur persönlich bei. A. ist Mitglied der KPD. 

8. März 2046. » … auf die arbeitsreiche Zeit von 25 Jahren zurückblicken. Wenn das Bundesertüchtigungsamt bis heute nur Erfolge gehabt hat, so dankt es das in erster Linie der vollen Unterstützung aller Bundesbehörden sowie dem Bundesverband der medizinischen Bundesertüchtigungsbeamten. Die bewährte Maßnahme ist heute nicht mehr wegzudenken. Sie ist eine politische Realität; ihre Einführung beruhte auf dem freien Willen des ganzen deutschen Volkes, dessen Vollstrecker wir sind. Das Gegebene, meine Herren, ist immer vernünftig, und niederreißen ist leichter als aufbauen. In hoc signo vinces! So dass wir also heute voller Stolz ausrufen können:

Das deutsche Volk und seine Impfpflicht – sie sind untrennbar und ohne einander nicht zu denken!

Das walte Gott!«

F.-B. Habel, seines Zeichens Zweiter Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, hat Ignaz Wrobels Satire „Was wäre, wenn …“ zur vorgeblichen Wiedereinführung der Prügelstrafe aus der Weltbühne 38/1927 aufgegriffen, und gibt sie weitgehend wörtlich mit aktuellen Anpassungen wieder. Er ist bereits erfolgreich geimpft und empfiehlt Gleiches allen, die diesen Blog besuchen. Die Glosse bezieht sich allein auf Politikbetrieb und Medienecho.

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Virus zweiten Grades (In Anlehnung an Tucholskys Spanische Krankheit?)

(von Phillip Helmke, KTG-Mitglied und studierter Literaturwissenschaftler. Er hat Tucholskys „Spanische Krankheit?“ von 1918 im Lichte der gegenwärtige Lage umgedichtet)

Was schleicht über alle globalisierten Schranken?
Welches Ding schleift die infizierten Gedanken
von der Werkbank bis zur Prominenz?
Es ist kaum zu sehen; wer nennts? Wer kennts?
Schmerzen nicht im Hals, sondern im Hirn –
Diagnose: Virus hinter der Stirn.

Denn wenn ichs genau betrachte
und hübsch auf alle Symptome achte,
bemerke ich es mit einem Mal:
nicht nur physisch geht viel viral.
Denn sehe ich das eigentliche Krankenkorps:
tritt ungeniert blanker Irrsinn hervor.

Ein großes Geplärr dummdreister Beschwerden,
Corona sei die größte Verschwörung auf Erden!
Der Aluhut, er sitzt adrett,
Die Fahnen würdevoll geschwenkt und kokett;
Schon mittags einen sitzen, die, wie in Anstalten
ihre weltverlassenen Psychosen entfalten.
Mit Sicherheit wird eines CoVid überdauern:
schleichender Wahnsinn hinter bürgerlichen Mauern.

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Ängstliche Augen in der Großstadt

Die Autorin und Vorleserin Ulla Wilberg zeigt mit wenigen Pinselstrichen, wie sich ein Klassiker auf die aktuelle Lage beziehen lässt.

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit den Corona-Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Erstaunlich ängstliche Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast´s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
Vorsichtig durch die Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Infizierter sein,
es kann ein Negativer sein,
es kann im Kampfe ein
Gesunder sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.

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Watt willste in Meenz; Rheinsberg iss och scheen.

Oh, hochverehrtes Publikum,

du bist doch nicht so dumm…

Wie das in einem Werk benannt,

Das dir natürlich wohl bekannt.

Kennst alle Tuchos Werke schon.

Er ist und bleibt dein großer Sohn.

Gab dir, Gesellschaft, seinen Namen,

Gibt jeder Tagung klugen Rahmen.

Du forschst mit Wissenschaft und Akribie,

das, was ein Durchschnitts-Leser nie-

mals hätt heraus gelesen:

des Mannes tief-komplexes Wesen.

Kann ich dich also noch begeistern

Mit Panters, Tigers wilden Geistern?

Mit Texten, die ich ausgewählt.

Knapp zwanzig war’n es – abgezählt.

Nun hab ich’s schnell zusamm’ jestrichen.

Aufgrund Corona abjewichen.

Vom alten Plan ist nüscht mehr dran.

Watt dich valleecht bejeistern kann.

Mein neuer Plan iss also der,

Een Kurz-Projramm vor dem Varzeer.

Die jroße Kost kannste vajessen,

Et jibt een Schnäpschen vor dem Essen.

Prost! Und nu’ jeht’s los! 

Oh, hochverehrtes Publikum…

Joe Faß zum Einstieg in sein Programm während der Tagung in Rheinsberg, 30.10.2020

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Zum Tod von Brigitte Rothert

Es gibt Menschen, denen man auch in sehr hohem Alter wünscht, sie könnten ewig leben, weil wir nicht auf sie verzichten wollen. Der Gedanke ist verständlich, aber egoistisch: Brigitte litt nach einem Sturz unter Demenz, lebte zuletzt im Heim, war Corona-krank. Trotzdem sage ich, der Tod ist zumindest für die Überlebenden keine Erlösung, sondern nur ein etwas brutaler Schlussstrich.

Brigitte war Kurt Tucholskys Großkusine und war darauf mit Recht stolz. Nach einer Veranstaltung, in der das Ehepaar Helfritsch das Lied “Fang nie was mit Verwandschaft an!” zum besten gegeben hatte, stürmte eine ältere Frau auf die beiden zu mit den Worten “Ich bin die Verwandschaft!” Bei einem Fernsehquiz des Typus “Wer bin ich?” trat sie als unser Namenspatron auf, ließ keine Gelegenheit aus, um die Bedeutung des illustren Verwandten herauszustreichen. Darüber schrieb sie gar das Buch ihres Lebens. Gut so.

Unser Ehrenmitglied Brigitte war, wie wohl die Meisten von uns, eine zwiespältige Natur. Auf der einen Seite eine liebenswürdige ältere Dame, die eine besondere, generationationenübergreifende Beziehung zur KT-Gesamtschule Minden pflegte und Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte regelmässig besuchte, solange es ihr gesundheitlich möglich war. Hier passt vielleicht die Anekdote, dass ich vor Jahren bei Brigitte gefrühstückt habe – nein, nicht übernachtet, wo denkt ihr denn hin, sie hat mich fürsorglich bei einer Nachbarin mit einer größeren Wohnung in der Sültstrasse untergebracht. Eine liebe Gastgeberin.

Aber ihr politisches Interesse sowie ihre Überzeugungen hielten sich bis ins hohe Alter ungebrochen. Ihren Spruch “Ich bin aus der PDS ausgetreten, die entschuldigen sich nur die ganze Zeit!” werde ich niemals vergessen. Konsequent, kein Wendehals – auch wenn ich als Sozialdemokrat anderer Meinung war, musste das respektiert werden. Wir haben sie respektiert.

Der Kreis schließt sich. Mir und Anderen hat Brigitte erzählt, wie die alliierte Bombardierung von Dresden, die ich noch immer als ein Kriegsverbrechen meiner Landsleute betrachte, ihr und ihrer Mutter das Leben gerettet hat.

Denn die verhängnisvollen Akten, durch die die beiden nach dem Osten geschickt werden sollten, gingen mit den Schuldigen und auch den vielen Unschuldigen in den Flammen auf. Vor einigen Jahren zog sie wieder in die alte Heimatstadt ein und freute sich darüber riesig. Jetzt ist sie im anderen Sinne heimgegangen.

Wir trauern um Brigitte. Und gleichzeitig feiern wir ihr Leben.

von Dr. Ian King, 1. Vorsitzender der Kurt Tucholsky-Gesellschaft

Einen weiteren Nachruf hat unser 2. Vorsitzender Frank-Burkhard Habel für seine Kolumne im „Blättchen“ verfasst. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion folgt hier der Text:

Die Großkusine

Von F.-B. Habel

„Fang´ nie was mit Verwandtschaft an, dann bist du wirklich besser dran!“ Die heiteren Titelzeilen aus einem Chanson, das Kurt Tucholsky für eine Revue von Rudolf Nelson schrieb, nahm der Autor sehr ernst. Nur wenn es unumgänglich war, hielt er engen Kontakt zu seiner „Mischpoke“. Seiner Großkusine Brigitte Jährig hätte er noch im Bauch ihrer Mutter begegnen können, als er im Frühjahr 1928 ein letztes Mal zu einem Kuraufenthalt in Dresden auf dem Weißen Hirsch weilte. Aber er sah von einem Besuch ab. Die im Sommer geborene Brigitte lernte immerhin noch ihre Großtante Doris, Kurts Mutter, kennen und erst Jahrzehnte später ihre in die USA emigrierte Großkusine Ellen, Kurts Schwester.  

Als Brigitte anfangs unbeschwert aufwuchs, lernte sie bald, dass sie es schwerer haben würde als andere. Nach den Rassegesetzen der Nazis war sie ein „Mischling ersten Grades“, fiel unter die Einschränkungen für Juden. Der Vater hatte eine neue Familie gegründet, so dass von ihm kein Schutz ausging, im Gegenteil. Er war in NSDAP und SA, machte gegenüber Ämtern geltend, dass er für den „Judenstämmling“, also Brigitte, keinen hohen Unterhalt zahlen könne, weil das zum Nachteil seiner arischen Kinder aus zweiter Ehe wäre. Nur mit Freundeshilfe und falschen Angaben konnte sie eine Büroarbeit aufnehmen, war aber gezwungen, in den vierziger Jahren mit ihrer Mutter in einen „Judenhaus“ zu leben, in dem jüdische Dresdner Bürger beengt und drangsaliert beieinander wohnten. Nachbarn waren in diesem Haus u.a. das Ehepaar Klemperer, und mit Victor Klemperer, der Brigitte sehr schätzte, bestand die freundschaftliche Verbindung bis an dessen Lebensende.

Von Tucholsky wurde bei Jährigs nicht viel gesprochen, aber Brigitte bemerkte, dass ihre Mutter, wohin sie auch getrieben wurden, immer einige Tucholsky-Bände mit sich nahm. Sie verbrannten in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 beim großen Angriff der alliierten Bomber, der Dresden fast auslöschte. Für Anne-Marie Jährig, geb. Tucholski, war es ein großes Glück. Zwei Tage später sollte sie abtransportiert werden, aber die Unterlagen verschwanden im Chaos, so dass ihr das Bombardement das Leben rettete.

Nach dem Krieg konnte Brigitte eine Ausbildung zur Russischlehrerin machen, lehrte erst in Dresden, später als Brigitte Rothert in Berlin. Nach und nach machte sie sich mit dem Werk ihres berühmten Verwandten vertraut, schätzte nicht nur seinen Witz sondern auch seine antimilitärische und antifaschistische Haltung. Brigittes Mutter Anne-Marie hielt Briefkontakt mit Kurts Schwester Ellen, und Brigitte lernte sie dann bei einem Berlin-Besuch in den siebziger Jahren kennen. Nach Ellens Tod 1982 fand ein großer Koffer mit Büchern und anderen Devotionalien den Weg zu Brigitte Rothert. Wie sie sich monatelang bei den DDR-Behörden darum bemühen musste, dass ihr der Nachlass ausgehändigt wurde, schilderte sie in ihrem 2007 erschienenen Buch „Tucholskys Großkusine erinnert sich“, das sie unter dem Namen Brigitte Rothert-Tucholsky veröffentlichte. 

Da Kurt Tucholsky und seine Geschwister kinderlos geblieben waren, und viele Verwandte – darunter auch Tante Doris, Tucholskys Mutter – im Holocaust umkamen, war Brigitte Rothert jetzt die letzte Verwandte der Familie. Für sie war es nun zur Lebensaufgabe geworden, das Werk ihres Vorfahren weiter zu verbreiten. Sie trat in die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ein (die sie zum Ehrenmitglied ernannte), sprach im Fernsehen über ihren berühmten Verwandten, besuchte sein Grab in Schweden, hielt Kontakt mit Tucholsky-Bibliotheken und trat in Tucholsky-Schulen auf. Besonders eng wurde die Zusammenarbeit mit der Tucholsky-Gesamtschule in Minden/Westf. seit den neunziger Jahren. Sie arbeitete mit den Schülern und führte sie an Tucholskys Werk heran. Auf der Homepage der Schule ist Brigitte Rothert mit Rezitationen zu hören.

In den neunziger Jahren wandelte sich die Russisch- zur Deutschlehrerin, erteilte in der Oranienburger Straße russischen Auswanderern Deutschunterricht. Doch es zog sie in die Heimat. Mit über 80 zog sie wieder in Dresden in eine schöne Hochhauswohnung mit Blick über die Stadt bis zu den angrenzenden Gebirgen. Am Ende ihres Lebens blieb ihr die Covid-19-Infektion nicht erspart. Mit 92 Jahren starb Tucholskys letzte Verwandte im November in einem Pflegeheim in Radeburg. Ihre Erinnerungen werden weitergetragen.

Der Text entstand für die Ausgabe 25/2020 auf der Plattform das-blaettchen.de

Weitere Nachrufe: Kurt Tucholsky-Gesamtschule Minden

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik Pressemitteilung

[Ausschreibung] Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2021

Der Preis

Der in der Mitgliederversammlung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft in Gripsholm 1994 beschlossene Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik, wird von der Kurt Tucholsky-Gesellschaft, mit Sitz in Berlin, verliehen und getragen. Der Preis wird im Zweijahresabstand verliehen.

Die Ehrung erfolgt für politisch engagierte und sprachlich prägnante Werke der literarischen Publizistik, die sich im Sinne des Namensgebers kreativ und kritisch mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen und Vorgängen auseinandersetzen und Realitäten hinter vorgeschobenen Fassaden erhellen sowie für nachhaltige künstlerische Interpretationen von Texten Tucholskys.

Der Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik kann für journalistische und literarische Werke verliehen werden, die den »kleinen Formen« zugerechnet werden können.

Die Begutachtung soll sich auf bisher unveröffentlichte oder innerhalb der letzten fünf Jahre veröffentlichte Publikationen beziehen. Möglich ist auch die Auszeichnung eines Lebenswerkes.

Die Preissumme beträgt 5.000 €

Die Jury

Die Jury für die Vergabe des Preises im Jahr 2021 besteht aus:

  • Doris Akrap
  • Zoë Beck
  • Nikola Richter
  • Dr. Ulrich Janetzki
  • Prof. Dr. Stuart Parkes

Die Jury wählt den⁠ʔ⁠die[i] Preisträgerʔin durch Stimmenmehrheit. Sie kann eine Preiszuerkennung aus inhaltlichen oder formalen Gründen ablehnen. Sie kann für nicht ausgezeichnete Vorschläge ehrende Würdigungen aussprechen.

Einreichung von Vorschlägen

Die Ausschreibungsfrist beginnt am 2. November 2020. Die Vorschläge sind bis zum 31. März 2021 an die Geschäftsstelle der KTG zu richten:

Kurt Tucholsky-Gesellschaft e.V.

Besselstraße 21/II

32427 Minden

Mobil: 0049-(0)151 67 61 14 66
Fax: 0049-(0)571 39 86 88 94

info@tucholsky-gesellschaft.de

Vorschlagsberechtigt für die Würdigung durch den Preis sind die Mitglieder der KTG, frühere Preisträgerʔinnen, ordentliche Mitglieder geistes- und sozialwissenschaftlicher Fachbereiche von Universitäten und Hochschulen, deutschsprachige Verlage und Bibliotheken sowie verantwortliche Redakteurʔinnen journalistischer Medien.

Mitglieder der Jury sind nicht vorschlagsberechtigt. Eigenbewerbungen sind nicht zulässig.

Die vorgeschlagenen Arbeiten – in Betracht kommen Manuskripte, Bücher, Artikel, Internetbeiträge und audiovisuelle Beiträge – sollen bevorzugt digital eingereicht werden. Hierbei ist auf gängige Formate und Vervielfältigbarkeit zu achten. Beizulegen ist ein kurzer Lebenslauf desʔder Vorgeschlageneʔn und eine kurze Begründung des Vorschlages. Soweit die Einreichung auf analogen Datenträgern erfolgt, müssen die vorgeschlagenen Werke in fünffacher Ausfertigung eingereicht werden[ii].

Die Arbeiten der Preisbewerber_innen müssen in deutscher Sprache verfasst sein.

Die Entscheidung über denʔdie Preisträgerʔin erfolgt bis zum 15. September 2021.

Die Annahme des Preises verpflichtet denʔdie Preisträgerʔin zu einem öffentlichen Vortrag im Rahmen der Verleihungsfeierlichkeiten. Die KTG darf den Text des Vortrages honorarfrei veröffentlichen.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


[ii] Da die Beiträge allen Jury-Mitgliedern zugänglich gemacht werden müssen, sind insbesondere seltene Formate oder mit DRM geschützte Beiträge nicht zweckmäßig. In diesen Fällen kann die Jury um Neueinreichung in geeigneter Form bitten. Ist dies nicht erfolgreich, kann die Jury Beiträge ablehnen.


[i] Das Graphem ʔ steht für den stimmlosen glottalen Plosiv oder Glottisschlag. Dieser Verschlusslaut erscheint in den meisten Varietäten der deutschen Sprache vor vokalischem Anlaut, beispielsweise Acht [ˈʔaxt], der Alte [deːɐ̯ ˈʔaltʰə] und vor vokalisch anlautenden Wortstämmen in zusammengesetzten Wörtern, beispielsweise beachten [bəˈʔaxtʰən]. In den meisten Varietäten des Deutschen wird dieser stimmlose glottale Plosiv ausgesprochen. Mitunter können zwei verschiedene Wörter im Deutschen nur anhand des Glottisschlags voneinander unterschieden werden (z. B.: das Spiegel-Ei, die Spiegelei). Die Medienwissenschaftlerin Alena Dausacker schlägt das Graphem als Alternative zu den verschiedenen bisher kursierenden Varianten einer inklusiven, genderneutralen Darstellung vor. Damit ließe sich das häufig als Kontraargument zu populären Varianten wie dem Gendersternchen [*] oder Gendergap [_] bzw. dem Hornscheidt’schen [x] vorgebrachte Ausspracheproblem recht elegant lösen. Wir finden diese Idee spannend und haben sie daher hier verwendet. Bitte betrachten Sie dies als ergebnisoffenes Diskussionsangebot bzw. als Experiment und keineswegs als Handlungsaufforderung normativen Charakters.

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Einladung zur Jahrestagung 2020

Liebe Mitglieder und Freund*innen der Kurt Tucholsky-Gesellschaft,

bald findet unsere nächste Tagung statt – mit Kabarett, Musik und spannenden Vorträgen und passenderweise all das im schönen Rheinsberg. Mit einem literarischen Besuch in dieser Stadt machte Kurt Tucholsky sich einst einen Namen.

Wir haben ausgezeichnete Gäste geladen und ein unterhaltsames Rahmenprogramm vorbereitet. Hauptthema wird die deutsche Kabarett- und Satirekultur im Wandel der Zeiten sein. 

Natürlich kann die Tagung Corona-bedingt nur unter Auflagen stattfinden. Wir sind da sehr vorsichtig und haben uns lange den Kopf zerbrochen. Zum Glück konnten wir mit den Betreibern der Musikbrennerei, Jane Zahn und Hans-Karsten Raecke, auf altbewährte Partner zurückgreifen, sodass für Mindestabstand usw. gesorgt ist.

Am wichtigsten ist erstmal, dass wir auf 30 Teilnehmer*innen begrenzen mussten. Meldet Euch also so bald wie möglich an! Es wird eine Warteliste geführt, Anmeldeschluss ist der 10. Oktober.

Das Anmeldeformular gibt es hier auf unserer Homepage unter Tagungen. Dort steht auch das nun vollständige Programm! 

Für Rückfragen zum Hygienekonzept, Übernachtungsmöglichkeiten in Rheinsberg oder zum Programm allgemein sind wir jederzeit per Email erreichbar (am besten an vorstand@tucholsky-gesellschaft.de).

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Blog-Beitrag von Ulla Wilberg

Die Autorin und Vorleserin Ulla Wilberg zeigt mit wenigen Pinselstrichen, wie sich ein Klassiker auf die aktuelle Lage beziehen lässt.

Ängstliche Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit den Corona-Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Erstaunlich ängstliche Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast´s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
Vorsichtig durch die Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Infizierter sein,
es kann ein Negativer sein,
es kann im Kampfe ein
Gesunder sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.

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Kurt Tucholsky Preis für literarische Publizistik Pressemitteilung

Stellungnahme zur Verurteilung von Deniz Yücel

Der Publizist und Kurt Tucholsky-Preisträger des Jahres 2011 Deniz Yücel ist erneut von den Justizschergen des Erdogan-Regimes verurteilt worden. Das ist für den unerschrockenen Wahrheitskämpfer Deniz keine Schande, sondern eine Ehrenbezeugung für gute Arbeit. Die Kurt Tucholsky-Gesellschaft unterstützt Deniz und unterschreibt gern die Stellungnahme des Verlags Kiepenheuer und Witsch für seinen Autor, die unten nachgedruckt wird. Der Journalismus ist kein Verbrechen. Weiter so, Deniz!

Der Text der Stellungnahme des Verlags vom 17. Juli 2020 findet sich hier.

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Tagungen

Jahrestagung findet nicht in Mainz statt

Wie angesichts der aktuellen Entwicklung erwartbar war, kann unsere Tagung nicht wie geplant im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz stattfinden. Wir haben uns aber über Ersatz Gedanken gemacht und sind in der Musikbrennerei Rheinsberg fündig geworden. Wir haben bereits vor einigen Jahren in Rheinsberg getagt. Passenderweise ist die Musikbrennerei die Heimspielstätte der Kabarettistin Jane Zahn, die während der Tagung auftreten soll.

Über die weiteren Details dieser Tagung, die im bisher angedachten Zeitraum stattfinden soll, werden wir euch sobald wie möglich informieren. Die meisten Tagungspunkte werden gleichbleiben! Allerdings wird es aufgrund der Hygienemaßnahmen eine Beschränkung der Teilnehmerzahl geben.

Die Details werden über die Website und den Newsletter weitergegeben. Für Anfragen und Anregungen sind wir jederzeit per Email erreichbar!